LUZERN: Eine Lehre für junge Mütter

Die Albert-Koechlin- Stiftung hilft alleinerziehenden Müttern bei der Suche einer Lehrstelle. Das Interesse an dem Pilotprojekt ist gross. Schweizweit sind rund 23 000 junge Mütter betroffen.

Bernard Marks
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Deborah Birrer (24), Mutter von Shane (4), kann im Sommer eine Lehre als Kauffrau beginnen. Mia-Projektleiterin Bettina Bach (Mitte) hat sie bei diesem Prozess unterstützt.

Deborah Birrer (24), Mutter von Shane (4), kann im Sommer eine Lehre als Kauffrau beginnen. Mia-Projektleiterin Bettina Bach (Mitte) hat sie bei diesem Prozess unterstützt.

Im Alter von 19 Jahren veränderte sich das Leben von Debora Birrer aus Ebikon sehr plötzlich. Sie war schwanger. War ihr Leben bis anhin sorglos und frei von Problemen verlaufen, nahm es nun eine komplizierte Wendung. Denn der Vater lebte fast tausend Kilometer weit entfernt in der deutschen Stadt Hamburg. «Eine Lehre hatte ich bis dahin nicht gemacht, weil ich mit Jobs immer ausreichend Geld verdient hatte», erzählt Debora. Doch als das Kind auf die Welt kam, wurde es für die junge Mutter auf dem Schweizer Jobmarkt schwierig. Das ging soweit, dass Debora Birrer Sozialhilfe beantragen musste. Auch wenn der Vater dann, wenn er kann, in die Schweiz auf Besuch kommt, bleibt die Verantwortung ganz bei Debora.

«Sozialhilfe zu beantragen, das war für mich ein richtig schwerer Gang», sagt die heute 24-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Denn instinktiv wusste sie schon damals, dass der Ausweg aus dieser Situation für sie nicht einfach werden würde. Mittlerweile hat Debora es trotzdem geschafft. Nach 40 Bewerbungen hat sie endlich eine Lehrstelle beim Kanton Luzern gefunden, die sie im kommenden Sommer antreten wird. Das Projekt MiA-Innerschweiz hat ihr dabei geholfen. «Es ist das Beste, was mir passieren konnte», sagt sie glücklich.

Viele Mütter ohne Beruf

Ähnlich wie Debora Birrer ergeht es laut Schätzungen in der Schweiz rund 23 000 Müttern im Alter zwischen 16 und 28 Jahren. Auch sie haben keine Berufsausbildung, auch sie sind auf die Unterstützung der Sozialhilfe angewiesen. Junge Frauen, die noch vor Abschluss einer ersten beruflichen Qualifizierung ein Kind zur Welt bringen, haben geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Das Projekt MiA-Innerschweiz begleitet solche Mütter während einem Jahr und bereitet sie gezielt auf den Einstieg in eine Erstausbildung vor. Die Frauen gewöhnen sich an die Fremdbetreuung ihrer Kinder und setzen sich bewusst mit ihrer künftigen Rolle als Berufsfrau und Mutter auseinander. Sie werden bei der Berufsfindung und der Suche einer Lehrstelle unterstützt und auf die Lehrzeit vorbereitet.

Die Projektleiterin Bettina Bach (43) ist seit einem Jahr in für die Albert- Koechlin-Stiftung in Luzern tätig. «Ich bin erfreut, wie gross die Nachfrage nach unserem Projekt ist», sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Das Pilotprojekt in Luzern baut auf Erkenntnissen aus einem ähnlichen Projekt in Basel auf. Im Jahr 2007 gründete der Gewerbeverband Basel Stadt «Amie Basel», das seit dem 84 junge Mütter mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren ohne Erstausbildung während eines Jahres auf dem Weg in das Berufsleben begleitet hat. 50 Prozent der teilnehmenden jungen Frauen fanden mit Hilfe des Projekts eine Lehrstelle, konnten sich aus der Abhängigkeit der Sozialhilfe lösen, ihr Selbstwertgefühl stärken und ein soziales Netzwerk aufbauen.

Wirtschaftlich eigenständig werden

«Alleinerziehende und junge Mütter haben oft ein schweres Kreuz zu tragen», sagt Bach. Vom Partner oftmals im Stich gelassen, erhalten sie in vielen Fällen auch von den Arbeitgebern, Eltern und Kollegen keine grosse Unterstützung, sie sind auf sich allein gestellt. Ausserdem gibt es zahlreiche gesellschaftliche Vorurteile gegenüber alleinerziehenden Müttern. «Deswegen ist es gut, dass es MiA gibt», sagt Debora. Denn das Projekt helfe jungen Müttern auch von dem Image als Sozialhilfeempfängerin loszu-kommen. «Die Frauen können sich von der Sozialhilfe lösen und werden wirtschaftlich eigenständig», sagt Bach. Dies habe auch einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Art der Kindeserziehung. Denn die Kinder wachsen dann in einem Haushalt auf, der nicht von der Sozialhilfe geprägt ist. Diesen Vorteil hat auch Debora inzwischen erkannt. «Ich weiss, wenn ich meine Lehre durchhalte, kann ich nachher alleine für uns sorgen», sagt sie heute selbstbewusst.