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Lira-Krise erreicht Finanzsystem

Mit einer überraschend angekündigten Zinserhöhung versucht die Zentralbank in Ankara, den rasanten Absturz der Lira zu stoppen. Aber die türkische Währung gibt weiter nach. Nun verhandeln Unternehmen mit Banken über eine Umschuldung.
Gerd Höhler
Die Sorgen über die Entwicklung der türkischen Währung und der Wirtschaft nehmen zu. (Bild: Lefteris Pitarakis/Keystone (Istanbul, 25. Mai 2018))

Die Sorgen über die Entwicklung der türkischen Währung und der Wirtschaft nehmen zu. (Bild: Lefteris Pitarakis/Keystone (Istanbul, 25. Mai 2018))

Die Lira steht seit Monaten unter Druck. Am vergangenen Mittwoch erlebte die türkische Währung einen ihrer schwärzesten Tage überhaupt: Sie verlor gegenüber dem US-Dollar an einem einzigen Handelstag in der Spitze 5,5 Prozent ihres Werts.

Die Zentralbank in Ankara reagierte mit der Anhebung einer ihrer Leitzinsen. Die Währungshüter hoben den Spätausleihungssatz um 300 Basispunkte von 13,5 auf 16,5 Prozent an. Als Reaktion auf die überraschende Zinserhöhung erholte sich die Lira zwar zunächst und legte um mehr als 5 Prozent zu. Aber danach ging die türkische Währung allerdings wieder auf Talfahrt. Schaut man die Kursentwicklung der vergangenen Woche an, bleibt unter dem Strich ein Minus von 5,4 Prozent.

«Komplott» gegen die Lira

Die anhaltende Schwäche der türkischen Währung zeigt: Die jüngste Zinserhöhung vermochte die Anleger nicht zu überzeugen, ganz im Gegenteil: Die Sorgen über die Entwicklung der türkischen Wirtschaft dominieren weiter. Staatschef Recep Tayyip Erdogan erklärte zwar, die Währungsentwicklung gebe «nicht die ökonomische Realität der Türkei wieder». Die Kursausschläge hätten «nichts mit unserem Land zu tun», sondern seien «ein globales Problem», sagte Erdogan. Vizepremier und Regierungssprecher Bekir Bozdag sprach derweil sogar von einem «Komplott» gegen die Lira. «Fremde Mächte» wollten Erdogan schaden und die Wahlen vom 24. Juni beeinflussen.

Aber die meisten Marktbeobachter sehen gerade in Erdogans Politik eine der Ursachen der ­Lira-Schwäche. Der umstrittene Staatschef setzt vor den Wahlen auf eine expansive Geldpolitik und plädiert deshalb für niedrige Zinsen. So will er Unternehmen und Verbraucher bei Laune halten. Mit staatlichen Kreditbürgschaften und Steuervergünstigungen kurbelt die Regierung die Konjunktur an. Im vergangenen Jahr wuchs die türkische Wirtschaft um stolze 7,4 Prozent. ­Begleitet wird das Rekordwachstum allerdings von einer steigenden Inflation, die im April fast 11 Prozent erreichte, sowie von wachsenden Defiziten im Haushalt und in der Leistungsbilanz. Der ausufernde Fehlbetrag in ­­ der Leistungsbilanz ist für die Türkei eine besonders bedrohliche ­Entwicklung, weil das Land in hohem Mass auf ausländische Kapitalzuflüsse angewiesen ist.

Doch wegen der Zinswende in den USA und zunehmender Furcht vor einer harten Landung der überhitzten Wirtschaft ziehen immer mehr Anleger Gelder aus der Türkei ab. Inzwischen fliehen auch immer mehr Türken aus der eigenen Währung und ­legen ihre Ersparnisse in Dollar oder Euro an – obwohl Erdogan jetzt an die Bürger appellierte: «Tauscht eure heimische Währung nicht in Devisen um!» Zu den wenigen Branchen, die von der Abwertung profitieren, gehört der Tourismus. Ausländische Urlauber bekommen in der Türkei von Tag zu Tag mehr für ihr Geld. Die schwache Lira verbilligt auch die türkischen Ausfuhren. Allerdings sind viele exportorientierte Unternehmen für ihre Produktion auf Einfuhren angewiesen, die sich entsprechend verteuern.

Verschuldung der Unternehmen steigt

Zu einem existenzbedrohenden Problem wird der Lira-Verfall für viele türkische Unternehmen, die Fremdwährungskredite aufgenommen haben, aber Lira erwirtschaften und nun immer mehr Erlöse für den Schuldendienst aufwenden müssen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Auslandsverschuldung türkischer Unternehmen mehr als verdoppelt. Mehrere türkische Grossunternehmen wie zum Beispiel der Nahrungsmittelkonzern Ülker und der Otas-Konzern, zu dem der Netzbetreiber Türk Telekom gehört, verhandeln deshalb mit den Finanzinstituten über eine Umschuldung. So beginnt die Lira-Krise, das türkische Finanzsystem zu kontaminieren.

Analysten schliessen nicht aus, dass die Zentralbank bei ihrem nächsten geldpolitischen Treffen am 7. Juni die Zinsen erneut anheben wird. Zugleich stiftet Staatspräsident Erdogan aber mit seiner Ankündigung, nach den Wahlen die Geldpolitik selbst in die Hand zu nehmen, neue Unruhe an den internationalen Finanzmärkten.

Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), richtete jetzt eine eindringliche Mahnung an die Adresse Erdogans: Es sei besser, wenn die politische Führung die Geldpolitik der Zentralbank überlasse und deren Unabhängigkeit sichere.

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