LÖHNE: «Wer in erster Linie viel verdienen will, geht nicht in die Politik»

Der Luzerner Stadtpräsident Stefan Roth wirkte niedergeschlagen, als er sich zur Lohnkürzung erklären musste. Wie wirken sich Gehaltseinbussen aus? Lesen Sie hier die Antwort.

Interview Rainer Rickenbach
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Der Luzerner Stadtpräsident Stefan Roth nach der Abstimmung vom vergangenen Wochenende. (Bild Dominik Wunderli)

Der Luzerner Stadtpräsident Stefan Roth nach der Abstimmung vom vergangenen Wochenende. (Bild Dominik Wunderli)

Markus Theiler*, was geht einer Führungsperson wie Stadtpräsident Roth durch den Kopf, wenn sie erkennen muss, dass ihre Arbeit in den Augen der andern weniger wert ist?

Markus Theiler*: Ich kann nicht für den Stadtrat sprechen. Er leistet nach meinem Dafürhalten übrigens gute Arbeit. Doch das Abstimmungsresultat lässt sich durchaus auch als Misstrauensvotum verstehen. Es hat seine Ursache wohl in der stark verbreiteten Politik- und Sparverdrossenheit. Viele Stimmberechtigte dürften sich deshalb gesagt haben: Wenn der Stadtrat so viel vom Sparen redet, soll er selber mit gutem Beispiel vorangehen.

Wertschätzung ist in der Politik eine starke Triebfeder. Nehmen Berufspolitiker ein solches Abstimmungsergebnis nicht persönlich?

Theiler: Im Moment herrscht wohl Betroffenheit. Doch es handelte sich um eine Sachabstimmung. Die Luzerner Stimmberechtigten stimmten über die Löhne und nicht über die Personen ab. Wirklich grosse Betroffenheit löst bei den Politikern aus, wenn sie abgewählt werden.

Trotzdem: Wie wirkt es sich auf die Motivation und Leistungsbereitschaft aus, wenn man gesagt bekommt: «Deine Arbeit ist weniger Geld wert»?

Theiler:Das hängt sehr stark von der Ursache ab. Eine vorübergehende Lohneinbusse wegen der Frankenstärke ist leichter nachvollziehbar als zum Beispiel eine Zurückstufung in der Firmenhierarchie. Grundsätzlich ist es schon so: Wer sich zu wenig wertgeschätzt fühlt, hat auch mit einer nachlassender Motivation zu kämpfen. Der Lohn ist indes ein wichtiger, aber beileibe nicht der einzige Ausdruck von Anerkennung. Seine Bedeutung variiert von Person zu Person. Wissenschaftliche Studien machen deutlich, wie die Lohnerhöhung nur für kurze Zeit als Leistungsanreiz dient. Die Wirkung verpufft schnell. Das dürfte bei dieser Vorgeschichte im umgekehrten Sinne auch für die Stadtregierung gelten.

Selbst wenn ihre Mitglieder mit Kader­angestellten und Leuten von städtischen Regiebetrieben zusammenarbeiten, welche mehr verdienen als sie?

Theiler: Eine schwierige Frage. Nun einfach die Löhne der Kaderangestellten nach unten anzupassen, wäre heikel. Lohnkürzungen sind das letzte Mittel in einer finanziell ausweglosen Lage. Das gilt für die Privatwirtschaft genauso wie für die Politik.

Stärkt oder schwächt ein solches Ereignis die in der Politik so ­wichtige Kraft, auch unpopuläre Entscheide zu treffen und durchzusetzen?

Theiler:Das Volk erwartet von den Politikern, im Sinne der Sache für die Allgemeinheit zu arbeiten. Die Botschaft des Volksentscheides könnte auch sein: Sparen ja – aber nicht planlos. Vor dem Hintergrund des Abstimmungsresultates ist es sicher einfacher, sinnvolle Sparmassnahmen durchzubringen. Schliesslich wirkt der Stadtrat nun glaubwürdiger, wenn er eine Gehaltseinbusse hinnimmt.

Spielen in der Privatwirtschaft bei Kaderlohnkürzungen die gleichen Mechanismen wie in der Politik?

Theiler:Nein, in der Privatwirtschaft spielt sich so etwas anders ab. Lohnkürzungen werden in der Privatwirtschaft in der Regel erst zum Thema, wenn alle andern Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Wenn es um die Existenz einer Firma geht. Kommt hinzu: Die Lohnentscheide für Führungskräfte fällen letztlich der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung.

Woran misst die Kaderperson einer Firma die Wertschätzung, die ihr entgegengebracht wird?

Theiler:Die Löhne sind natürlich auch in den privaten Unternehmen von Bedeutung. Doch aus den Gesprächen mit unseren Kandidaten gehen eine Reihe weitere, ebenso wichtige Wertschätzungsfaktoren hervor: Ich denke da an Führungskultur, Firmen-Image, oder – das ist besonders wichtig – ob die Fähigkeiten der Kaderstellen-Suchenden auch wirklich gefragt sind und sich auch einsetzen lassen. Der Zusammenhalt und die «Chemie» müssen ebenfalls stimmen.

Spielt der Lohn dort eine stärkere Rolle als in der Politik?

Theiler:Ich wage zu behaupten: Wem es in erster Linie darum geht, möglichst viel zu verdienen, geht nicht in die Politik. Denn er fährt in der Privatwirtschaft finanziell besser.

Was halten Sie davon, wenn die Führung von V-Zug wegen des starken Frankens die Erhöhung der Arbeitszeit mit einem möglichen eigenen Lohn-Teilverzicht verbindet?

Theiler:Solche Modelle können die Solidarität in einem Betrieb fördern. Klar durchdacht und glaubwürdig kommuniziert, lösen sie eine «Jetzt-erst-recht»-Mentalität aus.

Was bei V-Zug geschieht, ist für die Angestellten faktisch auch eine Lohneinbusse. Weitere Firmen dürften wegen des starken Frankens ähnliche Modelle einführen oder haben es bereits getan. Worauf muss die Firmenführung dabei achten?

Theiler: Den Mitarbeitenden muss klar sein, dass die Firmenführung bereits alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Die Entscheide müssen nachvollziehbar, offen und ehrlich kommuniziert sowie auf allen Hierarchiestufen mitgetragen werden. Die Massnahmen und Botschaften müssen in sich stimmig und dürfen nicht widersprüchlich sein.

HINWEIS

Markus Theiler (48) ist Geschäftsführer der Personalberatungsfirma für Kaderleute Jörg Lienert AG in Luzern.