LUZERN: Innovation ist immer eine Qual

Die Kunststoffbranche ist dank ihren Innovationen erfolgreich. Trotz schwarzen Zahlen will sie punkto sozialer Verantwortung keine roten Linien überschreiten.

Hans-Peter Hoeren
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Nationalrätin und Präsidentin Swiss Plastics Doris Fiala sprach gestern an der Messe Luzern. Bild Pius Amrein

Nationalrätin und Präsidentin Swiss Plastics Doris Fiala sprach gestern an der Messe Luzern. Bild Pius Amrein

Die Kunststoffbranche in der Schweiz ist eine Branche der Gegensätze. Einerseits wird sie wenig beachtet, andererseits erwirtschaftet sie mit 15 Milliarden Franken pro Jahr deutlich mehr Umsatz als die viel bekanntere Uhrenindustrie. Gleichzeitig entfallen auf die Kunststoffindustrie pro Jahr knapp 6 Prozent des Schweizer Erdölverbrauchs. Gestern hat die Branche in Luzern im Rahmen eines erstmals veranstalteten Symposiums zum Auftakt der Kunststoffmesse «Swiss Plastics» alle wichtigen Player der Branche unter einem Dach gebündelt.

Netzwerk soll Kräfte bündeln

Im Zentrum steht dabei das neu gegründete Schweizer Netzwerk der Kunststoffindustrie unter dem Namen «Swiss Plastics», das gestern im Beisein von rund 250 Gästen lanciert wurde, darunter der Präsident des Branchenverbandes Swissmem, Hans Hess. «Dieses Netzwerk soll die Wissenschaft und die Hochschulen mit den Unternehmen noch enger vernetzen und den Austausch mit Partnern, welche mit den gleichen Knacknüssen zu kämpfen haben, stärken», sagte die Präsidentin von Swiss Plastics und des Schweizerischen Kunststoffverbands, die FDP-Nationalrätin Doris Fiala. Zudem wolle man die Nachwuchsförderung verbessern und durch Messen im In- und Ausland den Absatz der Branche fördern.

Ihren Erfolg hat die Branche vor allem ihrer Innovationsfähigkeit zu verdanken. Der deutsche Referent und Querdenker Gunter Dueck beeindruckte das nicht nachhaltig. «Wenn Sie etwas Neues auf den Markt bringen wollen, müssen Sie es aushalten können, am Anfang ausgelacht zu werden und Prügel zu bekommen», sagte der Erfolgsautor in seinem Vortrag «Das Neue und seine Feinde». Jede neue Idee durchlaufe drei Entwicklungsstufen. «In der ersten wird sie belächelt, in der zweiten bekämpft, und in der dritten Phase ist sie selbstverständlich geworden», erklärte Dueck. Er zeigte einige Zukunftstrends auf – von der Waschmaschine, die sich mit einer Handy-App steuern lässt, bis hin zum 3-D-Drucken. Eine Firma aus München hat bereits einen Aston Martin im 3-D-Verfahren drucken lassen. «Heute sagt man, das ist trivialer Quatsch. In 10 Jahren ist das normal», sagte Dueck. Erfolgreiche Produkte sind aber immer auch an eine soziale Verantwortung des Unternehmens gekoppelt. «Wir können nicht einfach sagen, was kümmern uns die verdreckten Weltmeere. Wir als Schweizer Kunststoffindustrie tragen Verantwortung», brachte es Doris Fiala auf den Punkt. «Schwarze Zahlen sind heute oft keine Rechtfertigung mehr, um rote Linien zu überschreiten», ergänzte Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Staatssekretärin im Staatssekretariat für Wirtschaft, in ihrer Rede.

Goldgräberstimmung in Myanmar

Dass die Schweiz in den Entwicklungs- und Schwellenländern viel zum Aufbau wirtschaftlicher Strukturen beitragen kann, zeigten die anschliessenden Referenten. Dass das Schweizer Berufsbildungssystem dabei eine Schlüsselrolle spielen kann, zeigte ein Film über die Arbeit des in Obwalden ansässigen Fördervereins Berufsbildungsprojekte in Myanmar.

Eindrücklich schilderte anschliessend der Schweizer Botschafter in Myanmar, Christoph Burgener, die aktuelle Aufbruch- und Goldgräberstimmung in dem erst seit kurzem von einer langen Militärdiktatur befreiten Land. «Handeln Konzerne verantwortlich, wenn sie die besten Buchhalter aus staatlichen Ministerien abwerben und damit die eh schon knappen personellen Ressourcen ausdünnen?», fragte Burgener.

Sika setzt auf Ausbildung vor Ort

Der in Baar ansässige Bauchemiekonzern Sika berichtete im Anschluss über sein Engagement in Entwicklungs- und Schwellenländern. 13 neue Fabriken hat der Konzern in den letzten 14 Monaten erschlossen, darunter auch in Myanmar. «Wir versuchen, möglichst viele Mitarbeiter auszubilden vor Ort», sagte Sika-Chef Jan Jenisch. In diesem Jahr soll in Myanmar eine Fabrik für Mörtelprodukte eröffnet werden, in zwei Jahren sollen dort 80 Mitarbeiter arbeiten. Rund ein Viertel der 16 000 Mitarbeiter von Sika arbeiten in Asien – davon seien nur 20 aus dem Ausland dorthin entsandt worden. «Ansonsten arbeiten wir ausschliesslich mit lokalen Leuten zusammen, die wir entsprechend ausbilden», sagte der Sika-Chef. Zudem fördert der Konzern über eine Stiftung soziale Projekte in zahlreichen Ländern.

Wie man Firmen zu sozialer Verantwortung im Ausland motivieren kann, darüber gingen die Meinungen gestern auseinander. Die Organisation Swissaid fordert rechtlich einklagbare Richtlinien. Vertreter des Seco hielten die bestehenden Regelungen der OECD und der Internationalen Arbeitsorganisation für ausreichend.

Swiss Plastics: Die Messe findet von heute bis Donnerstag jeweils zwischen 9 und 17 Uhr in der Messe Luzern statt. www.swissplastics-expo.ch