LUFTFAHRT: Scheichs bedrängen die Swiss

Die arabische Airline Etihad fliegt ab Juni Zürich an. Das löst bei der Swiss Nervosität aus. Nachvollziehbar, findet ein Experte.

Rainer Rickenbach
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Die Lufthansa-Tochter Swiss - hier Flugzeuge am Airport Kloten - fürchtet die Konkurrenz aus dem Fernen Osten. (Bild: Keystone)

Die Lufthansa-Tochter Swiss - hier Flugzeuge am Airport Kloten - fürchtet die Konkurrenz aus dem Fernen Osten. (Bild: Keystone)

Es ist alles etwas luxuriöser im Airbus 380. Dort gibt es auch in der Economyclass Beinfreiheit wie im Fernsehsessel zu Hause, die Motorgeräusche ähneln einem entfernten Rauschen des Meeres, die Passagiere brauchen sich auf dem Weg zur Toilette nicht seitwärts aneinander vorbeizuquetschen – und weil das Flugzeug so gross ist, fallen selbst die Luftturbulenzen weich aus.

Die Fluggesellschaft Emirates fliegt den Flughafen Zürich zweimal täglich an. Einmal ist sie mit dem komfortablen A-380-Grossraumflieger zwischen der Schweiz und Dubai unterwegs, 517 Personen haben an Bord Platz. Für die Tickets haben die meisten von ihnen 200 bis 400 Franken weniger bezahlt als beim Zürcher Platzhirsch Swiss, der die Strecke mit einem weniger komfortablen Airbus-Modell anfliegt.

Enormes Wachstum in kurzer Zeit

45 solche Riesenvögel sind mit dem Emirates-Logo unterwegs, weitere 140 Modelle finden sich auf der Bestellliste des europäischen Airbus-Herstellers. Kein Wunder, weist die von den Ölscheichs aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gesponserte und noch keine 30 Jahre alte Fluggesellschaft Jahr für Jahr eindrücklichere Zahlen aus: Vor zwei Jahren lag der Umsatz knapp bei 16 Milliarden Franken, sie beförderte 39,9 Millionen Passagiere. Zum Vergleich: Die Lufthansa-Tochter Swiss generierte im gleichen Zeitraum 5 Milliarden Franken Umsatz und beförderte knapp 16 Millionen Reisende. Die Lufthansa-Gruppe samt Swiss und Austrian Airlines brachte es auf einen Umsatz von über 36 Milliarden Franken und transportierte 103 Millionen Fluggäste.

Einen «Riesenvogel» führt Swiss nicht in ihrer Flotte. Sie bestellte letztes Jahr aber immerhin sechs Grossraum-Langstreckenflugzeug des Typs 777 bei der US-Airbus-Konkurrentin Boeing.

Mit dem Rückstand bei der Flottenzusammensetzung steht die Swiss in Europa keineswegs allein da. Auch die anderen europäischen Airlines sehen im Vergleich mit den Golf-Fluggesellschaften Emirates, Qatar Airways, Oman Air und Etihad eher alt aus. Und die Schere öffnet sich weiter: Für die Carrier der winzigen arabischen Länder bauen die Flugzeughersteller zurzeit viermal mehr modernste Flugzeugtypen als für die grossen europäischen und nordamerikanischen Allianzen zusammen.

Etihad überflügelt in Genf die Swiss

Mit Etihad Airways taucht ab Juni ein weiterer arabischer und finanziell potenter Anbieter regelmässig in Zürich auf. Wie bei den anderen drei Airlines geht es ihm vor allem darum, den europäischen Markt abzuschöpfen: Er sammelt die Passagiere in Europa auf, befördert sie zu seinem modernen Heimflughafen in Abu Dhabi und die meisten von dort weiter nach Asien oder Afrika. Nicht einmal die Strategie der Beteiligung an serbelnden Airlines wie Air Serbia oder Air Berlin scheint der vollen Kriegskasse etwas anhaben zu können. Mit dem Einstieg bei der Schweizer Regionalfluggesellschaft Darwin Airline ist Etihad auch auf kurzen Strecken von der Schweiz aus unterwegs: von Genf nach Stuttgart und seit gestern von Zürich nach Leipzig. Von Genf aus verfolgt Etihad ihre übergeordnete Strategie schon länger – und ist damit erfolgreich. Matthias Thürer, Sprecher der grössten Schweizer Internetplattform Ebookers, sagt: «Bei uns hat Etihad ab Genf einen leicht höheren Marktanteil als Swiss auf den vergleichbaren Flugrouten in Richtung Asien und Mittlerem Osten.» Er ist voll des Lobes über die Anbieter aus den Golfstaaten. «Die Rückmeldungen unserer Kunden sind im Allgemeinen top.» Wie gut Emirates, Qatar Airways, Oman Air und Etihad in der Schweiz schon Fuss gefasst haben, macht ihr gemeinsamer Marktanteil von 26 Prozent bei Ebookers für die Destinationen in Asien und im Mittleren Osten deutlich.

Europäer geraten in Bedrängnis

Die Tiefpreispolitik der Golf-Airlines bringt die europäischen Anbieter nun zunehmend in Bedrängnis: Sie entzieht Swiss und den anderen europäischen Fluggesellschaften die fürs Geschäft mit den langen Strecken wichtigen Umsteigepassagiere. In Zürich etwa gehört jeder zehnte Flughafenbenützer zu dieser Gruppe Reisender.

«Für Swiss und die anderen europäischen Fluggesellschaften zeichnet sich eine schwierige Situation ab», warnt Andreas Wittmer, Luftfahrtexperte an der Universität St. Gallen. Er ortet schwere Wettbewerbsnachteile bei den Europäern: Während die Golfstaaten für Flughafeninfrastruktur und vermutlich auch den Flugbetrieb ihrer Gesellschaften ihre Petrodollars fliessen lassen, müssen sich die Europäer mit Nachtflugverboten, hohen Löhnen und staatlich diktierten Gebühren herumschlagen.

Es versteht sich von selbst, dass die Airlines der erdölreichen Staaten ihre Tanks günstig und steuerfrei mit Treibstoff füllen. Das Fachpersonal stammt zu einem schönen Teil aus Europa und Amerika – es geniesst am Persischen Golf allerlei Annehmlichkeiten und braucht unter anderem keine Einkommenssteuern zu zahlen. Das alles ist Teil einer Strategie. Wittmer: «Die Golfstaaten setzen für die Zeit nach dem Versiegen ihrer Erdölquellen voll auf Infrastrukturen für lokale Welthauptquartiere, den Tourismus und das Fluggeschäft.»

Bei den europäischen Fluggesellschaften hingegen sind die Kerosin-Zuschläge oft fast so teuer wie der eigentliche Flug. Die preistreibenden Energiekosten und die Zwangsabgaben an den Staat entziehen der Swiss Einnahmen, die ihr bei der Flottenerneuerung fehlen. Wittmer: «Es würde gleiche Rahmenbedingungen wie etwa Steuerbefreiung, tiefere Gebühren, einen Flugbetrieb rund um die Uhr und weitere Massnahmen brauchen, um bei den hohen Schweizer Kosten mit den Golfstaaten auch nur halbwegs mithalten zu können. Doch politisch ist das kaum machbar.»

Wenn sich der Reisestrom aus Europa immer stärker über die Golfstaaten abwickelt, gerät nach Wittmers Einschätzung der ganze Kontinent in eine Abhängigkeit. «Das schlimmste Szenario wäre, wenn sich die Swiss gezwungen sähe, ihren Fernflugplan nach Asien zu Gunsten der Airlines aus dem Mittleren Osten zu reduzieren. Würde später eine Rezession folgen, könnten die Scheichs andere boomende Destinationen anfliegen anstatt Zürich und Genf. Sie könnten die Kapazität in Zürich einfacher reduzieren als die einheimische Fluggesellschaft – mit verheerenden Folgen für das Exportland Schweiz», so Wittmer.

Nur fünf würden übrig bleiben

Diese Einschätzung teilt die Swiss in einer kürzlich erfolgten Stellungnahme für das Bundesamt für Zivilluftfahrt. «Fallen die Umsteiger aus dem EU-Raum weg, lässt sich ein Grossteil der Interkontinentalflüge von Swiss nicht mehr wirtschaftlich bedienen», heisst es laut der «NZZ am Sonntag». Gerade mal fünf von den heute 25 direkten Langstreckenverbindungen blieben übrig: Singapur, Dubai, New York, Tel Aviv und Bangkok.

Flughafen Zürich sichert sich ab

Knapp 25 Millionen Passagiere landen und starten jährlich am Flughafen Zürich. Etwa 2,5 Millionen davon sind Umsteigepassagiere. Knapp 61 Prozent der Flughafen-Kunden fliegen mit Schweizer Fluggesellschaften – vorab mit Swiss und Edelweiss. Ihr Anteil ist deutlich geringer als noch zu Zeiten der Swissair, deren Grounding den Hub Zürich fast mit in den Abgrund riss.

Spital und Hyatt-Hotel

«Die Flughafenbetreiber haben ihre Lehren daraus gezogen. Sie bauen ihre Nicht-Flug-Geschäfte aus, um besser vor den Nachfragebewegungen ihres Kern-Fluggeschäftes gefeit zu sein», sagt Andreas Wittmer, Luftfahrtexperte an der Universität St. Gallen. Die Flughafen Zürich AG plant in Gehdistanz zum Airport das Zentrum Circle mit einer Permanence des Universitätsspitals Zürich, Konferenzzentren und einem Hyatt-Hotel. Die Eröffnung soll 2018 sein.

Trotzdem: Der Flughafen profitiert wie die Swiss von den Umsteigern am Flughafen. Ihm entgehen Flughafen-Gebühren, wenn sich der Flugverkehr von Europa nach Asien zunehmend zu den Flug-Drehscheiben in Dubai oder Abu Dhabi verlagert. Auch ein stark zusammengestrichener Fernflug-Flugplan der Swiss würde schmerzen.