Mini-Lohnrunde
Lohnerhöhung wäre kaum mehr als eine flotte Geste

Die Forderung der Gewerkschaften nach höheren Löhnen kommt nach dem Frankenschock zur Unzeit und dürfte so wenig nützen wie schaden.

Tommaso Manzin
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Das Baugewerbe läuft nach wie vor gut. Die Gewerkschaften fordern mehr Lohn für Arbeitnehmer.Steffen Schmidt/Keystone

Das Baugewerbe läuft nach wie vor gut. Die Gewerkschaften fordern mehr Lohn für Arbeitnehmer.Steffen Schmidt/Keystone

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Nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Januar die Euro-Untergrenze von 1.20 Franken fallen liess, herrschte Endzeitstimmung am Exportstandort Schweiz. Und noch immer ächzen Industrie und Tourismus unter den Folgen der Frankenaufwertung. Da zudem die Preise sinken, scheint die Forderung der Gewerkschaften nach mehr Lohn an den aktuellen Problemen vorbei zu zielen.

1. Was fordern die Gewerkschaften?

Travail.Suisse, der Dachverband der Arbeitnehmenden, und die angeschlossenen Verbände Syna, transfair und Hotel&Gastro Union wollen in den Lohnverhandlungen vom Herbst nur in Ausnahmefällen Nullrunden akzeptieren. Sie streben Lohnerhöhungen zwischen 0.5 und 1.5 Prozent an. Dies ergibt nach Berechnungen der Allbranchengewerkschaft Syna – je nach vergangener Lohnentwicklung und wirtschaftlicher Situation – bis zu 100 Franken mehr pro Monat.

2. Was entgegnen die Arbeitgeber?

Deflation

Vom «Deflationsgespenst» war viel zu lesen seit die Finanzkrise 2008 die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds brachte. Deflation – also anhaltend fallende Preise in so gut wie allen Gütern und Dienstleistungen – hat tatsächlich etwas Unheimliches: Schleichend beginnen die Preise zu stagnieren, die Konsumenten freuen sich über tiefe und fallende Preise, bis diese einen selbstverstärkenden Sog entwickeln. Wenn die Deflation einmal da ist, ist es für Gegenmassnahmen der Zentralbanken meist zu spät: Die Konsumenten haben sich darauf eingestellt, dass die Preise weiter sinken. Warum also jetzt kaufen? Die Nachfrage knickt immer weiter ein und die Preissenkungen erweisen sich als selbsterfüllende Prophezeiung: Weil die Konsumenten mit Kaufen zuwarten, sinken die Preise tatsächlich. Die Wirtschaft verfällt in eine Depression. (TM)

3. Wie begründen die Gewerkschaften die Forderung nach mehr Lohn?

Die Gewerkschaften sehen zwar die schwierige Lage, in der sich die Industrie wegen der Verteuerung ihrer Exporte durch den Franken befindet. Dennoch seien in etlichen Branchen Lohnerhöhungen möglich. Neue Konjunkturdaten zeigten, dass die Wirtschaft im laufenden Jahr gar wachsen dürfte. Ende Juli habe die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH festgestellt, dass sich die Wirtschaft in der Lage fühle, den Frankenschock zu bewältigen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) prognostiziere zudem eine deutlich positivere Wirtschaftsentwicklung.

4. Ist der Konjunkturoptimismus gerechtfertigt?

Die vergangene Woche veröffentlichten Ergebnisse der KOF-Konjunkturumfrage sprechen eine etwas andere Sprache: Bisher haben die Schweizer Unternehmen vor allem mit Preissenkungen auf die wechselkursbedingte Einbusse in ihrer Wettbewerbsfähigkeit reagiert. Dadurch gingen die Erträge zurück, jetzt müssten die Kosten angepasst werden, etwa durch Stellenabbau.

5. Warum überhaupt Lohnerhöhungen, wenn die Preise sinken?

Eine berechtigte Frage. Eigentlich ist das sicher der falsche Moment. Die Gewerkschaften argumentieren aber, dass die weitersteigenden Krankenkassenprämien nicht im Warenkorb enthalten sind, an dem die Preisentwicklung gemessen wird.

6. Helfen Lohnerhöhungen gegen die Lohnschere?

Managerlohnstudien von Travail.Suisse suggerieren, dass sich die Lohnschere in den letzten Jahren geöffnet hat. Einmal abgesehen davon, dass 100 Franken daran kaum etwas ändern würden, ist auch hinter dieser Aussage ein Fragezeichen zu setzen: Letzte Woche hat das Forschungsinstitut BAK Basel gezeigt, dass die Einkommensungleichheit abgenommen hat.

7. Mehr Inflation dank Lohnerhöhung?

Im derzeitigen globalen deflationären Umfeld mit eher fallenden Preisen wäre man geneigt zu sagen: schön wärs. Gerade diesen Montag hat China die Abwertung seiner Währung beschlossen, um die Exporte zu fördern. Diese können damit billiger in andere Länder gelangen. Experten befürchten, dass diese dadurch Deflation importieren. Die SNB erwartet für das laufende Jahr rückläufige Preise. Vergangenen Mittwoch meldete das Bundesamt für Statistik (BFS), dass sich am deflationären Umfeld nichts geändert hat: Das Preisniveau ist im Juli auf den tiefsten Stand seit Oktober 2007 gefallen.

8. Würde der Konsum angekurbelt?

In den neusten Umfragen sorgen sich die Schweizer um die Arbeitsplatzsicherheit, und nicht um mehr Lohn. Die Kauflaune ist im Keller, trotz rekordtiefer Preise. Eine homöopathische Erhöhung des Lohns dürfte daran wenig ändern.

9. Nützt’s nichts, schadet’s nichts?

Sieht fast ein wenig so aus: Die Lohnerhöhung wäre kaum mehr als eine flotte Geste. Doch kleine Effekte haben manchmal eine unerwartet grosse Wirkung – wie der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der die Richtung eines Orkans verschiebt. Wo immer die Zeichen nicht gerade auf Sturm stehen, dürfte daher im konkreten Fall wenig dagegen sprechen, mit kleinem Aufwand Grösse zu zeigen und für gute Stimmung zu sorgen.