LEHRSTELLEN: Angst vor schmutzigen Fingern

In den handwerklichen Berufen bahnt sich ein Problem an. Wo früher die Lehrstellen fehlten, fehlen heute die Lehrlinge. Immer mehr Stellen bleiben unbesetzt.

Roman Schenkel
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Sie packen gerne an: Die beiden Bootsbauer-Lehrlinge der Würth Werft in Küssnacht am Rigi: Sandro Achermann (links, 17 Jahre alt und im 2. Lehrjahr) und Marc Albert (23 Jahre alt und im 3. Lehrjahr). (Bild Manuela Jans)

Sie packen gerne an: Die beiden Bootsbauer-Lehrlinge der Würth Werft in Küssnacht am Rigi: Sandro Achermann (links, 17 Jahre alt und im 2. Lehrjahr) und Marc Albert (23 Jahre alt und im 3. Lehrjahr). (Bild Manuela Jans)

Im Lehrstellenmarkt waren Angebot und Nachfrage in den letzten Jahren nie ausgeglichen. Noch 2009 fehlten Lehrstellen an allen Ecken und Enden. Nun ist es in einigen Bereichen genau umgekehrt: Auf dem Markt mangelt es für technische und handwerkliche Berufe an Lernenden. Im August 2012 waren von 92 000 Lehrstellen, die in der Schweiz zu vergeben waren, nur 85 000 Stellen besetzt. Das heisst: 7000 Lehrstellen blieben frei – das sind 500 mehr als im Jahr zuvor

Alleine im Kanton Luzern konnten Firmen im letzten Jahr 400 Ausbildungsstellen nicht besetzen. Und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Auch dieses Jahr werden viele Unternehmen im technischen und handwerklichen Bereich die Ausbildungsstellen nicht besetzen können.

Weniger Schulabgänger

Für die Firmen ist die Situation ein ernstes Problem. Zum Beispiel für die Nutzfahrzeug Zentralschweiz AG mit Standorten in Emmen und Sarnen. Die Verkäuferin von Lastwagen und Bussen bildet parallel 8 Lernende aus und sucht für beide Standorte je einen Lernenden oder eine Lernende als Automobil-Mechatroniker auf den Sommer 2013. Doch worum sich früher Schulabgänger gerissen haben, gehen heute nur spärlich Bewerbungen ein. «Es ist für uns schwieriger geworden, geeignete Kandidaten zu finden», sagt Geschäftsführer Hans Peter Geser. Für ihn sind vor allem zwei Punkte verantwortlich für diesen Trend: «Zum einen gibt es immer weniger Schulabgänger, zum anderen hat das Interesse an handwerklichen Berufen spürbar nachgelassen», sagt Geser.

Fürwahr ist die Zahl der Schulabgänger rückläufig. Noch 2007 schlossen 84 590 Jugendliche das neunte Schuljahr ab, 2010 waren es noch 81 128, und 2018 werden es nach Analyse des Bundesamtes für Statistik nur noch 75 294 sein. Dies hat demografische Gründe – aber nicht nur. «Viele junge Leute entscheiden sich heute für eine weitere schulische Ausbildung – also fürs Gymnasium statt für eine Lehrstelle», sagt Geser.

Image von Industrieberufen stärken

Ähnliche Klagen gibt es bei Unternehmen in der MEM-Branche. Die Firmen in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie haben ebenfalls Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen. Beim Branchenverband Swissmem ist man alarmiert: «Es ist ein gravierendes Problem, das uns grosse Sorgen bereitet», sagt Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann. In der MEM-Branche konnten 2010 7 Prozent der Lehrstellen nicht besetzt werden, 2011 blieben 5 Prozent der Ausbildungsstellen frei. «Wir versuchen mit diversen Massnahmen die Wahrnehmung der Industrieberufe unter den Jungen zu verbessern», so Zimmermann.

Den Anstrengungen des Verbandes läuft aber die steigende Maturaquote entgegen. «Jeder, der sich für das Gymnasium entscheidet, fehlt danach als Anwärter für eine Lehrstelle», sagt Zimmermann. Und nicht nur die Anzahl der Bewerber und Bewerberinnen sinkt. «Wenn sich die leistungsstarken Schüler und Schülerinnen der Oberstufe fürs Gymnasium entscheiden, verkleinert sich der Pool jener Jugendlichen, die sich für besonders anspruchsvolle Lehrstellen eignen», erklärt Zimmermann.

Für Hans Peter Geser von der Nutzfahrzeug Zentralschweiz AG ist klar, dass der Entscheid für eine weiterführende Schule auch ein Entscheid gegen den handwerklichen Beruf ist. «Viele wollen sich die Hände nicht schmutzig machen», sagt er.

Kein Bootsbauer gefunden

Das sieht auch Rudolf Elmer so, Geschäftsführer der Würth Werft in Küssnacht am Rigi. Er liess eine Lehrstelle als Bootsbauer im letzten Sommer unbesetzt, und auch aufs nächste Lehrjahr hat er noch niemanden gefunden. «Bis jetzt war noch niemand dabei, der geeignet war», so Elmer. Einen Lernenden auszubilden, sei intensiv und koste viel Geld und Zeit, sagt Elmer, der zurzeit zwei Lernende in Ausbildung hat.

Der Kandidat oder die Kandidatin müsse zudem viel mitbringen. Neben viel Rechenwissen brauche es auch zeichnerisches Geschick. «Und handwerklich muss der Kandidat auch noch top sein», betont Elmer. Hier den Richtigen zu finden, sei in den letzten Jahren zunehmend schwierig geworden.

Stöckli muss Lehre ausschreiben

Zur Konkurrenz mit dem Gymnasium kommt die Konkurrenz mit anderen Berufsbereichen hinzu. Ein Grossteil der Schulabgänger sucht sich eine Lehrstelle im kaufmännischen Bereich. «Dort ist die Entlöhnung halt auch besser», sagt Hans Peter Geser von der Nutzfahrzeug Zentralschweiz AG.

Der Mangel an Lernenden im handwerklichen Bereich führt sogar so weit, dass eine Traditionsfirma wie Stöckli eine Ausbildungsstelle als Skibauer seit Jahren wieder einmal ausschreiben musste. Und das in einem Jahr, in dem Tina Maze mit Stöckli-Ski an den Füssen im Ski-Weltcup die Gegnerinnen in Grund und Boden fährt. Man sei zwar sehr zuversichtlich, die Stelle bis im Sommer 2013 besetzen zu können, so die Firma Stöckli auf Anfrage. Aktuell ist der Job noch unbesetzt – ebenso eine Lehrstelle als Fahrradmechaniker.

Neue Lehrstellen im KV-Bereich

Besser sieht es im kaufmännischen Bereich aus. In der Dienstleistungsbranche – zum Beispiel im Detailhandel, im kaufmännischen oder im gesundheitlichen Bereich – haben Firmen deutlich weniger Mühe, ihre vielen Lehrstellen zu besetzen als Unternehmen im technischen Bereich. «Die KV-Lehre ist nach wie vor sehr beliebt», bestätigt Michael Kraft, verantwortlich für Jugendfragen beim Verband KV Schweiz. Oft sei die Nachfrage sogar grösser als das Angebot. «Längst nicht jeder, der eine Stelle im KV-Bereich will, wird fündig», sagt Kraft.

So seien 2011 und 2012 zwischen 97 und 99 Prozent aller angebotenen Lehrstellen besetzt worden. «Auch die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge nahm zu», sagt Kraft. Doch nicht nur die Nachfrage im KV-Bereich sei hoch, auch die Zahl der angebotenen Stellen ist am Wachsen. «Viele Firmen lassen sich beim Schaffen von neuen Lehrstellen beraten», sagt Kraft.