Madoff: «Es tut mir leid»

Kein Erbarmen mit Bernard Madoff: Ein US-Bezirksrichter hat ihn zur Höchststrafe verurteilt. Doch damit ist die Aufarbeitung des grössten Betrugsfalls der Wall-Street-Geschichte nicht zu Ende.

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Keystone

Renzo Ruf, Washington

Auch in seinen letzten Minuten in Freiheit hielt Bernard Madoff an seiner Geschichte fest. Im New Yorker Gerichtssaal sagte der 71-jährige Milliardenbetrüger zu neun seiner Opfer, die ihn zuvor mehr oder weniger verflucht hatten: «Es tut mir leid.»

Auch entschuldigte er sich bei seiner Frau, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist, seinen zwei erwachsenen Söhnen und seinen ehemaligen Angestellten - sie alle, sagte Madoff vor Bezirksrichter Denny Chin, hätten nichts von seinen kriminellen Machenschaften gewusst. Er habe seine Familie hintergangen und selbst seine Grosskinder würden noch lange unter seinen Taten zu leiden haben. «Ich habe ei- nen furchtbaren Fehler gemacht.» Er habe aber keinen Ausweg aus seinem Schneeballsystem gefunden.

Richter wollte Exempel statuieren

Chin allerdings liess sich von diesen Krokodilstränen kurz vor der Verkündung des Strafmasses nicht beeindrucken. Er verurteilte Madoff, der sich im Frühjahr der mehrfachen Unterschlagung schuldig bekundet hatte, zu 150 Jahren Haft - was im Gerichtssaal mit Applaus begrüsst wurde. Madoffs Verteidigung hatte zwölf Jahre Haft gefordert. Angesichts des hohen Alters des geständigen Kriminellen und der harschen US-Haftbedingungen hätte dies wohl ebenfalls lebenslänglich bedeutet.

Der Richter sagte explizit, er wolle mit der hohen Strafe ein Exempel statuieren. Madoff habe «ausserordentlich üble» Verbrechen begangen und das Finanzsys-tem fast aus dem Angeln gehoben. Er habe seine Kunden «länger als 20 Jahre» kaltblütig betrogen und sie ausgenutzt. Ausserdem habe er sich, trotz seinem Schuldbekenntnis im März, nicht um eine Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden bemüht. So ist immer noch weitgehend unklar, wie der Investor derart lange derart viel Geld unterschlagen konnte.

Vermögen bleibt verschollen

«Es handelt sich hier um einen atemberaubenden Betrug», sagte Chin. Daran erinnerten gestern Morgen im Gerichtssaal während 60 emotionalen Minuten auch die Opfer. So erzählte der 34-jährige Michael Schwartz die Geschichte seines geistig behinderten Bruders, dessen Pflege er mit dem Profit aus Madoffs Geschäften habe finanzieren wollen. «Jedes Mal, wenn Madoff einen Scheck einlöste, zerstörte er Träume», sagte Schwartz unter Tränen. Madoffs Gefängniszelle «soll sein Sarg werden», forderte er. Ein anderer betrogener Investor, der 63-jährige Tom Fitzmaurice, sagte zu Madoff: «Möge Gott Ihnen keine Gnade bieten.»

Mit der Verkündung des Strafmasses ist die Aufarbeitung des «Betrugs des Jahrhunderts» noch lange nicht abgeschlossen. So kann Madoff den Entscheid anfechten. Zudem geht die Suche nach dem unterschlagenen Geld fieberhaft weiter: Gemäss den Ermittlern sind bisher die Namen von 1341 Madoff-Kunden bekannt, die seit 1995 13,2 Milliarden Dollar deponiert haben - davon sind nur 1,2 Milliarden Dollar wieder aufgetaucht, obwohl Madoff sein Vermögen auf 65 Milliarden Dollar beziffert. Die Behörden sprechen von bis zu 170 Milliarden Dollar, die durch die Hände des Betrügers gegangen sein sollen.