Lehrstellen immer früher weg

Das Rennen ist eröffnet: Zurzeit werden bereits die Lehrstellen für das kommende Jahr vergeben. Bis zum Vertrag müssen die Jugendlichen dabei oft zahlreiche Tests durchlaufen.

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Lehrlinge Dachdecker Spengler

Lehrlinge Dachdecker Spengler

Keystone

Niklaus Mäder und Martin Rupf

«Für kluge Köpfe, die nach dem Schulabschluss voll durchstarten wollen», so wirbt die UBS zurzeit in einem Inserat um Lehrlinge, die im nächsten Jahr ihre Ausbildung beginnen wollen. Beileibe kein Zufall: Bei Schweizer Grossunternehmen läuft die Rekrutierung der Lehrlinge für 2010 bereits auf Hochtouren.

«Momentan treffen die ersten Bewerbungsdossiers ein», so Stefan Zinner, bei der UBS Leiter Young Talents, Region Zürich. Auch beim Detailriesen Coop heisst es: «Wir prüfen Bewerbungen für Lehrbeginn 2010 ab jetzt.» Doch der Rekrutierungsprozess beginnt viel früher. So führt etwa die UBS seit April Informationsveranstaltungen durch.

Seit längerem ist ein Trend festzustellen, dass Unternehmen ihre Lehrlinge immer früher rekrutieren. Der Präsident des Lehrerverbandes, Beat Zemp, warnt, dass die Motivation von Schülern abnehmen kann, wenn sie frühzeitig einen Lehrvertrag in der Tasche haben. «Der Erfolg im neunten Schuljahr ist dann eventuell nicht mehr derjenige, der er sein könnte.»

Ehrenkodex der Unternehmen wankt

Die Unternehmen zeigen durchaus Verständnis für die Bedenken. «Wir müssen darauf achten, dass die Fairness gewahrt bleibt - auch gegenüber den Schulen», meint Oliver Flühler, Pressesprecher der Post. Bei der UBS sieht man dennoch wenig Handlungsspielraum: «Es herrscht Wettbewerb um die besten Leute», so Zinner - ein Satz, der aus der Debatte über die hohen Managerentgelte vertraut klingt.

Der Ehrenkodex unter den Unternehmen, wonach Lehrstellen nicht vor dem 1. November vergeben werden, bröckelt deshalb zusehends. Im Kanton Zürich ist er das zweite Jahr ausser Kraft, wie Zinner sagt. Die Post versichert, sich an Stillhalteabkommen zu halten, soweit sie noch in Kraft seien. Bei der UBS gelte demgegenüber nach wie vor das Prinzip, Bewerbungsgespräche nicht vor dem 1. September zu führen.

Langwieriges Bewerbungsprozedere

Doch bis zum ersten Gespräch sind oft zahlreiche Hürden zu nehmen. Auf der Website des Versicherers Swiss Life ist dabei von «ein paar Vorbereitungen» zu lesen. Eine Untertreibung: Zum Bewerbungsgespräch wird bei Swiss Life nur zugelassen, wer drei Tests erfolgreich absolviert hat. Auch andere Unternehmen setzen auf zusätzliche Abklärungen.

Trauen die Ausbildungsverantwortlichen den Schulzeugnissen nicht mehr? «Zeugnisse liefern zwar ein gutes Bild der Entwicklung des Bewerbers», sagt Bernd Schauer, Leiter Berufsbildung der Genossenschaft Migros Aare. Doch wegen der grossen Unterschiede zwischen den Kantonen seien die Zeugnisse nur bedingt aussagekräftig. Deshalb greife man auf den berufsbezogenen Eignungstest «Multicheck» zurück.

Dieser kostet bis zu 100 Franken und hat sich weitgehend durchgesetzt. So arbeiten auch die UBS, die Post, Swiss Life und Coop mit Multicheck. Nicht so die SBB, welche die Rekrutierung der Lehrlinge an «Login», den grössten Lehrstellenverbund der Schweiz, delegiert hat. Noch vor dem ersten Gespräch absolvieren hier die Bewerber den eigens entwickelten PTU-Test (Psychologische Tauglichkeits-Untersuchung), der aus den vier Aufgabenbereichen verbale und numerische Intelligenz, Langzeitgedächtnis und räumliches Vorstellungsvermögen besteht.

Alle befragten Grossunternehmen betonen, dass neben einem guten Eignungstest vor allem auf das Auftreten, die Kommunikationsfähigkeit und die praktische Veranlagung - kurz «auf das richtige Flair» geachtet wird. Aus diesem Grund gibt es beispielsweise bei Migros keine Einzelbewerbungsgespräche mehr, stattdessen spielen die Bewerber in Gruppen konkrete Verkaufssituationen durch.