Lohnrunde 2021: Gewerkschaften fordern Lohnerhöhung für «Corona-Helden»

Bundespräsidentin Sommaruga hat die «Corona-Helden» auf dem Rütli gelobt. Nun wollen die Gewerkschaften für einige von ihnen mehr als schöne Worte.

Niklaus Vontobel
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Schwer beladen: Im Lockdown hielten Pöstler die Wirtschaft im Fluss.

Schwer beladen: Im Lockdown hielten Pöstler die Wirtschaft im Fluss.

Sandra Ardizzone / LTA

Trotz der Wirtschaftskrise: Die Gewerkschaften fordern mehr Lohn für einige der «Corona-Helden», die von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am 1. August auf dem Rütli geehrt wurden. Heute wurde die Lohnrunde 2021 lanciert. Eine Einordnung.

Kommt es zu einem kompletten Verzicht auf Lohnforderungen?

Nein. Es wird keinen schweizweiten Verzicht geben, dem sich eine Mehrheit der Gewerkschaften anschliessen würde. Der Kaufmännische Verband hat zwar angekündigt, er verzichte auf Forderungen nach «klassischen» Lohnerhöhungen. In der aktuellen Situation erscheine es nicht opportun, «branchenübergreifend» mehr Lohn zu verlangen. Und in der Hotellerie und der Gastronomie wird auf Lohnverhandlungen tatsächlich verzichtet. Die beiden Branchen hat der Coronaschock am härtesten getroffen. Aber dies bleiben Ausnahmen. Das haben gewichtige Gewerkschaften heute deutlich gemacht.

Die Gastronomie-Branche hat besonders stark unter der Coronakrise gelitten.

Die Gastronomie-Branche hat besonders stark unter der Coronakrise gelitten.

Keystone

Was genau sagen die Gewerkschaften?

«Es braucht Lohnerhöhungen trotz Coronakrise», heisst es heute von den Gewerkschaften Travailsuisse, Syna und Transfair sowie der Hotel&Gastrounion. Einen Verzicht auf Lohnforderungen gibt es dennoch für einige Bereiche: So etwa für das Gastgewerbe oder die öffentliche Verwaltung. Dort gehe es darum, Arbeitsplätze zu erhalten. Doch eine «flächendeckende Nullrunde» dürfe es nicht geben, so die Gewerkschaften. In vielen Branchen hätten sich die Mitarbeiter deutliche Lohnerhöhungen verdient: Verkäuferinnen, Pflegehilfen, Pöstler oder Reinigungspersonal. «Weil sie durchgehalten haben, wurde aus dem Lockdown kein Zusammenbruch.» Sie hätten viel Anerkennung erhalten, nach den Worten brauche es nun Taten, sprich: mehr Lohn.

Die Gewerkschaft Unia präsentiert ihre Forderungen erst im Herbst. Auf Anfrage lässt sie bereits ausrichten: Ein genereller Verzicht sei «sicher keine nachhaltige Strategie, um Arbeitsplätze zu sichern.» Auf diese Weise entstehe nur mehr soziale Ungleichheit, der private Konsum werde geschwächt und damit letzten Endes auch die Wirtschaft. «Die Schweiz könnte in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale geraten.»

Was sagen die Arbeitgeber?

Es gebe «kaum» Spielraum für Lohnerhöhungen. So sagte es diese Woche der Chefökonom des Schweizer Arbeitgeberverbands. Simon Wey begründet diese Haltung mit der Schwere der aktuellen Krise. So zeige etwa eine Umfrage ein tristes Bild: Rund 60 Prozent der Betriebe sagen, ihr Geschäft sei stark beeinträchtigt. 14 sehen gar ihre Existenz gefährdet.

Wie werden die Lohnverhandlungen im Coronajahr also ablaufen?

Trotz aller angriffiger Rhetorik: Nicht allzu anders als in früheren Jahren. Die Positionen der Sozialpartner markieren keinen dramatischen Bruch mit der Vergangenheit. Bei den Arbeitgebern weicht die aktuelle Haltung kaum ab von jener aus dem letzten Lohnherbst. Damals gab es «geringen Spielraum» für Lohnerhöhungen, aktuell gibt es «kaum Spielraum».

Die Gewerkschaften betonen, sie würden mehr als sonst jede Branche einzeln betrachten und ihre Forderungen anpassen. Doch gehört es zur üblichen Politik schweizerischer Gewerkschaften vergleichsweise stark auf einzelne Branchen und Unternehmen einzugehen. Auch der Kaufmännische Verband stellt klar: Von Unternehmen, denen es gut geht, verlangt man sehr wohl Lohnerhöhungen.

Eine Auswahl von Forderungen der Gewerkschaften:

  • Im Gesundheitswesen: 1 Prozent mehr für alle Beschäftigten, deutliche Erhöhungen für Löhne unter 5500 Franken
  • Im Detailhandel: Erhöhungen für Löhne unter 5500 Franken, für Ungelernte mindestens 4000 Franken
  • Von der Politik: Arbeitnehmer in Kurzarbeit, die weniger als 5000 Franken verdienen, sollen 100 Prozent des Lohns erhalten
  • In Branchen und Betriebe mit Löhnen unter 4000 Franken: deutliche Lohnerhöhungen
  • Im Bauhauptgewerbe: 80 bis 100 Franken mehr Lohn
  • In der Chemie und Pharma sowie Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie: je nach Situation des Betriebs zwischen 0,5 und 1,5 Prozent mehr Lohn
  • Bei SBB und SBB Cargo: Verzicht auf generelle Lohnforderungen; 0,9 Prozent er Lohnsumme einsetzen für individuelle Erhöhungen, Sicherung der Arbeitsplätze, Zeichen der Anerkennung
  • In öffentlichen Verwaltungen: Verzicht auf generelle Lohnerhöhungen, keine Lohnsenkungen
  • Für Pöstlerinnen und Pöstler: Anerkennungsprämie. Es wird mehr Lohn verlangt, aber wie viel genau, wird erst noch festgelegt

Dass eine Gewerkschaft komplett auf Lohnforderungen verzichtet – gab es das noch nie?

Doch, beispielsweise nach der Finanzkrise. Damals wurde diese Strategie gewählt vom industriellen Arbeitnehmerverband «Angestellte Schweiz». Man wolle den Arbeitnehmern keine falschen Hoffnungen machen. Auch damals galt die Einschränkung: Der Verzicht gelte nur für Unternehmen, denen es besonders schlecht geht.

Auch wenn sich die Gewerkschaften kämpferisch geben – kommt es durch die Coronakrise dennoch zum Lohncrash?

Ja und Nein. Ja, weil Bund und Sozialpartner in Kauf nahmen, dass die Kurzarbeit dramatisch ausgeweitet wurde. Im Mai standen rund 900'000 Arbeitnehmer in Kurzarbeit. So wurde ein Emporschnellen der Arbeitslosenquote vermieden, wie es etwa die USA erleben. Diese Ausweitung ist unbestritten. Nebenwirkungen hat sie dennoch: In einer Umfrage von Travailsuisse erhielten die Hälfte der Arbeitnehmer nur noch 80 Prozent ihres Lohnes. Durch die Kurzarbeit wird demnach Hunderttausenden der Lohn vorübergehend stark gekürzt.

Leere Büros, Homeoffice und Kurzarbeit: So hat die Schweiz die Coronazeit erlebt. (Symbolbild)

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Andrea Stalder

Was kaum passieren wird: dass die Unternehmen ihren Mitarbeitern dauerhaft einen tieferen Lohn in den Arbeitsvertrag schreiben wollen. Die Löhne waren in allen Industriestaaten erstaunlich resistent. Arbeitsverträge werden kaum ja angetastet, selbst in schwersten Krisen nicht. Auch für die Coronakrise werden keine Lohnsenkungen prognostiziert. Was hingegen häufig passiert: Die Arbeitgeber wehren sich nach der Krise lange gegen nominale Lohnerhöhungen, bis sich ihre Bilanzen wieder einigermassen erholt haben. Auf Krise folgen also meist Jahre ohne grosse Lohnerhöhungen.

Wie sind die Aussichten für die Löhne für dieses Jahr?

Es kommt unerwartet zu einem vergleichsweise grossen Lohnwachstum. Der Durchschnittsschweizer wird sich 0,9 Prozent mehr kaufen können für seinen Lohn. Mit diesem realen Lohnplus rechnet die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Zustande kommt dies so: Im typischen Lohnbeutel sind bloss 0,3 Prozent mehr Lohn drin. Doch die Coronakrise bewirkt einen Preisschock: die Preise sinken um 0,6 Prozent. Unter dem Strich bleibt ein realer Lohnzuwachs von 0,9 Prozent – was den Ausbruch markiert aus einer dreijährigen Lohntristesse. 2019 waren die Reallöhne noch immer tiefer als 2016.

...und für 2021?

Es droht der Rückfall in die Lohntristesse. Gemäss Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich KOF wird es ein kümmerliches Lohnplus von 0,3 Prozent geben. Nach Abzug der Inflation kann sich der durchschnittliche Arbeitnehmer bloss 0,2 Prozent mehr leisten. An diesen trüben Aussichten wird eine kämpferische Haltung der Gewerkschaften nicht allzu viel ändern können. Ungleich wichtiger wird sein, wie viel Schwung die Wirtschaft diesen Lohnherbst haben wird. Nach dem derzeitigen Konsens werden Wirtschaft und Arbeitsmarkt zwar nicht einem derart katastrophalen Zustand sein, wie noch inmitten des Lockdown befürchtet wurde. Nichtsdestotrotz wird die Schweiz eine schwere Wirtschaftskrise durchmachen.

Wird der Coronaschock noch lange auf die Löhne drücken?

Das kann sein. Auf die ganz lange Sicht jedoch kann man Entwarnung geben. Dann ist für das schweizerische Lohnwachstum nur eines entscheidend: wie viel die Arbeitnehmer produktiver werden. Wächst diese Arbeitsproduktivität, so wachsen auch die Löhne entsprechend. Das ist schon seit Jahrzehnten so, durch alle Krisen, nicht nur in der Schweiz, sondern in zahlreichen Industriestaaten. Das klingt beruhigend. Weniger schön ist indessen ein Trend, der sich lange vor der Coronakrise zeigte: Das Wachstum der Arbeitsproduktivität ist in der Schweiz gesunken, das zeigen Berechnungen der KOF. Dadurch wird tatsächlich, wie es der Arbeitgeberverband sagt, der Spielraum für Lohnerhöhungen geringer.

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