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LUZERN: Concordia-Chef: «Wir leben für unsere Kunden»

Die Concordia bezahlt ihren Kunden 30 Millionen Franken zurück. CEO Nikolai Dittli erklärt, weshalb das möglich ist. Schlechte Nachrichten hat er aber zu den nächsten Prämien.
Interview Roman Schenkel
CEO Nikolai Dittli in seinem Büro am Concordia-Hauptsitz in der Stadt Luzern. (Bild Nadia Schärli)

CEO Nikolai Dittli in seinem Büro am Concordia-Hauptsitz in der Stadt Luzern. (Bild Nadia Schärli)

Nikolai Dittli, 2017 nimmt die Concordia eine freiwillige Auszahlung von 30 Millionen Franken an ihre Kunden vor. Was sind die Gründe dafür?

Nikolai Dittli: Wir haben eine sehr stabile finanzielle Situation. Konkret sind unsere finanziellen Reserven höher als das Gesetz es verlangt. In den vergangenen Jahren haben wir dank unserer finanziellen Gesundheit die Prämien weniger stark erhöhen müssen, als es die Teuerung verlangt hätte. Ausserdem haben wir in der Spitalzusatzversicherung in den letzten Jahren die Prämien um insgesamt rund 50 Millionen Franken gesenkt.

Weshalb machen Sie es dieses Jahr anders?

Dittli: Seit Anfang Jahr erlaubt das neue Aufsichtsgesetz den Krankenversicherern Rückzahlungen an die Versicherten aus den Reserven, falls diese hoch genug sind. Wir sind von unserer Rechtsform her ein nicht profitorientierter Verein. Die Concordia gehört zu 100 Prozent unseren Kunden. Deshalb wollen wir das Geld unseren Kunden zurückzahlen.

Wie viel ist das pro Versichertem?

Dittli: Nach unseren Berechnungen macht das für eine vierköpfige Familie rund 170 Franken aus. Wir haben diese Auszahlung beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) eingegeben und erwarten grünes Licht dafür in den nächsten Wochen.

Das BAG dürfte sich freuen. Gute Neuigkeiten im Gesundheitswesen sind rar.

Dittli: Davon gehe ich aus. Der Bundesrat hat ja explizit gewünscht, dass die Auszahlungsmöglichkeit ins neue Krankenversicherungsaufsichtsgesetz aufgenommen wird.

Sind solche Auszahlungen von der Concordia nun regelmässig zu erwarten?

Dittli: Wir werden nie profitorientiert arbeiten. Wir leben für unsere Kunden. Wann immer unsere finanzielle Situation es zulassen wird, werden wir solche Rückzahlungen vornehmen. Das ist sicher keine Eintagsfliege. Aber man muss es von Jahr zu Jahr anschauen und es braucht jedes Mal wieder eine Bewilligung des Bundes.

Gehen Sie davon aus, dass andere Kassen Ihrem Beispiel folgen werden?

Dittli: Die finanziellen Voraussetzungen sind vom Regulator streng ausgelegt. Es soll niemand in eine finanzielle Schieflage kommen durch eine solche Auszahlung. Wir wissen, dass nur sehr wenige Krankenversicherer so hohe Reserven haben und die regulatorischen Voraussetzungen überhaupt erfüllen. Hinzu kommt die Freiwilligkeit. Darum werden nur vereinzelt Kassen unserem Beispiel folgen.

30 Millionen tönt auf den ersten Blick nach viel. Für den Einzelnen wird es nur ein kleiner Betrag sein. Ist die Rückzahlung nicht einfach Marketing?

Dittli: Nein, ganz und gar nicht! Wir durften das bis anhin nicht machen. Wir wollen unseren Kunden ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Wenn wir ein gutes Jahr hatten, dann sollen die Kunden davon profitieren. Wir gelten jetzt schon als vertrauenswürdiger Krankenversicherer. Das ist kein Marketinginstrument.

Sie geben Ihren Kunden Geld zurück. Andere Krankenkassen setzen zum Beispiel im Zusatzversicherungsbereich auf Bonusprogramme nach dem Grundsatz «wer Sport treibt, bezahlt weniger Prämie». Die Concordia hält davon nicht so viel. Weshalb?

Dittli: Es ist nicht erwiesen, ob durch solche Programme effektiv mehr Leute Sport treiben. Wir gehen eher davon aus, dass vor allem diejenigen an diesen Programmen teilnehmen, die sowieso schon Sport treiben. Der zusätzliche Gesundheitseffekt für die Versicherten scheint mir also nicht sehr gross. Hinzu kommt die ganze Datengeschichte. Wir legen grossen Wert auf Datenschutz. Sollen die Kunden uns wirklich noch mehr Gesundheitsdaten liefern? Statt auf Bonusprogramme setzt die Concordia auf die Zusammenarbeit mit Ärzten. Diese coachen Patienten, um ihnen beispielsweise bei chronischen Krankheiten zu helfen, eine Stabilisierung oder Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen.

Trotz allem steigen die Kosten im Gesundheitswesen stetig an. Wie sieht es für das laufende Jahr aus?

Dittli: Für die ersten sieben Monate sieht es, wenig überraschend, nach einem Anstieg aus. Laut Branchenberechnungen werden die Kosten in diesem Jahr um 4 bis 4,5 Prozent ansteigen. Was das für die Prämien bedeutet, dürfen wir wegen des neuen Gesetzes erst sagen, wenn diese vom BAG bewilligt worden sind. Das wird Ende September der Fall sein. Aber die Kostenentwicklung bildet in der Regel die Prämienentwicklung ziemlich genau ab. Wir tun alles, damit die Prämien möglichst geringfügig ansteigen. Unsere Verwaltungskosten zum Beispiel sind mit knapp 5 Prozent sehr tief.

Im Fokus sind regelmässig neue Medikamente, die bei den Krankenkassen hohe Kosten generieren. Wie gehen Sie damit um?

Dittli: In dem Bereich müssen wir uns leider stark auf den Bund verlassen. Er muss eingreifen, wenn die Preise der Pharmaunternehmen zu hoch sind. Sind Medikamente zu teuer, werden sie zum Beispiel nur für Kranke zugelassen, die in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium sind. Das wird vom BAG bestimmt. Wir müssen uns daran halten, das ist Gesetz.

Diese Zulassungsbeschränkung (Limitatio), die sie angesprochen haben, ist das vertretbar?

Dittli: Für uns als Krankenversicherer ist es schwer erträglich zu sehen, dass wir nur einem Teil der Kunden ein gewisses Medikament zur Verfügung stellen können. Aber es ist am Ende eine Frage der Kosten. Nehmen wir das Hepatitis C Medikament Sovaldi. Dort musste das BAG 2014 unbedingt eingreifen, weil die Preisforderung der Pharmafirma unanständig hoch war. 60 000 Franken für eine dreimonatige Therapie! Das BAG hat dann eine Limitatio angesetzt. Krankenkassen müssen seitdem nur Schwererkrankten die Therapie finanzieren. Wäre das Medikament schon für Patienten in einem früheren Stadium der Krankheit zugelassen worden, hätte das Kosten in der Höhe von 2 Milliarden Franken generiert. Für alle 80 000 Hepatitis-C-Patienten in der Schweiz wären es 6 Milliarden Franken gewesen. Diese Kosten hätten alle obligatorisch Versicherten tragen müssen! Die Prämien wären also stark nach oben gegangen.

Was kann man dagegen tun?

Dittli: Wir fordern eine Mitsprache bei der Festsetzung der Preise. Bis anhin hat das nur die Pharmaindustrie. Das oben genannte Medikament kostet in Ägypten 900 Franken. Wohl verstanden, das ist das gleiche Medikament, das bei uns 60 000 Franken kostet. Dagegen muss man doch etwas tun können. Auch wenn wir Pharmafirmen dankbar sind für neue, wirksamere Medikamente, die sie auf den Markt bringen. In der Schweiz haben sie das Gefühl, sie können bei den Preisen machen, was sie wollen. Das geht nicht. Diejenigen die zahlen, müssen bei den Preisen ein Wort mitreden können. Es braucht unabhängige Instanzen aus Experten. Diese sollen den Nutzen eines Medikaments prüfen und einen Preis vorschlagen.

Ein Bremsen der Kosten soll auch die Überarbeitung des Tarifsystems Tarmed bringen. Doch Mediziner untereinander und Kassen werden sich nicht einig. Der Bundesrat hat eine letzte Gnadenfrist bis Ende Oktober gewährt. Glauben Sie an eine Lösung?

Dittli: Ich bin sehr skeptisch, dass sich die Leistungserbringer bis dann einigen werden. Die Krux ist ja, dass der Kuchen mit dem neuen Tarifsystem nicht grösser werden darf. Das ist die Bedingung, deren Einhaltung Bundesrat Berset und die Krankenversicherer fordern. Derzeit ist ein Verteilkampf unter den Ärzten, also zwischen Hausärzten und Spezialärzten, im Gange. Die einen sollen etwas mehr erhalten, die anderen etwas weniger. Aber niemand ist bereit weniger zu verdienen. Wir sind uns mit dem Bundesrat einig: Ein neues Tarifsystem darf nicht zu höheren Prämien führen.

Eine ausweglose Situation also?

Dittli: Es muss einen Ausweg geben. Das Tarifsystem muss zwingend den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Die Operation von Grauem Star beispielsweise wird immer noch so verrechnet wie vor 15 Jahren, obwohl dies heute dank modernster Technik ein Routineeingriff geworden ist. Auch viele Laboruntersuchungen sind heute überteuert. In anderen Wirtschaftszweigen gehen die Preise bei Effizienzgewinnen runter – im Gesundheitswesen nicht.

Interview: Roman Schenkel

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