LEHRSTELLEN: Gute Noten allein reichen nicht mehr

Viele Firmen verlangen von den Bewerbern Leistungstests, die Geld kosten. Es gibt private wie staatliche Anbieter – und deutliche Kritik.

David Nägeli
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Die zusätzlichen Leistungstests sind oftmals computerbasiert und dauern in der Regel mehrere Stunden. (Bild: Keystone)

Die zusätzlichen Leistungstests sind oftmals computerbasiert und dauern in der Regel mehrere Stunden. (Bild: Keystone)

Martin* erinnert sich noch gut an den Test bei Multicheck. Es herrscht eine gewisse Anspannung im Raum. Die nächsten vier Stunden können entscheiden, ob er die gewünschte Lehrstelle erhalten wird oder nicht. Er hatte Wissensfragen zu beantworten, suchte Endungen für verschiedene Wortfragmente oder plante eine Kadersitzung mit Übernachtung im fiktiven Kalender seines Vorgesetzten ein.

«Auf dem Rücken der Jugendlichen»

Multicheck ist nicht der einzige Anbieter von Lehrlingstests. Zu den privaten Anbietern gehört auch Basic-Check, die staatliche Alternative heisst Stellwerk: Leistungstests haben sich in den letzten Jahren zur Selektion von Lehrlingen etabliert und werden teilweise ergänzend, teils auch anstelle der Schulzeugnisse zur Auslese der Lehrlinge benützt. Kritiker sprechen von einem «Dienstleistungszweig auf dem Rücken der Jugendlichen», Befürworter sehen sie als nützliches und ergänzendes Instrument zu den Zeugnissen. Auszubildende hingegen kommen schlicht nicht um die Tests herum.

Informatikfirma lobt Aussagekraft

«Von den Schülern wird viel verlangt», meint Urs Brütsch, Leiter des Amts für Berufsberatung im Kanton Zug. «Auch sind diese Tests nur Momentaufnahmen. Ein guter Test beweist nur, dass der Schüler fähig ist, in einer Situation diese Leistung abzurufen. Über die Konstanz der Leistung sagt er nur wenig aus – ein ungenügendes Testergebnis kann viele Ursachen haben.» Trotzdem sind die Tests bei Unternehmen beliebt. «Besonders Firmen, die über eine eigene Personalabteilung verfügen, verlangen oft nach Leistungstests», sagt Jörg ­Meyer, Mitglied der Geschäftsleitung der Berufsbildung Luzern.

Ein Beispiel ist das Luzerner Informatikunternehmen bbv Service. «Der Multicheck ist für uns sehr nützlich», meint Roger Renke aus der bbv-Personalabteilung. «Die Ergebnisse treffen gemäss unserer Erfahrung oft zu. Gerade im Informatikbereich ist der Multicheck sehr gut.»

Ein anderer Leistungstest heisst Stellwerk und stammt aus dem Lehrmittelverlag St. Gallen. Während der Multicheck von der Multicheck AG in Zusammenarbeit mit dem privaten Feusi-Bildungszentrum gestaltet und durchgeführt wird, entsteht Stellwerk unter Aufsicht einer Kommission des St. Galler Erziehungsrates und hat mehr den Vergleich und die Förderung als die Selektion zum Ziel.

«Selektion ist Aufgabe der Schule»

Urs Moser lehrt am Institut für Bildungsevaluation, das zwar wie eine Aktiengesellschaft organisiert, aber mit der Universität Zürich assoziiert ist. Er hat an der Entstehung des Stellwerktests mitgewirkt. Gerade im Vergleich und in der Förderung sieht Moser einen Vorteil des Tests. «Selektion ist eine Aufgabe der Schule», sagt er. «Wenn Leistungstests durchgeführt werden, sollte dies in kontrolliertem Raum stattfinden.» Einige Unternehmen akzeptieren auch Basic-Check, Stellwerk und Multicheck – sie wünschen oft nur grossflächig standardisierte Tests, da Schulzeugnisse je nach Lehrer und Mitschülern stark variieren würden.

Seit eine Studie 2010 im «Multicheck Detailhandel und Service» nur wenig Prognosekraft für den Lehrerfolg fand und somit den Nutzen für die Personalauswahl in Frage gestellt hat, verzichten verschiedene Unternehmen auf das ­Multicheck-Obligatorium. So wollen die Migros Aare und Luzern künftig wieder vermehrt auf schulische Zeugnisse ­achten. Die Multicheck AG lässt die Eignungsanalyse auch laufend prüfen, aktuell von der Universität Basel.

Test ist für Polymechaniker Pflicht

Gerade in der Informatik oder für eine Lehre als Polymechaniker besteht in vielen Fällen noch die Pflicht, die Multi­check-Eignungsanalyse beizulegen. Andere Branchen ziehen Stellwerk vor. Adrian Krebs, Geschäftsführer der Multi­check AG, sieht kein Anzeichen für Konkurrenz. Es hänge von den Vorlieben der Unternehmen ab, welche Tests sie vorziehen. «Aufgrund der unterschiedlichen Ausgestaltung der Testinhalte besteht keine direkte Konkurrenz zu anderen Tests für Jugendliche», sagt er.

Junge Gewerkschafter kritisieren die Tests. «Das Geschäftsmodell von Multicheck baut darauf auf, Lehrlinge auszubeuten und unterwandert unser Notensystem», sagt Fabian Molina.

Adrian Krebs von Multicheck dagegen weist das zurück. Die Einnahmen aus dem Multicheck würden den Jugend­lichen letztlich wieder zugutekommen. «Ein Grossteil der Erträge wandert in andere Angebote», sagt er. «Zum Beispiel in die kostenlose Berufswahlanalyse.»

Teure Bewerbungen

Diese kostenlose Berufswahlanalyse wird auch von Lehrern im Unterricht eingesetzt. Auch Stellwerk und Basic-Check dienen dem Finden des passenden Berufs für den Schüler. Berufsberater sind jedoch kritisch gegenüber den Leistungstests, vor allem wegen der anfallenden Kosten.

«Wir wünschen niedrige Eintrittsschwellen in die Berufswelt», sagt Jörg Meyer von der Berufsbildung Luzern. Wenn Jugendliche beispielsweise eine Schnupperlehre in sozialen und technischen Berufen absolvieren möchten, kann es vorkommen, dass sie mehrere Tests absolvieren müssen. So entstehen hohe Kosten, die die Einstiegsschwelle zu gewissen Berufen erhöhen, kritisiert Meyer. Dem versucht die Multicheck AG in schwierigen Fällen entgegenzuwirken: Sozialhilfebezüger können die Eignungsanalyse kostenlos ablegen.

Schmähpreis für Multicheck

Über 30'000 angehende Stifte absolvieren jedes Jahr rund 100 Franken teure Tests, die ihre Leistungsfähigkeit bescheinigen sollen. Die privaten Leistungstests Multicheck und Basic-Check bauen in etwa zu 30 Prozent auf Schulwissen auf. Der Rest umfasst logische Aufgaben, wie sie auch in IQ-Tests angewendet werden, geprüft werden zudem Merkfähigkeit und Konzentration.

Ein Repetieren des bisherigen Schulstoffes hilft bei der Vorbereitung, und durch Konzentrationsübungen kann man lernen, in der Prüfungssituation einen klaren Kopf zu behalten. Die Tests sind schon länger umstritten. Vor zwei Jahren hat ein Berner Doktorand an der Universität Bern im Rahmen seiner Masterarbeit herausgefunden, dass der Test nicht mehr aussagt, als aus Schulnoten herausgelesen werden kann. Diese Kritik hat die Gewerkschaft Unia Ende September dazu bewogen, dem Unternehmen Multicheck den Schmähpreis Apprentice Simply Ignored Award (übersetzt: Auszeichnung für das Ignorieren von Auszubildenden) zu verleihen.

Lehrlingstests:
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