Luxusfirmen zeigen sich in der Krise grosszügig, doch wie ehrlich ist ihr Engagement?

Französische Luxus-Unternehmen zeigen sich in der Coronakrise besonders spendabel - gegenüber ihren Angestellten wie auch den Spitälern.

Stefan Brändle, Paris
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Der Luxusgüterkonzern LVMH produziert neu hydroalkoholisches Gel zur Bekämpfung der Coronakrise.

Der Luxusgüterkonzern LVMH produziert neu hydroalkoholisches Gel zur Bekämpfung der Coronakrise.

Keystone

Bernard Arnault kennt keine Kurzarbeit: Der Vorsteher und Hauptaktionär des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH fährt jeden Tag in sein mit zeitgenössischer Kunst reich dekoriertes Büro in der Pariser Avenue Montaigne. Dort befasst er sich allerdings nicht wie üblich mit seinen 75 Mode-, Champagner-, Uhren- und anderen Luxusmarken.

Ende Februar, als die Coronawelle Italien ergriff, wies Arnault (71) seine Forschungs- und Entwicklungsabteilung über Nacht an, keine wohlriechenden Kosmetika oder Parfums mehr zu produzieren, sondern hydroalkoholisches Gel. Bei Dior, Givenchy und Guerlain bereitete die Umstellung keine Probleme, da sie über sämtliche Zutaten verfügen - gereinigtes Wasser, Alkohol und Glyzerin, aber auch Etiketten und Flacons. Zwei Tage später begannen die Auslieferungen an Spitäler, Polizeiwachen und das Air France-Personal.

«Wie ein echter Generalstabschef»

Arnault gab inzwischen schon die neue Anweisung: Die 11'000 LVMH-Angestellten in China sollten so schnell wie möglich 40 Millionen Schutzmasken auftreiben. Anders als die französische Regierung, die eine Grossbestellung an die Amerikaner verlor, schnappte Arnault der US-Armee im letzten Moment eine chinesische Masken-Ladung vor der Nase weg. «Arnault ist Spezialist in Sachen Gesichtsschutz geworden, er koordiniert die Logistik und fällt blitzschnelle Entscheide - wie ein echter Generalstabschef», meint ein Vertrauter voller Bewunderung im Magazin Capital.

Neuerdings mobilisiert LVMH seine Equipen in der ganzen Welt, um Corona-Tests zu kaufen und in höchster Eile nach Frankreich zu schaffen. Auch sie werden, wie das Gel und die Masken, kostenlos abgegeben. Arnault schaut nicht aufs Geld. Er hat genug. LVMH kam 2019 auf zweistellige Umsatz- und Gewinnraten. In der aktuellen Krise ist der Konzern an der Börse weniger stark eingebrochen als andere Titel, auch wenn die Prognosen langfristig düster sind. Arnault persönliches Vermögen von mehr als hundert Milliarden Dollar (so das US-Magazin Forbes) dürfte ebenfalls schrumpfen.

20 Millionen Euro für Spitäler

Trotzdem scheut der kühle Nordfranzose keinen Aufwand, seinem Land über die Coronakrise hinweg zu helfen. Und er ist nicht der einzige seiner Branche. Sein grosser Rivale Kering (Yves Saint-Laurent, Gucci) unternimmt derzeit alles, das Gesundheitswesen Frankreichs und Italiens mit Masken zu versorgen. Sein Vorsteher François-Henri Pinault lanciert auch die Herstellung von Desinfektionsgel und den 3D-Bau von Atemgeräten.

Das Luxusunternehmen Hermès liefert nicht nur Gel aus seiner Parfum-Produktionsstätte, sondern spendete den Not leidenden Pariser Spitälern 20 Millionen Euro. Den 15'500 Hermès-Beschäftigten wird das Salär garantiert, obwohl sie teilweise nichts mehr zu tun haben. Auf Staatshilfen verzichtet das Unternehmen ausdrücklich.

«Bezahlen Sie das nächste Mal auch Steuern»

Auch der Modehersteller Chanel und der Kosmetikmulti L'Oréal beschäftigen ihre Angestellten trotz massiver Einbrüche ohne Kurzarbeit weiter. In ihren Verlautbarungen räumen diese Unternehmen offen ein, sie könnten es sich leisten, weiter volle Löhne zu zahlen.

In den sozialen Medien wird darüber debattiert, ob der philanthropische Elan der Luxusmagnaten aus ehrlicher Sorge um das Wohl der Nation geschehe - oder zur kommerziellen Imagepflege. «Man darf nicht naiv sein», meint das auf Bürgerengagement spezialisierte Netzwerk Carenews. Andere Kommentare erinnern daran, dass Arnault und Pinault schon vor einem Jahr beim Brand der Notre-Dame-Kathedrale in Paris um den Status des grosszügigsten Spenders gerungen hatten.

Die Europaabgeordnete der Linkspartei «Unbeugsames Frankreich», Manon Aubry, dankte LVMH, fügt aber an: «Denken Sie das nächste Mal auch daran, Ihre Steuern zu bezahlen, statt Steuerflucht zu betreiben.» Auch die Gebrüder Alain und Gérard Wertheimer, diskrete Besitzer von Chanel und wie Arnault und Pinault Mehrfachmilliardäre, sehen sich aufgefordert, aus ihrem Steuerexil in der Schweiz nach Frankreich zurückzukehren, «um an der nationalen Solidarität teilzuhaben». Eher amüsiert fallen Twitterfragen aus, ob die Welt wohl bald mit Chanel-Masken beglückt werde. Oder mit Desinfektionsgel im gediegenen Louis Vuitton-Flacon?