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Linkedin: nun geht auch das Karrierenetzwerk auf Datenjagd

Das Karrierenetzwerk Linkedin avanciert zu einer Business-Alternative zu Facebook. Mittlerweile zählt es über 600 Millionen Nutzer. Doch die Plattform wird von Betrügern und Geheimdiensten unterwandert.
Adrian Lobe
Auch Linkedin sammelt Daten und gewinnt damit wertvolle Informationen zum Arbeitsmarkt. (Bild: Omar Marques/Getty (Krakau, 13. November 2013)

Auch Linkedin sammelt Daten und gewinnt damit wertvolle Informationen zum Arbeitsmarkt. (Bild: Omar Marques/Getty (Krakau, 13. November 2013)

Wer auf dem Karrierenetzwerk Linkedin aktiv ist, fühlt sich in letzter Zeit häufiger an Facebook erinnert: In einem Newsfeed werden dem Nutzer Artikel und Beiträge von Freunden angezeigt, die man kommentieren, teilen oder liken kann. Im Netzwerk werden Kontakte vorgeschlagen, mit denen man per Direktnachricht kommunizieren kann. Und nebenbei wird man an Geburtstage von Kontakten erinnert.

Die 2002 gegründete Karriereplattform stand lange im Schatten von Apps wie Instagram oder Snapchat, die mit ihrem rasanten Wachstum die Investoren begeistern. Linkedin galt unter Wagniskapitalgebern zwar als seriös, aber auch als langweilig und wenig innovativ. Die Influencer sind keine Teeniestars in schrillen Outfits, sondern dröge Geschäftsmänner in dunklen Anzüge. Vor ein paar Jahren konnte man lediglich seinen Lebenslauf auf der Plattform hochladen. Heute ist Linkedin nicht nur eine Jobbörse – pro Monat werden allein in den USA drei Millionen Stellen inseriert –, sondern auch eine Publikationsplattform.

Umstrittenes China-Geschäft

Nachdem das Karriereportal 2014 seine Bloggingfunktion öffnete, werden dort pro Woche über 130000 Beiträge veröffentlicht. Linkedin pusht dabei vermehrt Videobeiträge, um die Nutzer länger bei der Stange zu halten (die Verweildauer ist im Vergleich zu Facebook noch immer recht gering). Seitdem das Netzwerk im vergangenen Jahr seinen Newsfeed-Algorithmus modifiziert hat, werden noch stärker Posts prominenter Nutzer, etwa die des Unternehmers Richard Branson (15 Millionen Follower), priorisiert.

Die Nutzer scheinen das zu goutieren: Linkedin ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, auf mittlerweile über 600 Millionen Nutzer. Allein in den USA gibt es 150 Millionen Mitglieder. Dank Zensur ist Linkedin als einer von wenigen Akteuren der US-Plattformökonomie auch in China präsent – in dem wichtigen Markt zählt es 44 Millionen Mitglieder, was angesichts der Dominanz nationaler Player wie Weibo ein Achtungserfolg ist (die Regierung in Peking blockiert nach wie vor Dienste wie Facebook und Twitter). Dass die Karriereplattform wiederholt Profile chinesischer Regierungskritiker sperrte, sorgt bei Menschenrechtsaktivisten für anhaltende Kritik. Doch wie so häufig, wenn es um Geschäftsinteressen geht, werden Menschenrechte hintangestellt.

Wertvoller Datenschatz

2016 wurde das Karrierenetzwerk für 26 Milliarden Dollar von Microsoft übernommen. Die Akquisition hat sich bezahlt gemacht: 2018 vermeldete der Softwareriese einen Rekordumsatz von 110 Milliarden US-Dollar. Linkedin ist nach der Cloud-Computing-Sparte Azure der am schnellsten wachsende Geschäftsbereich. Die Integration von Linkedin-Profilen in die Produktpalette von Microsoft, speziell die Office-Anwendungen, ist abgeschlossen. Beflügelt vom boomenden Daten- und Cloudgeschäft erreichte Microsoft im April einen Börsenwert von einer Billion Dollar. Zwar steuerte Linkedin mit rund fünf Milliarden Dollar (zwei Milliarden wurden mit Werbung generiert, drei Milliarden mit kostenpflichtigen Premium-Mitgliedschaften) nicht einmal fünf Prozent zum Jahresumsatz bei. Doch der Datenschatz, auf dem Linkedin sitzt, dürfte wesentlich wertvoller sein.

Linkedin führt anhand von Profilen regelmässig Arbeitsmarktanalysen durch: Das soziale Netzwerk weiss aufgrund der Daten, wo eingestellt wird, in welche Regionen und Branchen es Hochschulabsolventen zieht, wie hoch die Einstiegsgehälter in bestimmten Branchen sind und welche Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt sind. Seit einiger Zeit nutzt Linkedin für seine Untersuchungen auch künstliche Intelligenz. Der jüngste Arbeitsmarktbericht zeigt, dass Arbeitgeber gerade vor allem Fähigkeiten in Datenvisualisierung nachfragen. Linkedin weiss über den Arbeitsmarkt vermutlich mehr als jede Statistikbehörde.

Notorische Sicherheitslücken

Dass eine so grosse Datenbank Cyberkriminelle auf den Plan ruft, sollte nicht verwundern. 2012 wurden bei einem Hack die Passwörter von sechs Millionen Nutzern gestohlen. 2016 bot ein Hacker im Dark Web Zugangsdaten von 167 Millionen Linkedin-Mitgliedern, die aus dem Hack von 2012 stammten, zum Verkauf an. Cybersicherheitsexperten kritisierten damals die schwachen Sicherheitsstandards.

Der «Network Man»

Gegründet wurde die Karriereplattform von Reid Hoffman. Der «Network Man», wie ihn der «New Yorker» in einem Porträt nannte, ist einer der einflussreichsten Strippenzieher im Silicon Valley. Im Studium an der Stanford-Universität traf er auf den späteren Paypal-Mitgründer Peter Thiel – sie sollten zu den ersten Investoren Facebooks gehören. Hoffman heuerte bei einem Onlinedienst von Apple an, ehe er 1997 sein eigenes Unternehmen Socialnet gründete. Der Entrepreneur bewies früh ein geschicktes Händchen für erfolgreiche Unternehmungen.

Nach seinem Ausscheiden bei Socialnet stieg er beim Bezahldienst Paypal ein, den er mit seinem alten Freund Peter Thiel 2002 für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkaufte. Nach dem Platzen der Dot-Com-Blase lancierte er mit dem Gründungsteam von Paypal 2002 die Plattform Linkedin. Das Start-up residierte zunächst in einem kleinen Büro in Mountain View, unweit des Firmensitzes des sozialen Netzwerks Friendster und Google. Kurios: Hoffman arrangierte das erste Treffen zwischen Mark Zuckerberg und Peter Thiel.

Im November vergangenen Jahres gab die irische Datenschutzbehörde bekannt, dass die Karriereplattform 18 Millionen E-Mail-Adressen europäischer Nutzer ohne deren Wissen für Facebookwerbung genutzt hat. Erstaunlich: Der Datenschutzverstoss wurde von der Öffentlichkeit viel weniger rezipiert und skandalisiert als der Facebookskandal um die Analysefirma Cambridge Analytica.

Der Vorfall macht aber deutlich: E-Mail-Adressen sind die Achillesferse sozialer Netzwerke. Zwar hat Linkedin fast zeitgleich mit Bekanntwerden des Datenschutzverstosses eine neue Sicherheitsoption eingefügt, mit der sich der Datenexport und der Kreis derer, die die E-Mail-Adresse im Profil sehen, einschränken lassen. Doch nur die wenigsten Nutzer machen davon Gebrauch. Eine Sorglosigkeit, die Nutzern zum Verhängnis werden kann.

Flirt mit dem Geheimdienst

In der Vergangenheit wurden wiederholt Fälle von Liebesbetrug (love scam) gemeldet, bei denen die Betrüger ihren Opfern – meist gut situierte Frauen – Avancen machen, um ihnen Geld zu entlocken. Die Täter suchen sich ihre Opfer gezielt auf Linkedin aus – die Gehaltsklasse lässt sich perfiderweise der Jobbezeichnung entnehmen. Unter dem Vorwand einer beruflichen Kontaktaufnahme missbrauchen männliche Nutzer das Netzwerk als Datingplattform: Statt Karriere- erhielten Frauen schlüpfrige Angebote – zum Beispiel eine Einladung zum Essen. «Ist Linkedin das neue Tinder?», fragte eine indische Bloggerin.

Längst flirten auch Geheimdienste mit dem Netzwerk. Die USA haben Vorwürfe erhoben, chinesische Spione würden über gefälschte Linkedin-Profile amerikanische Spitzel rekrutieren wollen. Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz soll es bei mehr als 10000 deutschen Staatsangehörigen zu Kontaktversuchen gekommen sein. Das amerikanische Unternehmen bringt dies in einen delikaten Interessenkonflikt, weil es einerseits nationale Sicherheitsinteressen nicht verraten darf, andererseits die chinesische Regierung nicht vor den Kopf stossen darf, will es weiter auf dem Markt aktiv sein. Doch eine Jobbörse, wo heimlich Schlapphüte mitmischen, verliert auf Dauer ihre Glaubwürdigkeit.

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