LEHRSTELLEN: «Das wirkliche Glück ist, wenn der Job Spass macht»

Wer eine Stelle sucht, sollte sich breit umsehen. Sich zu früh auf eine Stelle zu fixieren, ist der grösste Fehler, den man machen kann, sagt der Experte.

Interview Roman Schenkel Interview Roman Schenkel
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Die Palette an Lehrberufen ist riesig: hier eine angehende Schuhmacherin bei der Arbeit. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Die Palette an Lehrberufen ist riesig: hier eine angehende Schuhmacherin bei der Arbeit. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Urs Brütsch, die Lehrstellensuche ist die wohl erste grosse Entscheidung im Leben eines/einer Jugendlichen. Welches sind die wichtigsten Tipps, die es zu beachten gilt?

Urs Brütsch: Es lohnt sich, sich breit umzusehen. Die Berufswelt ist riesig. Es gibt über 200 verschiedene Lehrberufe. Dabei kennen die Jugendlichen noch so wenig. Zu Beginn sollte man den Fächer aufmachen und sich breit informieren. Berufsfilme schauen, Informationen sammeln und natürlich schnuppern gehen. So kriegt man ein Gefühl für einen Beruf, und man merkt, wohin es einen zieht.

Was ist der grösste Fehler, den man bei der Suche nach einer Lehrstelle machen kann?

Brütsch: Der grösste Fehler, den ich immer wieder sehe, ist, dass man sich zu früh auf einen Beruf fixiert. Es gibt Bereiche, da fehlen Lehrlinge. Die versuchen natürlich, schon sehr früh Leute an sich zu binden. Ich rate dringend davon ab, mehr als ein Jahr vor Schulabschluss eine feste Zusage zu machen. Klar, dann ist der Druck weg und Jugendliche und Eltern freuen sich. Doch in diesem Alter kann sich in einem Jahr so viel verändern. Die Gefahr, dass die Lehrstelle nach Schulabschluss nicht mehr passt, ist gross.

Wonach soll man denn eigentlich seine Lehrstelle wählen?

Brütsch: Es heisst, man solle zuerst auf seine Interessen schauen. Das ist natürlich wichtig. Doch langfristig scheint es mir wichtiger, dass die Fähigkeiten, die man mitbringt, den Anforderungen, die der Job stellt, entsprechen. Wer über- oder unterfordert ist, hat keinen Spass in seinem Beruf.

Und der Lohn, das Prestige?

Brütsch: Zu Beginn der Berufswahl, mit 14 Jahren, sind die Jugendlichen noch stark geschlechts- und prestigebezogen. Es soll ein möglichst cooler Beruf sein, bei dem man viel Geld verdient. Mit der Kampagne «My top Job» versuchen wir die Jugendlichen für die Thematik zu sensibilisieren. Denn das wirkliche Glück ist nicht der hohe Lohn oder Prestige, sondern wenn der Job Spass macht.

Wie findet man heraus: Doch, das ist der Beruf, den ich lernen will?

Brütsch: Ebenso wichtig wie der eigentliche Beruf ist der Lehrbetrieb. Wie wird man betreut? Wie ist man im Unternehmen eingebettet? Für Jugendliche ist das Umfeld entscheidend, ob es ihnen gefällt oder nicht. Wie diese Rahmenbedingungen sind, findet man nur durch Schnuppern heraus.

Wie lange soll man schnuppern?

Brütsch: Geht es um gewöhnliches Schnuppern, dann reichen ein bis drei Tage. Geht es aber um den zukünftigen Ausbildungsbetrieb, sollten es mindestens drei Tage sein.

Früher war der Entscheid für einen Beruf ein Entscheid fürs Leben. Heute ist das nicht mehr so. Ist das den Jugendlichen bewusst?

Brütsch: Für uns Erwachsene mögen ein paar Jahre nicht sehr lange sein. Für Jugendliche sind drei bis vier Jahre aber eine Ewigkeit. Deshalb ist es schon entscheidend, dass der gewählte Lehrberuf für diese Zeit auch gut passt.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Brütsch: Die Eltern spielen eine zentrale Rolle. Die Jugendlichen sind oft dankbar für Tipps zur Berufswahl und konkrete Hilfe beim Bewerben oder bei der Stellensuche. Gleichzeitig wollen sie, dass die Eltern den Entscheid für eine Lehre akzeptieren und mittragen.

Das birgt viel Konfliktpotenzial.

Brütsch: Auf jeden Fall. Der eine Jugendliche braucht einen Anstupf, der andere braucht es nicht. Der eine mag es, wenn ihm die Eltern Mut zusprechen, der andere will das auf keinen Fall. Es ist nicht einfach für die Eltern: Manchmal sind die Jugendlichen für Hilfe dankbar, manchmal gehen sie an die Decke.

Welches sind eigentlich die aktuellen Traumberufe?

Brütsch: Die Frage ist, was sind denn Traumberufe. Es gibt solche – oft unerreichbare – wie Profifussballer, Model oder VJ. Die Jugendlichen kennen diese von TV-Serien, Castingshows und aus der Champions League. Dann gibt es die realen Traumberufe. Aktuell hoch im Kurs stehen zum Beispiel Informatiker oder Grafiker. Aber auch die können wegen der harten Selektionsverfahren zu Traumberufen werden.

Wie geht man dann vor?

Brütsch: Man schaut, was einen Jugendlichen bei diesem Beruf so reizt. Dann sucht man eine Alternative. Statt Elektroniker schlägt man eine Lehre als Automatikmonteur vor. Die dauert nur drei Jahre und hat tiefere Anforderungen. Oder statt einer KV-Lehre bei einer Bank sucht man eine KV-Lehre bei einem Logistikunternehmen oder einem KMU. Man muss den Jugendlichen aufzeigen, dass man auch via Umweg zum Ziel kommen kann.

Was können Sie zum aktuellen Lehrstellenmarkt im Kanton Zug sagen?

Brütsch: Der Zuger Lehrlingsmarkt ist sehr stabil. Die Unternehmen bieten dieses Jahr laut unserer Umfrage wiederum rund 1400 Lehrstellen. Von den Schulen kommen etwa 1000 Schülerinnen und Schüler. Wir gehen davon aus, dass bis Ende Schuljahr etwa 1200 Ausbildungsverträge unterzeichnet werden.