Las Vegas
Las Vegas: Sündenstadt ist nicht immun gegen Wirtschaftskrise

Während der Hochkonjunktur verspielten Touristen in den Casinos von Las Vegas über 900 Millionen Dollar pro Monat. Nun spürt aber auch die Sündenstadt in der Wüste von Nevada die Wirtschaftskrise.

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Renzo Ruf, Las Vegas (Nevada)

Las Vegas hat es wieder einmal geschafft, den Rest des Landes zu überraschen. Im Flughafen der «Sin City», wie die Glücksspiel- und Nachtklubdestination auch genannt wird, soll demnächst der erste Getränkeladen mit Bier, Wein und Schnaps in einem US-Airport eröffnet werden. Und zwar direkt bei der Gepäckausgabe.

Eine Flughafensprecherin bestätigt, dass drei Offerten eingegangen seien und das Geschäft gegen Jahresende seinen Betrieb aufnehmen werde. «Wir sind anders», lautet der trockene Kommentar von Tom Collins, einem Mitglied der Bezirksregierung von Clark County, die den McCarran International Airport betreibt. «Es geht um den Tourismus. Wir wollen die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.»

Einen Anschub hat die Wirtschaft des Ballungsraumes, die laut der Ökonomin Mary Riddel von der University of Nevada zu 40 bis 50 Prozent vom Tourismus abhängig ist, tatsächlich nötig. Trotz der glänzenden Fassaden am Strip, der legendären Hauptachse, spürt Las Vegas die Wirtschaftskrise. Viele Amerikaner geben sich derzeit knausrig und der Ausflug in die Stadt der Verführung wurde deshalb vielerorts gestrichen.

Rekordhohe Arbeitslosenquote

Die Zahl der Touristen stagniert gemäss den neusten Daten im April bei 3,2 Millionen – eine nur unwesentliche Steigerung gegenüber dem Krisenfrühling 2009. Diese Besucher liessen in den zahllosen Spielhöllen 690 Millionen Dollar liegen, ein Rückgang von mehr als 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Arbeitslosenquote im Staat Nevada ist im Mai auf die Rekordhöhe von 14 Prozent angestiegen. Im Ballungsraum sind fast 190000 Menschen auf der Suche nach einem Job.

Während sich in Flughafennähe Hotelpaläste wie das «Mandalay Bay» (3211 Zimmer), «MGM Grand» (5044), «Bellagio» (3933) und «Caesars Palace» (3348) aneinanderreihen, klaffen weiter nördlich grosse Lücken. Baukräne und Stahlgerüste zeugen von fallen gelassenen Projekten und zerstörten Träumen. Viele Verkaufsgeschäfte in diesem schmuddeligen Teil von Las Vegas stehen leer, weil sich nur wenige Touristen dorthin verirren. Die dringend notwendige Auffrischung des Strassenzugs mit seinen billigen Motels, Sexshops und Hochzeitskapellen muss immer wieder schubladisiert werden.

Auch in den benachbarten Wohnquartieren zeugen unzählige Verkaufsschilder in vernachlässigten Vorgärten von der Krise. Der Immobilienmarkt in der Wüste von Nevada ist mit der Finanzkrise zusammengebrochen. Die Preise für Neubauten sind seit 2006 um 40 Prozent gefallen. Im ersten Quartal 2010 standen über 28000 Häuser oder Eigentumswohnungen vor der Zwangsversteigerung – ein nationaler Rekordwert.

Probleme mit Milliarden-Investition

Am besten lassen sich die Schwierigkeiten, unter denen Las Vegas derzeit leidet, jedoch am protzigsten Gebäudekomplex am Strip illustrieren: Am City Center, einer Ansammlung von vier modernen Fünfsternehotels, Gourmetrestaurants, Casinos, Eigentumswohnungen und einem Einkaufszentrum, das von Daniel Libeskind entworfen wurde. 8,5 Milliarden Dollar steckten die Erbauer MGM Mirage und Dubai World in den Komplex, der der Öffentlichkeit erst seit wenigen Monaten offensteht.

Geplant war, an bester Lage ein kaufkräftiges Publikum mit purem Luxus zu verwöhnen. Nun gaffen Touristen in billigen T-Shirts in die Schaufenster von Gucci, Tiffany und Cartier, ohne etwas zu kaufen. Im ersten Quartal wies das Besitzerkonsortium einen Verlust von 250 Millionen Dollar aus – nicht zuletzt deshalb, weil das Flaggschiffhotel Aria (4004 Zimmer) erst eine Auslastung von 63 Prozent aufweist. (Im Schnitt waren die Hotels in Las Vegas im März zu 82 Prozent ausgelastet.)

Ein Konkurs des City Center konnte zwar abgewendet werden. Noch immer geben sich Analysten aber skeptisch über die Erfolgsaussichten des Megaprojekts. In der Zwischenzeit lockt MGM Mirage die Kunden mit Preisnachlässen und Aktionen. Neuster Einfall: Ein «Sommerlager für Erwachsene», analog zu den beliebten «Summer-Camps» für Kinder. Las Vegas schafft es immer wieder, den Rest des Landes zu überraschen.