Liste mit 12'000 Namen in Argentinien aufgetaucht: Liegt noch Nazi-Geld bei der Credit Suisse?

Die jüdische Menschenrechtsorganisation Simon-Wiesenthal-Zentrum verlangt Einblick in die Archive der Schweizer Bank.

Pascal Ritter
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Auf Konten bei der Credit Suisse sollen gemäss dem Simon-Wiesenthal-Zentrum Gelder von Nazis aus Argentinien lagern.

Auf Konten bei der Credit Suisse sollen gemäss dem Simon-Wiesenthal-Zentrum Gelder von Nazis aus Argentinien lagern.

Melanie Duchene / KEYSTONE

Auf Konten der Schweizer Bank Credit Suisse sollen sich Gelder von Nationalsozialisten befinden, die ihr Geld während der 1930er und 1940er Jahre von Argentinien aus in die Schweiz verschoben haben. Dies schreibt das Simon-Wiesenthal-Zentrum auf seiner Webseite.

Als Quelle gibt die jüdische Menschenrechtsorganisation eine Liste von 12'000 Nazis an, welche in Argentinien aufgetaucht ist. Viele von ihnen sollen in den 1930er Jahren Konten bei der Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich unterhalten haben.

«Wir wissen, dass es bereits Forderungen von Erben der mutmasslichen Nazis von dieser Liste an Sie gibt.»
Der Hauptsitz des Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) am Paradeplatz 8 in Zürich.

Der Hauptsitz des Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) am Paradeplatz 8 in Zürich.

KEYSTONE

Die Liste soll unter dem argentinischen Präsidenten der Jahre 1938 bis 1942, Roberto Ortiz, im Rahmen einer Untersuchung «anti-argentinischer Aktivitäten» erstellt worden sein. Vor dessen Präsidentschaft sympathisierte das offizielle Argentinien mit den Nationalsozialisten und duldete deren Präsenz.

Bisher ging man davon aus, dass die Liste von der Militärjunta vernichtet worden sei, die 1943 an die Macht kam. Nun will der argentinische Forscher Pedro Filipuzzi eine Kopie der Liste in einem «ehemaligen Nazi-Hauptquartier» in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires wiedergefunden haben.

Angeblich gibt es interessierte Erben

Das Wiesenthal-Zentrum hat sich nun mit der Credit Suisse, der Nachfolgebank der Schweizerischen Kreditanstalt, in Verbindung gesetzt. «Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass diese ruhenden Konten Geld enthalten, dass in den 1930er Jahren unter den Nürnberger Ariergesetzen von jüdischen Opfern erbeutet wurde», schrieb die Organisation laut eigenen Angaben in einer E-Mail an einen Credit-Suisse-Juristen. Und weiter: «Wir wissen, dass es bereits Forderungen von Erben der mutmasslichen Nazis von dieser Liste an Sie gibt.»

Zudem verlangt das Wiesenthal-Zentrum Zugang zu den Archiven der Bank, «um diese Sache im Interesse der kleiner werdenden Zahl der Holocaustüberlebenden zu klären.»

Die Credit Suisse war auf Anfrage nicht in der Lage zu konkreten Fragen im Zusammenhang mit den Vorwürfen des Wiesenthal-Zentrum Stellung zu nehmen. Eine Sprecherin verweist auf einen Bericht, den die Kommission um Paul A. Volcker in den 1990er Jahren erstellt hatte. Damals wurde die Credit Suisse sowie rund 60 andere Schweizer Banken untersucht, «mit dem Ziel, Konti ausfindig zu machen, die möglicher- oder wahrscheinlicherweise Opfern der Nazi-Verfolgung gehört hatten», schreibt die Bank in einer E-Mail.

Credit Suisse steht in Kontakt mit dem Wiesenthal-Zentrum

Die Kommission habe ein so vollständiges und umfassendes Bild über die Schweizer Konti von Opfern der Nazi-Verfolgung geschaffen, wie es unter den Umständen möglich gewesen sei. Dennoch werde die Credit Suisse dieser Angelegenheit nochmals nachgehen. Auf Nachfrage dieser Zeitung schreibt die Bank in einer E-Mail, man stehen diesbezüglich mit dem Simon-Wiesenthal-Zentrum in Kontakt.»

Auf telefonische Nachfrage, welche Hinweise er darauf habe, dass Erben von Nazis sich an die Credit Suisse gewandt hätten, wollte Ariel Gelblung, der Direktor des Wiesenthal-Zentrums für Lateinamerika, nicht konkreter werden, bekräftigte aber die Aussage aus der Stellungnahme.

Nachrichtenloses Geld landet Jahren beim Bund

Grundsätzlich werden seit dem Jahr 2015 nachrichtenlose Vermögen nach 60 Jahren auf einer Internetseite publiziert. Meldet sich dann innert der Frist kein Kontoberechtigter oder dessen rechtmässige Erben, fliesst das Geld in die Bundeskasse.

In den 1990er Jahren kamen Schweizer Banken international in Kritik, weil auf ihren Konten Geld von Holocaust-Opfern lagerte und sie zu wenig dafür taten, die rechtmässigen Besitzer ausfindig zu machen.

Die Banken verpflichteten sich im Jahr 1998 zu einer Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar zugunsten von Holocaust-Überlebenden und deren Nachkommen. Mehrere Kommissionen arbeiteten die Sache auf.