Mario Draghis Dilemma

Der stellvertretende Chefredaktor Roman Schenkel zum Entscheid der Europäischen Zentralbank, ihre Leitzinsen nicht anzupassen.

Roman Schenkel
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Eigentlich sind die Signale aus der europäischen Wirtschaft eine klare Handlungsanweisung: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss die Normalisierung ihrer Geldpolitik einleiten und das milliardenschwere Anleihenkaufprogramm zurückfahren. Denn der Aufschwung im Euroraum gewinnt immer mehr an Fahrt. Die Wirtschaft in der Eurozone konnte zum siebzehnten Mal in Folge ein Wachstum verzeichnen – im letzten Quartal um stolze 0,6 Prozent. Das macht sich in der Beschäftigung bemerkbar: Die Arbeitslosigkeit sinkt schneller als erwartet, die Konsumenten sind fast so zuversichtlich wie vor der Eurokrise.

Dennoch zaudert EZB-Präsident Mario Draghi. Er behält den Fuss auf dem Gaspedal und pumpt weiterhin Monat für Monat 60 Milliarden Euro in die europäische Wirtschaft. Draghis Dilemma ist der wiedererstarkte Euro. Die Gemeinschaftswährung hat vor allem im Vergleich zum Dollar zugelegt – seit Jahresbeginn um fast 15 Prozent. Das heisst, dass die Produkte europäischer Firmen auf den Weltmärkten teurer werden, was das Wirtschaftswachstum in der Eurozone dämpft.

Draghi befürchtet, dass er mit einer verfrühten Wende in seiner Geldpolitik den Euro noch weiter stärken und so das Wirtschaftswachstum abwürgen könnte. Mit dem Hinauszögern gewinnt er Zeit, um die weitere Entwicklung des Euro zu beobachten. Dadurch verbleibt auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Beobachter­status. Denn die Zinsen in der Eurozone werden auch auf lange Frist tief bleiben. Der Spielraum der SNB, die ungeliebten Negativzinsen aufzuheben, bleibt gleich null. Für die Schweizer Sparer ist das alles andere als eine gute Nachricht.

Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch