Chemie
Lonza trennt sich von ihren Wurzeln, aber nicht von ihren Altlasten

Nach dem Verkauf des klassischen Chemiegeschäfts verbleibt die Verantwortung für kostspielige Deponie- und Bodensanierungen beim Basler Mutterkonzern.

Daniel Zulauf und Andreas Möckli
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Der Standort Visp zählt noch gegen 800 Mitarbeitenden in der klassischen chemischen Produktion.

Der Standort Visp zählt noch gegen 800 Mitarbeitenden in der klassischen chemischen Produktion.

Dominic Steinmann / KEYSTONE

Lonza verkauft das klassische Chemiegeschäft an ein Konsortium von zwei Investmentgesellschaften. Bain Capital und Cinven zahlen 4,2 Milliarden Franken. Das entspricht dem 13-fachen des Betriebsgewinn (auf Stufe Ebitda) im vergangenen Jahr. Der Preis bewegt sich offensichtlich etwas über den Erwartungen der Finanzanalysten, wie die positive Börsenreaktion anzeigt. Die Lonza-Aktien verteuerten gegen schwachen Markttrend deutlich.

Nach Darstellung von Lonza-Präsident Albert Baehny habe das Käuferduo «die überzeugendste industrielle Strategie Geschäftsvision» präsentiert und sich den Zuschlag auf diese Weise verdient. Cinven und Bain waren schon 2017 bei der Übernahme des deutschen Generikaherstellers Stada zum Zug gekommen.

Solche Preise können nur Investmentfirmen zahlen

Nebst dem industriellen Konzept dürften die Käufer ihren Erfolg aber auch dem gebotenen Preis zu verdanken haben. Im Preiswettbewerb sind industrielle Bieter gegenüber privat finanzierten Investmentfirmen typischerweise im Nachteil, weil sie ihre Bilanz mit weniger Schulden beladen können. Zur Identität von Mitbietern in dem teilweise virtuell durchgeführten Transaktionsprozess machte Lonza keine Angaben.

Bain ist eine Private-Equity-Firma aus den USA und damit auf den Kauf und Verkauf von Firmenbeteiligungen spezialisiert. Cinven ist im gleichen Gebiet tätig und hat den Sitz in London. Glaubt man den Beteuerungen des Sprechers der beiden Gesellschaften, so wollen sie in Visp VS gar ausbauen. Restrukturierungspläne in Form eines Stellenabbaus seien derzeit nicht vorgesehen. Der Hauptsitz bleibt in Basel. Die Chemiesparte von Lonza beschäftigt in der Schweiz 925 Angestellte, davon 777 in Visp. Wie die Entflechtung von Lonza konkret ablaufen soll ist noch offen.

Eine klare Antwort hält eine Sprecherin von Lonza aber auf die Frage bereit, wer die Kosten für die Beseitigung der industriellen Altlasten der Chemiesparte übernehmen muss. Diese bleiben bei Lonza. «Wir stehen ganz hinter unserer Verpflichtung. Lonza ist seit 125 Jahren im Wallis tätig und will ein verlässlicher und vertrauenswürdiger Partner der dortigen Gemeinde bleiben», sagt die Sprecherin.

Eine sehr teure Sanierung steht Lonza noch bevor

Über die finanziellen Folgen der grössten dieser Altlasten weiss man noch kaum etwas. Es geht um die alte Deponie «Gamsenried» im oberen Rhonetal, wo Lonza seit den Anfangszeiten der chemischen Produktion zwischen 1918 und 1978 Kalkhydrate und Gipsschlamm ablagerte. Diese enthielten hochgiftige und stark gesundheitsgefährdende Stoffe wie Quecksilber, Benzol und Amine.

Die alte Deponie Gamensried in der Nähe von Brig ist deutlich grösser als die berüchtigte Deponie der Basler Chemie im aargauischen Kölliken.

Die alte Deponie Gamensried in der Nähe von Brig ist deutlich grösser als die berüchtigte Deponie der Basler Chemie im aargauischen Kölliken.

Valentin Flauraud/KEYSTONE

Die Deponie ist undicht. Jahrzehntelange Bemühungen, die Deponie abzudichten und das Grundwasser zu schützen, sind gescheitert. 2011 wurde sie offiziell als sanierungsbedürftig eingestuft. Zurzeit werden verschiedene Sanierungsvarianten evaluiert. Eine offizielle Kostenschätzung liegt deshalb noch nicht vor. Was aber klar ist: Die Sache wird teuer.

Die Deponie hat eine Fläche von 290'000 Quadratmetern. Sie enthält nach Angaben von Lonza drei Millionen Kubikmeter Ablagerungsmaterial. Damit ist die Deponie deutlich grösser als jene im aargauischen Kölliken, wo einst die Basler Chemie einen Teil ihres Abfalls deponierte. Die Sanierung der Deponie Kölliken hat 13 Jahre gedauert und 900 Millionen Franken gekostet.

In der Lonza-Bilanz 2019 sind Rückstellungen für die Beseitigung von Umweltschäden von lediglich 144 Millionen Franken verbucht. Davon sind rund 50 Millionen Franken für die Beseitigung von Quecksilber-Rückständen auf einem ehemaligen Produktionsareal im Wallis vorgesehen.

Weitere 12 Millionen Franken muss Lonza für die Errichtung eines Katalysators aufwenden, der die in hohem Mass klimaschädlichen Lachgas-Emissionen auffängt, die bei der Herstellung des Vitamins Niacin entstehen. Klimamässig richtet die Produktion in Visp einen Schaden an, der etwa gleich gross ist wie ein Prozent des gesamten jährlichen Kohlenstoffdioxid-Ausstosses in der ganzen Schweiz.

Gerade weil die Herstellung des Gases mit der chemischen Bezeichnung «N2O» so schlecht für das Klima ist, könnte sich der Katalysator für Lonza noch zum profitablen Geschäft entwickeln. Gemäss Recherchen des Tages-Anzeigers erhält Lonza für die Behebung des Problems CO2-Zertifikate im aktuellen Wert von 35 Millionen Franken zugesprochen.

In 40 Jahren vom Chemieunternehmen zum Life-Sciences-Konzern

Lonza hat sich seit den 1980er-Jahren zunehmend von einem Chemie zu einem Medikamentenhersteller und Life-Sciences-Konzern entwickelt. Als Herstellerin des Covid-19-Impstoffes der US-Biotechfirma Moderna führt Lonza der Welt gerade eine ihrer grossen Stärken vor. Lonza war das weltweit erste Unternehmen, das seinen Kunden nebst der Produktion auch die Entwicklung und Erforschung von Wirkstoffen anbot.

Mittlerweile generiert die Pharma- und Biotechsparte rund drei Viertel vom Umsatz und vom Betriebsgewinn des Konzerns.