LEBENSMITTEL: Die Marsmacht

Mensch und Tier vertrauen weltweit den Lebensmitteln des US-Konzerns Mars – dabei ist über das Unternehmen kaum etwas bekannt. Dahinter steht eine verschwiegene und steinreiche Familie.

Tina Kaiser, New York
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Jemand packt ein Mars aus. (Archivbild)

Jemand packt ein Mars aus. (Archivbild)

Die Leute in der Gegend nennen das Gebäude scherzhaft den Kreml. Kaum jemand weiss, was hinter den Backsteinmauern genau vor sich geht, niemand Unbefugtes gelangt hinein. Der Eingang ist verschlossen, an der Tür ist ein schlichtes Schild angebracht: Privatbesitz. Der zweistöckige Würfelbau mit den kleinen Fenstern hat den Charme einer Lagerhalle. Nichts deutet darauf hin, dass sich darin der Konzernsitz von Mars verbirgt. Der Legende nach war vor einigen Jahren der Nestlé-Chef zu Besuch und dachte, er habe sich verfahren – so unscheinbar wirkt der Bau in einem Vorort von Washington D.C.

Mit einem Umsatz von rund 30 Milliarden Euro und 75 000 Mitarbeitern in 74 Ländern ist Mars einer der grössten Lebensmittelkonzerne der Welt und das siebtgrösste nicht-börsennotierte Unternehmen der USA. Trotzdem wird der Konsumgütergigant geführt wie eine Geheimorganisation. So will es die Familie Mars, die das Unternehmen in vierter Generation leitet und deren Vermögen vom US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» auf etwa 72 Milliarden Euro geschätzt wird. Ihre Produkte findet man in fast jedem Supermarkt überall auf dem Globus: Milky Way, Snickers, M&M’s, Twix, Wrigley’s-Kaugummis, Uncle-Ben’s-Reis und Tierfutter wie Whiskas und Pedigree. Trotzdem meiden die Enkel und Urenkel des Firmengründers Frank Mars die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Von den meisten von ihnen gibt es nicht mal Fotos, nur von wenigen sind die Vornamen bekannt.

Scharfkantige Teile im Riegel

Selbst wenn es für den Konzern hart auf hart kommt, ist der Familie wichtiger, ihre Privatsphäre zu schützen, als sich schützend vor ihre Marken zu stellen. So geschehen diese Woche: Am Dienstag startete Mars den wohl grössten Produktrückruf der Firmengeschichte. In einem Schokoriegel in Deutschland war ein Stück Plastik gefunden worden. Die Details kamen nur scheibchenweise ans Tageslicht. Eine zentral gesteuerte Krisenkommunikation gab es nicht. Stattdessen blieb den jeweilen Landesmanagern überlassen, die Presse über das Ausmass der Panne zu informieren. Inzwischen weiss man, dass mindestens 40 Produkte betroffen sind, darunter Mars, Snickers, Milky Way und Celebrations. Millionen bereits ausgelieferter Schokoriegel in insgesamt knapp 60 Ländern könnten verunreinigt sein, auch in der Schweiz. Angeblich soll in einer niederländischen Fabrik die Kunststoffabdeckung einer Leitung abgefallen und in vielen scharfkantigen Einzelteilen in die verschiedenen Riegel verschmolzen worden sein.

Der Imageschaden ist immens. Umso mehr wundert es, dass sich nicht wenigstens Victoria Mars vor die Kameras getraut hat. Die Urenkelin des Firmengründers fungiert seit April 2014 als Verwaltungsratspräsidentin des Konzerns. In den vergangenen zwei Jahren war sie mehrmals auf Branchenkonferenzen aufgetreten. 2015 hatte sie einem Studentenmagazin sogar ein Interview gegeben – es war das erste Interview eines Mars-Familienmitglieds, seit George Bush (nicht George W. Bush) Präsident der Vereinigten Staaten war. Sie hatte versprochen, der Konzern wolle sich öffnen und transparenter werden. Doch daraus wurde bis heute nichts.

Sich weit aus Komfortzone gewagt

Andererseits muss man Victoria Mars zugutehalten, dass sie sich für ein Mitglied der Mars-Dynastie schon ziemlich weit aus ihrer Komfortzone gewagt hat. Man weiss immerhin, wie sie aussieht: eine zierliche Frau zwischen 50 und 60 Jahren mit lockigen, dunkelblonden Haaren. Sie hat verraten, dass sie gern Ski und Rad fährt, die Berge liebt und in ihrer Freizeit Familienalben anfertigt. Ausserdem hat sie vier eigene Katzen und elf Katzenenkel, die ihren vier Kindern gehören.

Von ihrem Vater, dem ehemaligen Firmenchef Forrest Mars Junior, wurde sie offenbar von frühester Kindheit auf ihre spätere Karriere vorbereitet. Sie wuchs in den USA, den Niederlanden und in Frankreich auf, spricht vier Sprachen fliessend. In den Schulferien musste sie in der Fabrik M&M’s in Kartons verpacken. Ihren ersten richtigen Job bei Mars trat sie 1978 als Marketing­assistentin von Milky Way in Frankreich an. Nach dem Wirtschaftsstudium in Yale baute sie ab 1986 die Eiscrememarke Dove auf. Das, so erinnerte sie sich später, sei eine ihrer schönsten Aufgaben gewesen. «Wenn das Fliessband kaputt war, sind wir in die Fabrik und haben das Eis selber in die Schokolade getunkt. Wenn die Verkaufszahlen zu schlecht waren, gingen wir auf die Strasse und verkauften Eiscreme.»

Nach einigen Jahren nahm sie sich eine lange Auszeit, um ihre Kinder grosszuziehen. «Mir wurde klar, dass ich nicht Superwoman bin und nicht alles gleichzeitig schaffen konnte.» Als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, schaffte Victoria Mars sich Ende der 90er-Jahre eine neue Aufgabe, die es so noch gar nicht gab. Sie wurde zum «Ombudsman» des Konzerns, eine Art Kummerkastentante, an die sich die Mitarbeiter mit Problemen und Sorgen wenden konnten. All diese Geschichten erzählt Victoria Mars aber nicht, weil sie Gefallen am öffentlichen Leben gefunden hat. Eher hat sie wohl eingesehen, dass die Geheimniskrämerei für einen weltweiten Lebensmittelkonzern «nicht mehr zeitgemäss ist», wie sie es selber ausdrückt.

Mitarbeiter geniessen viel Freiheit

«Nach aussen sind wir sehr verschlossen, nach innen sind wir sehr offen und kommunizieren sehr direkt mit unseren Mitarbeitern», sagte sie 2014 bei einem ihrer seltenen Auftritte auf einer Konferenz, bei der es um arbeitnehmerfreundliche Arbeitsbedingungen ging. Viele Berichte in US-Zeitungen bestätigen dies. Mars gilt seit Jahren als einer der besten Arbeitgeber des Landes.

Der Konzern ist sehr dezentral organisiert, die Mitarbeiter geniessen viel Eigenverantwortung und einen grossen Grad an Freiheit. Es gibt bei Mars keine Einzelbüros, selbst in der Unternehmenszentrale sitzen alle Angestellten gemeinsam mit dem Top-Management und den Mars-Familienmitgliedern in einem Grossraum. Jeder Schreibtisch ist angeblich gleich gross, egal, ob für Vorstandschef oder Vertriebsassistent.

Ein Reporter des Magazins «Fortune» durfte 2013 den Firmensitz besuchen. Seinem Bericht nach sind die Arbeitsbedingungen eine ungewöhnliche Mischung aus modern und rückwärtsgewandt. So gibt es bei Mars tatsächlich noch eine Stechuhr, die selbst der Vorstandschef benutzt. Wer zu spät kommt, dem wird 10 Prozent des Tageslohns abgezogen. Anders als bei vielen modernen US-Grosskonzernen gibt es keinerlei Annehmlichkeiten wie Gratis­verpflegung, Tischtennisplatten oder Ruheräume. Dafür stehen auf dem Firmengelände Automaten, die kostenlose Süssigkeiten ausgeben. Zudem dürfen die Mitarbeiter ihre Haustiere mit zur Arbeit nehmen. Es gibt zwar keine Aktien-Optionen für die Mitarbeiter, dafür sind die Gehälter und Boni deutlich höher als der Branchenschnitt. Die Fluktu­ation der Mitarbeiter, die sich selbst stolz als Marsianer bezeichnen, ist sehr gering. Manche Familien arbeiten in der dritten Generation für Mars. Auch bei der Diversität ist der Konzern vorbildlich: 70 Prozent der Mitarbeiter gehören einer ethnischen Minderheit an oder sind Ausländer, 38 Prozent der Manager sind weiblich. Kostenlose Fortbildungsmassnahmen und ein Mentorenprogramm sorgen dafür, dass sich die Mitarbeiter weiterentwickeln können.

Die fünf Prinzipien

Die Transparenz, wenn gerade keine Reporter im Büro zu Besuch sind, ist aussergewöhnlich hoch. Bildschirme informieren die Mitarbeiter in jedem Büro auf der Welt über die aktuellen Geschäftszahlen: Umsatz, Gewinn, Cashflow, Kosteneffizienzgrad der einzelnen Fabriken. Jeder Angestellte bekommt am ersten Arbeitstag eine 27-seitige Hochglanzbroschüre, die die fünf Unternehmensprinzipien erklärt: Qualität, Verantwortung, Gemeinschaft, Effizi­enz und Freiheit.

Viele der heutigen Managementprinzipien gehen schon auf den Gründer des Familienkonzerns zurück. Frank Mars galt als Perfektionist, der selbst während der schlimmsten Wirtschaftskrisen auf die exakte Rezeptur der Zutaten und abso­lute Sauberkeit bestand. Bis heute müssen alle Marsianer in den Fabriken schneeweisse Arbeitskleidung tragen, damit man jede Verunreinigung sofort erkennt.

Der Familienpatriarch Frank Mars gründete den Konzern im Jahr 1911 in der Küche seiner Mutter. Weil er als Kind an Polio erkrankt war, galt er als arbeitsunfähig. Ursprünglich als Beschäftigungstherapie gedacht, brachte ihm seine Mutter bei, wie man Süssigkeiten herstellt. Diese verkaufte er in der Nachbarschaft. Richtig ins Geschäft kam er aber erst, als sein Sohn Forrest Mars Senior nach dem Studium in Yale in die Firma einstieg. 1923 erfanden sie gemeinsam den «Milky Way»-Riegel. Dank des hohen Milchanteils war er wesentlich billiger herzustellen als die Schokoriegel der Konkurrenz. Sieben Jahre später verkauften sie das erste Snickers, benannt nach dem Pferd der Familie.

Trotz des Erfolgs zerstritten sich Vater und Sohn. Forrest Mars Senior zog nach Europa, um dem Vater aus dem Weg zu gehen. Dort erfand er den «Mars»-Riegel, M&M’s und stieg ins Tierfuttergeschäft ein. Nach dem Tod des Vaters zog er in den 60er-Jahren zurück in die USA und fusionierte beide Unternehmenszweige. Er war es auch, der die flachen Managementstrukturen einführte, Einzelbüros abschaffte und teure Luxusextras wie den Chauffeur strich.

1973 übergab er die Geschäfte an seine Söhne John und Forrest Mars Junior. Letzterer ist der Vater der heutigen Aufsichtsratschefin Victoria Mars. Die Brüder trieben die internationale Expansion voran und machten aus dem Familienbetrieb einen multinationalen Megakonzern. Über die Brüder sind nur wenige Anekdoten bekannt. Sie sollen zeit ihres Lebens unter dem strengen Vater gelitten haben. Mitarbeitern war es angeblich verboten, den Vater in ihrer Gegenwart auch nur zu erwähnen. Als Forrest Mars Senior 1999 starb, gab die Familie weder eine Todesanzeige auf noch eine Pressemitteilung heraus. Es ist diese Art von Verschlossenheit, die Victoria Mars heute nicht mehr als zeitgemäss empfindet. Auf ihrer Rede vor zwei Jahren gab sie zu: «Wir haben erkannt, dass wir uns ändern müssen. Wir wollen, dass unsere Konsumenten uns trauen können.» In den vergangenen Tagen hat der Konzern eine grosse Portion Vertrauen bei seinen Kunden eingebüsst. Es bleibt abzuwarten, ob der Druck gross genug wird, um Victoria Mars deswegen noch vor die Kamera zu treiben.

Tina Kaiser, New York

Victoria Mars leitet das Unternehmen in vierter Generation. (Bild: AFP/Jeff PAchoud)

Victoria Mars leitet das Unternehmen in vierter Generation. (Bild: AFP/Jeff PAchoud)