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Interview

Leiterin Gesundheitsschutz Suva: «Es gibt mehr Zeit- und Kostendruck»

Edith Müller Loretz ist die erste Frau in der Suva-Geschäftsleitung. Sie erklärt, wie sich die Präventionsarbeit verändert.
Rainer Rickenbach
Edith Müller Loretz im Treppenhaus der Suva an der Rösslimatt in Luzern. (Bild: Pius Amrein, 10. September 2019)

Edith Müller Loretz im Treppenhaus der Suva an der Rösslimatt in Luzern. (Bild: Pius Amrein, 10. September 2019)

Als die Suva vor über hundert Jahren ins Leben gerufen wurde, sah sie sich vor allem mit schweren körperlichen Folgen von Arbeitsunfällen in Bau-, Industrie- und Gewerbebetrieben konfrontiert. Was steht heute im Vordergrund?

Edith Müller Loretz: Die Folgen der Unfälle in diesen Berufszweigen beschäftigen uns leider immer noch. Zum Glück gelang es aber, die Risiken einzuschränken. Das geschah vor allem mit technischen und organisatorischen Präventionsmassnahmen, welche die Arbeit an Maschinen sicherer machten. Heute beschäftigen uns aber in erster Linie die Freizeitunfälle. Sie machen rund zwei Drittel der Unfälle aus, für deren Folgen wir zuständig sind. Die Suva bemüht sich, mit Verhaltensprävention auch diese Unfallgefahren zu senken.

Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt weiter verändern. Wie geht die Veränderung vor sich?

Einerseits gelingt es mit der Digitalisierung, die Zahl der Gefahren zu ­reduzieren, weil für gefährliche und repetitive Arbeiten Maschinen zum Einsatz kommen. Andererseits bringt die Interaktion zwischen Mensch und Maschine neue Risiken mit sich. Statt mit Beschwerden wegen des Tragens von schweren Lasten haben heutzutage die Angestellten eher mit Rückenschäden zu kämpfen. Diese haben ihre Ursache im dauernden Sitzen. Zudem tun sich neue Berufsfelder auf, von denen wir noch nicht wissen, wie sie sich gesundheitlich auswirken. Wir versprechen uns von der Digitalisierung aber auch die Möglichkeit, Unfälle zu verhindern.

Wie?

Die künstliche Intelligenz bietet ­Möglichkeiten, gefährliche Situationen vorauszusehen und rechtzeitig zu warnen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Das Online-Geschäft zum Beispiel beschleunigt die logistischen Abläufe und setzt die Mitarbeitenden unter einen stärkeren Zeitdruck. Welche gesundheitlichen Folgen stellen Sie fest?

Wir stellen in vielen Berufen einen deutlich höheren Zeit- und Kostendruck fest. Das verursacht Stress und hat natürlich Einfluss auf die Krankheitsbilder. Körperlich sind es vor allem Schäden am Bewegungsapparat. Hinzu kommen psychische Erkrankungen, die bis hin zu einem Burn-out führen können.

Burn-out ist aber als Berufskrankheit nicht anerkannt.

Weil die Ursachen häufig nicht eindeutig dem Beruf zugeordnet werden können, gilt Burn-out heute nicht als Berufskrankheit. Es handelt sich um eine Krankheit und fällt in den Zuständigkeitsbereich der Krankenkassen, so hat es die Politik entschieden. Trotzdem bezieht die Suva zum Beispiel Stress in ihre Präventionsarbeit mit ein, weil er auch eine bedeutende Unfallursache ist. Daran haben nicht nur die Gefährdeten, sondern auch die Arbeitgeber ein Interesse, weil sonst Mitarbeitende für längere Zeit ausfallen.

Bei herkömmlichen Maschinen lassen sich Sicherheitsvorrichtungen einbauen. Bei der Digitalisierung ist das nicht möglich.

Nein, auch bei digitalisierten Arbeitsabläufen lassen sich Sicherheitsmassnahmen einbauen. Beim Schutz der Hände etwa kommen schon seit einiger Zeit Sensoren zum Einsatz. Neue Sicherheitssysteme, wie wir sie heute zum Beispiel beim Auto kennen, werden auch im Freizeitbereich zahlreiche neue Präventionsmöglichkeiten eröffnen, davon bin ich überzeugt.

Wie nutzt die Suva die Digitalisierung für die Prävention?

Wir nutzen die Digitalisierung, um Botschaften gezielt zu platzieren. Über Apps gelingt es, zum Beispiel Schneesportler gezielter zu erreichen. Oder über Gadgets lassen sich Daten sammeln, die neue Erkenntnisse für die Prävention bringen. Wichtig ist bei den digitalen Kanälen: Die Nachricht muss stets mit einer Aktualität verbunden sein. Den Ratschlag etwa, auf der Piste einen Helm zu tragen, gehört auf ein Plakat, denn er findet auf Digitalkanälen kaum Beachtung.

Sie sind die erste Frau, die der Suva-Geschäftsleitung angehört. Warum brauchte die Suva so lange für diesen Schritt?

Bei der Prävention, die ich seit dem Frühling leite, arbeiten zahlreiche Ingenieure. Es handelt sich eher um eine Männerdomäne. Das gilt auch für ­andere hohe Kaderstufen der Suva. Darum fiel wohl die Wahl für neue Mitglieder der vierköpfigen Geschäfts­leitung vorher stets auf Männer. Die Frauen müssen also gezielt aufgebaut werden. Denn die Suva kann nicht einfach mit dem Finger schnippen und «schwupps» ist eine geeignete Frau für die Geschäftsleitung da. Ich kämpfe darum dafür, dass Frauen in der beruflichen Entwicklung aktiv unterstützt werden. Vielen Frauen bleibt heute wegen einer Familienpause der Sprung an die Unternehmensspitze verwehrt. Damit muss Schluss sein. Die Familienpausen dürfen keine Karrierenachteile mehr mit sich bringen.

Edith Müller Loretz (51) ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie wohnt mit ihrer Familie in Kriens. Im März wurde sie als erste Frau in die vierköpfige Geschäftsleitung der Unfallversicherung Suva berufen. Dort leitet sie das Departement Gesundheitsschutz. Müller Loretz arbeitet bereits seit 22 Jahren bei der Suva.

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