Alstom-Übernahme
Macht es General Electric wie immer, dann bleibt von Alstom-Schweiz nicht viel

Der amerikanische Konzern General Electric, welcher den Zuschlag für den Kauf des französischen Industriegiganten Alstom erhielt, fackelt für gewöhnlich nicht lange. Die Doktrin von Ex-CEO Jack Welch hiess: «Anpassen, verkaufen oder schliessen».

Matthias Niklowitz
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Was hat er vor mit Alstom-Schweiz? GE-Chef Jeff Immelt.

Was hat er vor mit Alstom-Schweiz? GE-Chef Jeff Immelt.

Keystone

General Electric (GE) wandelt sich von einem halben Industrie- und Finanzdienstleister in Richtung Industriekonzern. Bei diesem Umbau spielt die Übernahme der Alstom-Thermal-Power- und Stromausrüstungsaktivitäten in der Schweiz eine wichtige Rolle. Denn zu den bisherigen 500 «alten» GE-Stellen würden 6500 Alstom-Jobs hinzukommen. GE würde – hinsichtlich des Personalbestands – mit einem Schlag ABB in der Schweiz überholen, unter die Top-50-Arbeitgeber und zu einem der grössten Industriekonzerne der Schweiz aufsteigen.

Eine GE-Sprecherin wollte sich auf Anfrage nicht näher zu den möglichen Integrations- und Arbeitsplatzszenarien der Alstom-Aktivitäten in der Schweiz äussern.

Wie lange GE eine Rolle als grosser Industriearbeitgeber in der Schweiz einnehmen wird, ist offen. Denn bereits Ende April hatte GE-Chef Jeff Immelt der französischen Regierung die Übernahme durch eine Sitzverlegung des Thermal Power-Hauptsitzes aus Baden nach Belfort schmackhaft gemacht. Die Kombination von französischen Staatsaktionären und umtriebigen Lokalpolitikern aus Belfort wird laut Analysteneinschätzung dafür sorgen, dass das Thema Job-Aufbau in Frankreich nicht «vergessen» wird. Dadurch werden bis zu 200 Stellen mit administrativen Funktionen und Konzernzentralen-Stabsstellen verlegt werden.

Knallharter Kapitalismus

GE ist seit fast 50 Jahren mit den fünf industriellen Geschäftsbereichen Energy Management, Power & Water, Oil & Gas, Healthcare und Lighting in der Schweiz vertreten. Der Bereich Digital Energy/GE Consumer & Industrial etwa unterhält in Riazzino unweit von Locarno ein globales Technologiezentrum für besonders sichere unterbrechungsfreie Stromversorgungsanlagen mit 170 Angestellten. Healthcare beliefert mit 120 Angestellten Kliniken und Arztpraxen unter anderem mit Ultraschallanlagen. Zum Öl-Geschäft gehört auch die zu GE gehörende Firma Dresser Bach, spezialisiert auf Tankstellen und Zapfsäulen.

Der vor der Finanzkrise so mächtige Finanzarm GE Capital ist nach der Finanzkrise gestutzt worden: Die GE Money Bank, mit 700 Angestellten an 25 Standorten in der Schweiz heisst seit ihrem Börsengang Cembra Bank. GE hält hier noch 31,5 Prozent, die Beteiligung ist nicht mehr konsolidiert. GE Capital hingegen, der Dienstleister, der Investitionsgüter und Autoflotten finanziert, ist weiterhin zu 100 Prozent in Besitz von GE.

Das Beispiel der rasch umgebauten Finanzaktivitäten zeigt, wie GE unter Immelt funktioniert: Man konzentriert sich auf die zukunftsträchtigen und erfolgversprechenden Geschäftsbereiche. Wenn GE nicht die Nummer eins oder zwei in einem bestimmten Markt ist, wird gemäss der berühmten Devise des ehemaligen CEO-Konzernchefs Jack Welch entweder angepasst, verkauft oder geschlossen. Welch war 1981 bis 2001 GE-Chef.

Attraktives Servicegeschäft

Wenn diese «fix it, sell it or close it»-Prinzipien auf Alstom in der Schweiz angewandt werden, dann wird sich GE auf das Service-Geschäft bei den Gasturbinen konzentrieren. Die Analysten von JP Morgan, einer US-Bank, schätzen die Margen in diesem Bereich auf über 20 Prozent.

Alstom sagt auf Anfrage nicht, wie gross der Personalanteil des Turbinen-Servicegeschäfts ist. Analysten schätzen diesen auf rund die Hälfte der Belegschaft in der Schweiz. Hinzu kommen die Spezialisten für Forschung und Entwicklung. Diese liessen sich zwar nach Frankreich versetzen. Aber für viele Ingenieure, die aus der ganzen Welt kommen, ist der Standort Baden mit seiner hervorragenden Infrastruktur und guten Bezahlung nach Aussagen von Alstom-Beschäftigten attraktiver als das französische Provinzstädtchen Belfort.

Laut Analysten würde das Gasturbinen-Service-Geschäft empfindlich leiden, wenn GE bei Forschung und Entwicklung grosse Einschnitte vornimmt. Bei den Verwaltungsfunktionen gäbe es mehr Spielraum, so Analysten. In solchen Bereichen hatte Alstom in den vergangenen Jahren in der Schweiz Stellen schrittweise abgebaut.

Turbinenfabrikation ist gefährdet

Die Turbinenfabrikation hingegen, die in Birr erfolgt, würde dem GE-Kriterium, in den Kerngeschäften immer die Nummer eins oder zwei zu sein, nicht entsprechen. Der Marktanteil bei den neu gebauten Gasturbinen hat sich seit 2007 gemäss den Industrieanalysten von McKoy auf rund 4 Prozent gedrittelt. Das lag nicht nur an der ungünstigen Ausrichtung auf das von der Energiewende betroffene europäische Geschäft.

GE und Siemens hatten ihre Marktanteile auch dank globaler Ausrichtung und flexible Anpassungen an die asiatische Kundschaft über der 40- bzw. 30-Prozent-Marke stabilisiert. Alstom hatte nicht mehr die Finanzkraft, seinerseits mit einer beherzten Kombination von Zukäufen und aggressivem Marketing aus der Europa-Nische heraus eine weltweite Präsenz, besonders in Nordamerika, aufzubauen. Und ist so zu einem Sanierungs- und Übernahmefall geworden.