LUZERN: «Wofür bin ich bereit zu leben und wofür zu sterben»

Ohne Ostern gäbe es das Christentum nicht. Das sagt der Luzerner Theologe Florian Flohr*. Er spricht auch über die Symbolkraft des Kreuzes und der Auferstehung.

Thomas Heer
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Der Luzerner Theologe Florian Flohr sprach über die Hintergründe von Ostern. (Bild Dominik Wunderli)

Der Luzerner Theologe Florian Flohr sprach über die Hintergründe von Ostern. (Bild Dominik Wunderli)

Zugvögeln gleich zieht es die Menschen wieder gen Süden. Es ist Osterzeit und vor dem Gotthard stauts. Nicht nur in hiesigen Breitengraden packt die Menschen zu dieser Jahreszeit die Reiselust. Wer während der Semana Santa schon einmal in Südamerika unterwegs war, weiss: In jener Weltgegend wird in diesen Tagen herumgekarrt, als gäbe es kein Morgen mehr. Dass Ostern aber weit mehr ist, als ein Fanal für hektische Reisetätigkeit, erklärt Florian Flohr.

Der Schweizer Theologe Hans Küng hält fest, dass das Christentum mit Ostern beginnt. Was meint er damit?

Florian Flohr: Das ist richtig. Ohne die Ostern gäbe es das Christentum nicht. Die Kernbotschaft lautet: Wofür bin ich bereit zu leben und wofür zu sterben.

Zu sterben?

Flohr: In der absoluten Konsequenz ja. Wenn ich von sterben rede, meine ich damit natürlich in erster Linie Situationen im Alltag. Das heisst, wofür bin ich aufgrund meiner Überzeugung bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen. Oder lebe ich nach dem Motto: Ich will mich bei den Mächtigen einfach beliebt machen und nehme dafür Dinge in Kauf, die mir eigentlich widerstreben.

Auch Küngs einstiger Professorenkollege an der Universität Tübingen, Josef Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., schreibt in seinem Buch «Jesus von Nazareth» im Zusammenhang von Ostern vom «zentralen und grundlegenden Ereignis».

Flohr: Das lässt sich auch aus dem geschichtlichen Kontext erklären. Jesus war zu jener Zeit als Wanderprediger unterwegs. Viele Menschen waren von ihm begeistert. Damit kam er den damaligen Autoritäten, der jüdischen Tempelaristokratie auf der einen und der römischen Besatzungsmacht auf der anderen Seite in die Quere. Die beiden Parteien kamen dann überein: Dieser Mann muss weg und Jesus starb den Martyrer-Tod am Kreuz. Nur war es eben nicht so, dass mit dem Ableben von Jesus die Bewegung in sich zusammensackte, sondern sie wurde rasch in neuer Form lebendig.

Jesus wurde zu Tode gefoltert. Wäre das Christentum nicht entstanden, wenn er aufgrund eines natürlichen Ablebens gestorben wäre?

Flohr: Ja, höchst wahrscheinlich. Die Tatsache, dass aus dieser grausamen Todessituation neues Leben entstand, setzte in der Folge neue grosse Kräfte frei.

Wie war das möglich?

Flohr: Dazu ein Grund: Die Kreuzigung und Auferstehung von Jesus fiel in die Zeit der Pessachwoche. Das Fest erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und damit dem Entrinnen aus der Sklaverei. Das letzte Abendmahl, während dem Jesus mit seinen Jüngern Wein und Brot teilte, war ein Pessachmahl. Es stand für Befreiung und Hoffnung. Mit dem Ritual des Brot-Essens und Wein-Trinkens besannen sich die Jünger auch nach Jesus Tod auf diese Werte. Eine Gerechtigkeit, die stärker ist als der Tod.

Hätte der gewaltsame Tod von Jesus verhindert werden können? Immerhin handelte es sich um einen Justizskandal.

Flohr: Jesus kämpfte ja mit der Frage, ob er fliehen oder sich dem Tod ausliefern soll.

Was war der entscheidende Schritt?

Flohr: Jesus lehrte ja lange Zeit in der Provinz. Erst als er am Palmsonntag ins Machtzentrum von Jerusalem einzog, zündete er in Sachen Provokation die entscheidende Stufe. Damit war der Weg vorgezeichnet.

Wenn man diese Frage überhaupt stellen darf: Wer war schlussendlich schuld am Tode von Jesus?

Flohr: Sicher darf man das. Darüber wurden ja ganze Bibliotheken geschrieben. Der Tod von Jesus hatte einerseits der römische Statthalter von Jerusalem, Pontius Pilatus, zu verantworten. Die Kreuzigung war eine römische Erfindung, die unzählige Opfer forderte. Andererseits waren es aber auch jüdische Kreise, die auf die Verurteilung drängten.

Papst Benedikt XVI. distanzierte sich ganz klar davon, dass man den Juden im Zusammenhang der Kreuzigung eine Kollektivschuld anlastet. Eine Einschätzung, die Sie sicher teilen?

Flohr: Ganz klar. Die Schuldfrage wurde in der Vergangenheit immer wieder politisch instrumentalisiert und führte zu fürchterlichem Leid. Wie ich bereits erwähnte, kam Jesus jüdischen Führungszirkeln in die Quere. Diese wollten ihn aus dem Weg räumen. Es war nicht das Volk, das seinen Tod forderte.

Das Kreuz, das auch für Leid und Schmerz steht, hat sich als Symbol der Christenheit etabliert. Weshalb steht nicht vielmehr der befreiende Aspekt der Auferstehung im Vordergrund?

Flohr: Der Fisch galt in den Anfängen der Christenheit als Symbol ihrer Religion. Die einzelnen griechischen Buchstaben des Wortes für Fisch standen für: Jesus Christus, Sohn Gottes und Befreier. Erst Kaiser Konstantin setzte im dritten Jahrhundert das Kreuz in den Mittelpunkt. Das Kreuz zeigt auch, dass das Christentum nicht eine Sache ist, bei der sofort alles klappt. Es entstehen Reibungen. Aber man kann es sicher bedauern, dass dieser Aspekt sehr stark im Vordergrund steht. Aber sieht man sich zum Beispiel die Jesuitenkirche in Luzern an, so muss man richtiggehend suchen, um auf ein Kreuz zu stossen. Vielmehr steht dort die Öffnung in Richtung Himmel im Zentrum.

Ostern ohne Eier ist wie Weihnachten ohne Tannenbaum. Woher rührt das?

Flohr: Das Christentum nahm bereits während seiner Anfänge Sitten und Bräuche aus anderen Kulturen auf. Weihnachten kam an Stelle eines römischen Festes, jenem des unbesiegbaren Sonnengottes. Eier waren seit jeher ein Symbol der Fruchtbarkeit und bildeten dann irgendwann eine Symbiose mit Ostern.

* Florian Flohr (57) studierte Theologie In Mainz und Freiburg i. Ue. Seit November arbeitet Flohr zu 50 Prozent in einer Stabstelle bei der Kirchgemeinde Luzern. In einem 50 Prozent-Pensum arbeitet Flohr daneben als Geschäftsführer der ökumenischen Wohnbaugenossenschaft Luzern.