Macht vorwärts mit Schnelltests! Roche warnt: «Irgendwann können wir die Kapazitäten nicht mehr zurückhalten»

Die Wirtschaft fürchtet sich vor einem zweiten Lockdown. Zudem kommt sie die Quarantäneregel immer teurer zu stehen. Jetzt fordert der Dachverband Economiesuisse, rasche Taten zu den Schnelltests – und schickt einen Brief an den Bundesrat.

Niklaus Vontobel
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Der Sitz von Roche Diagnostics International AG in Rotkreuz, Zug

Der Sitz von Roche Diagnostics International AG in Rotkreuz, Zug

Urs Flueeler / KEYSTONE

Die Wirtschaft fürchtet einen zweiten Lockdown. Die steigenden Fallzahlen seien beunruhigend, sagt Rudolf Minsch, Chefökonom beim Dachverband Economiesuisse. «Einen zweiten Lockdown gilt es unter allen Umständen zu verhindern.» Der Verband Swissmem betont, Industriefirmen seien nicht die Ursache für die zunehmenden Ansteckungen. Direktor Stefan Brupbacher fordert darum: «ein Bekenntnis, dass Industriefirmen ausgenommen würden, käme es erneut zum Lockdown».

Viel erhofft sich die Wirtschaft von den neuen Schnelltests. Chefökonom Minsch sagt, mittlerweile spreche alles dafür, dass einige dieser Schnelltests gut genug seien, um den Umgang mit dem Virus fundamental zu verändern. Economiesuisse hat dem Bundesrat darum einen Brief geschrieben. «Damit wollen wir unterstreichen, dass die Schweiz die Chance der Schnelltests nicht vor lauter Abklärungen verschlafen darf», sagt Minsch.

Das BAG testet noch

«Wenn die Schweiz wie die alte Fasnacht daherkommt, werden die Schnelltestkapazitäten längst vergeben sein», warnt Minsch. Bund, Kantone und Behörden müssten heute schon an einer Strategie arbeiten, wie die Schnelltests am besten einzusetzen seien.

Das BAG testet die Schnelltests noch. Die Validierung soll gegen Ende Oktober abgeschlossen sein. Doch man ist in der Zwischenzeit nicht so untätig geblieben, wie von Economiesuisse befürchtet. Ein Sprecher sagt auf Anfrage: «Das BAG hat schon früh mit Lieferanten Kontakt aufgenommen. Es wurden grössere Mengen an Schnelltests zur Verwendung in der Schweiz gesichert.» Weitere Details könne man im Moment nicht bekannt machen.

Allzu viel Zeit sollte sich das BAG jedoch nicht mehr lassen. Das hat heute der Pharmakonzern Roche an einer Pressekonferenz zu den Geschäftszahlen für das dritte Quartal klar gemacht. Roche-CEO Severin Schwan sagte, man reserviere derzeit Kapazitäten für die Schweiz. Aber die globale Nachfrage übersteige das Angebot bei Weitem.

Einige Länder würden geradezu verzweifelt auf neue Schnelltest warten. «Irgendwann können wir die reservierten Kapazitäten nicht länger zurückhalten. Wir brauchen eine feste Zusage der Schweiz.» Es wäre nicht fair, so Schwan weiter, Produkte zurückzuhalten, wenn es in anderen Ländern solch eine starke Nachfrage gäbe.

Zugleich sagte Schwan, halte das BAG den angekündigten Zeitplan ein, dann sei dies «okay». Die Schweiz sei auf einem guten Weg, aber man bräuchte nun eine feste Zusage.

Solche Validierungen, wie sie das BAG derzeit durchführt, würden zum normalen Prozedere gehören, heisst es bei Roche. Andere Länder hätten diesen Prozess indessen abgeschlossen. Man habe keinen Grund zur Annahme, dass die Resultate in der Schweiz anders ausfallen würden. Zudem habe man natürlich eigene Daten.

Kein kommerzieller Grund, um auf die Schweiz zu warten

Roche betonte auch, keinen kommerziellen Grund zu haben, um einzelne Länder wie die Schweiz zu bevorzugen. Man verlange überall auf der Welt den gleichen Preis.

Und die neuen Schnelltests seien vielleicht geringfügig weniger genau als die heute üblichen PCR-Tests, bei denen das Testergebnis erst nach zwei Tagen vorliegt. PCR-Test seien jedoch knapp. So sei die Alternative zu den Schnelltests nur: «nichts zu tun.» Auch könne man mit den Schnelltests nahezu 100 Prozent jener Personen erkennen, die tatsächlich ansteckend seien und das Virus weitergeben weitergeben würden.

«Ein zweiter Lockdown wäre verheerend. Nicht für alle, aber für viele im Gastgewerbe». Das sagt Casimir Platzer, Präsident des Branchenverbands Gastrosuisse, zu den Folgen eines zweiten Lockdowns. Man hätte darum auch Verständnis, wenn der Bundesrat nun national zusätzliche Massnahmen beschliessen würde. Auch lehnt Platzer eine Ausweitung der Maskenpflicht nicht grundsätzlich ab, wie sie viele Kantone schon beschlossen haben.

Ob damit viel erreicht würde, bezweifelt Platzer jedoch. Der Kanton Genf kenne in Restaurants schon länger eine Maskenpflicht für Gäste und für Mitarbeiter. Dennoch weise Genf heute schweizweit die höchsten Fallzahlen aus.

Nervosität an den Börsen

Die Angst vor einem zweiten Lockdown geht in ganz Europa um. Leitindizes für die Börsen in der Schweiz und Deutschland gaben gestern um über 2 Prozent nach. Zugleich setzte eine Flucht in sichere staatliche Anleihen ein. Deutsche Bundesanleihen waren so gefragt wie seit dem ersten Lockdown im März nicht mehr. Der Schweizer Franken wertete sich zum Euro leicht auf. Bei Handelsende kostete ein Euro leicht weniger als 1.07 Franken.

Was den Investoren die Stimmung verdarb, dürften neue Massnahmen gewesen sein. In Frankreich wird in neun Städten eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. In London dürfen sich Angehörige verschiedener Haushalte nicht mehr in Innenräumen treffen.

Fallzahlen für Gemeinden bekanntgeben

Die Kantone sollten Fallzahlen für jede Gemeinde einzeln ausweisen, so wie es der Kanton Bern macht. So lautet eine weitere Forderung von Economiesuisse. Die Menschen würden ihr Verhalten rasch ändern, wenn die Ansteckungen in ihrer Gemeinde zunehmen, ist Minsch überzeugt. Economiesuisse setzt sich in diesen Tagen verstärkt in der Politik ein. Es gehe immer um Massnahmen, die einen möglichst hohen Nutzen bringen und zugleich möglichst geringe Kosten verursachen.

Im Contact Tracing müssten die Kapazitäten zudem weiter ausgebaut werden, was eine sehr effiziente Massnahme sei. Die Covid-App scheine etwas eingeschlafen zu sein, sei aber eigentlich ebenfalls ein gutes Mittel, sagt Minsch. Und das Gleiche gelte auch für eine Ausweitung der Maskenpflicht. Zuletzt haben verschiedene Kantone die Maskenpflicht ausgeweitet in Cafés und Restaurants.

Irgendwann muss man vor Ort sein

Die Industrieunternehmen stossen mittlerweile an die Grenzen der virtuellen Kommunikation. Es müsse dringend wieder einfacher werden, Mitarbeiter aus der Schweiz nach Deutschland schicken zu können - und umgekehrt, sagt Swissmem-Direktor Brupbacher.

Derzeit würden Innovation und Zusammenarbeit leiden mit den deutschen Kunden, die insgesamt durchschnittlich etwa 25 Prozent des Umsatzes der MEM-Firmen ausmachen (Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie). Das Thema Auslandsreise werde immer virulenter.

«Irgendwann muss man vor Ort sein», sagt Brupbacher. Sonst könne man keine Servicearbeiten mehr machen, Inbetriebnahmen oder Projektarbeiten. Darunter leide auch die Innovation.

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