Luzerner Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach rutscht tief in die Verlustzone

Der Stahlkocher steht vor einem umfangreichen Restrukturierungsprogramm. Die Tochtergesellschaft Swiss Steel in Emmenbrücke ist aber gut aufgestellt.

Maurizio Minetti
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Jens Alder, Verwaltungsratspräsident von Schmolz + Bickenbach, muss einen happigen Verlust des Stahlherstellers für 2019 ausweisen.

Jens Alder, Verwaltungsratspräsident von Schmolz + Bickenbach, muss einen happigen Verlust des Stahlherstellers für 2019 ausweisen.

Alexandra Wey/Keystone

Es ist ein Jahr zum Abhaken: 2019 ist der Luzerner Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach (S+B) tief in die roten Zahlen gerutscht. Der Konzernverlust fiel mit über einer halben Milliarde Euro markant höher aus als im Vorjahr, als das Minus nicht einmal eine Million Euro betrug. Auch der Umsatz ist um 10 Prozent eingebrochen (siehe Tabelle).

Es sei eines der schwierigsten Jahre der Firmengeschichte gewesen, sagte CEO Clemens Iller am Mittwoch an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich. Die schlechten Zahlen entsprechen ungefähr den Erwartungen. S+B ist letztes Jahr unter anderem wegen der anhaltenden Nachfrageschwäche aus der Autoindustrie in eine schwere finanzielle Krise geraten und musste eine Kapitalerhöhung über 325 Millionen Franken durchführen. Zeitweise stand das Überleben des Konzerns auf der Kippe. Am Ende eines Machtkampfes im Aktionariat übernahm Hauptaktionär und Amag-Erbe Martin Haefner die Zügel. Heute besitzt seine Big Point Holding knapp 50 Prozent der Anteile, während die von Investor Viktor Vekselberg kontrollierte Liwet Holding zur Juniorpartnerin mit einem Anteil von 25 Prozent des Kapitals degradiert worden ist. Der Rest befindet sich im Streubesitz.

Refinanzierung soll bald abgeschlossen werden

Auch nach der erfolgreichen Kapitalerhöhung ist S+B aber noch lange nicht über den Berg. Der Stahlkonzern befindet sich derzeit in Gesprächen mit den Banken, um eine neue Fremdfinanzierung abzuschliessen. Diese dürfte bis Ende März in trockenen Tüchern sein. Die Banken haben entsprechend einen Sanierungsplan diktiert. Am Mittwoch kündigte der Stahlkocher ein umfassendes Restrukturierungsprogramm an, das auch Stellen in Deutschland kosten könnte.

Die genauen Auswirkungen des Sparprogramms auf die Schweizer Niederlassungen sind derzeit noch unklar. Immerhin ist laut CEO Iller «in dem mit den Banken verhandelten Sanierungsgutachten der Abbau von Stellen in der Schweiz zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgesehen». Bei den geplanten Massnahmen stünden die industrielle Integration der französischen Tochter Ascometal, der Turnaround von Finkl Steel in Nordamerika, die Restrukturierung des Verarbeiters Steeltec in Düsseldorf, aber auch Personalmassnahmen und operative Verbesserungen bei den Deutschen Edelstahlwerken (DEW) sowie die Investitionsergebnisse bei Swiss Steel im Fokus. S+B hofft also, dass sich die in den letzten Jahren bei Swiss Steel in Emmenbrücke getätigten Investitionen bald auszahlen.

Im Geschäftsbericht lässt sich Iller mit den Worten zitieren, dass dank der Investitionen Swiss Steel «überproportional von einer Markterholung profitieren» könnte. Man nehme Swiss Steel «noch genauer unter die Lupe, um brachliegende Potenziale freizusetzen und die operative Entwicklung zu unterstützen». Letztes Jahr kämpfte Swiss Steel allerdings mit einer Nachfrageschwäche, die mit Kurzarbeit überbrückt werden musste. Seit Mittwoch sind nun erneut rund 150 Mitarbeitende eine Woche lang in Kurzarbeit.

Corona-Virus sorgt für zusätzliche Unsicherheit

Ein Diskussionspunkt ist auch der Hauptsitz in der Stadt Luzern, der von Grossaktionär Haefner letztes Jahr als «überdimensioniert» bezeichnet worden ist. Sollte bei der Verwaltung gespart werden, könnte dies Jobs in Luzern kosten.

Die neuen Massnahmen befinden sich derzeit noch in einer detaillierten Evaluation und werden nach Angaben des Unternehmens im Laufe dieses Jahres sukzessive extern kommuniziert. Beim Ausblick blieb S+B vorsichtig optimistisch. Zu den ohnehin schon bestehenden Problemen kommt nämlich die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Corona-Virus hinzu. Der Stahlhersteller erwartet «trotz eines anhaltend herausfordernden Marktumfelds» ein wesentlich verbessertes bereinigtes Ebitda im Vergleich zu 2019, getrieben vom eingeleiteten Restrukturierungsprogramm und einer verbesserten Lagersituation in den Endmärkten. Die noch nicht abschätzbaren Auswirkungen des Corona-Virus auf diese Prognose sind dabei aber nicht berücksichtigt.