Strommarktöffnung
Marktöffnung: Strombörse als Joker für das EU-Stromabkommen

Der französisch-deutsche Strombörsenbetreiber Epex kündigte gestern die Einrichtung einer schweizerischen Strombörse an. Diese soll vor allem als ein Joker bei den Verhandlungen um ein bilaterales Stromabkommen mit der EU dienen.

Matthias Niklowitz
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Handelsware Strom: Viele Schweizer Energiekonzerne handeln mit Strom längst grenzüberschreitend. KEY

Handelsware Strom: Viele Schweizer Energiekonzerne handeln mit Strom längst grenzüberschreitend. KEY

346 Terawattstunden in einem 150-Millionen-Konsumenten-Markt – das sind gewaltige Zahlen, die das Management des französisch-deutschen Strombörsenbeitreibers Epex Spot in Bern vorlegte.

Rund ein Drittel des kombinierten Stromverbrauchs der Schweiz, von Deutschland, Österreich und Frankreich wird laut Epex-Angaben bereits über die eigene Plattform gehandelt.

Die zugelassenen Marktteilnehmer handeln vorwiegend in den Vormittagsstunden. Verbraucht wird der Strom vorwiegend in den frühen Abendstunden, wenn in Haushalten die stromfressenden elektrischen Herde und Öfen eingeschaltet sind.

Mit lediglich einem Computer und einem Repräsentanten erweitert Epex sein Geschäft um eine Schweizer Strombörse.

«Wir sind schlank aufgestellt, deshalb brauchen wir auch kaum Personal», sagte Epex-Aufsichtsrat Jürgen Kroneberg gestern vor den Medien auf die Frage zum personellen Aufwand.

Handel ist längst etabliert

Mehr braucht es nicht – denn Schweizer Strom wird längst an europäischen Börsen gehandelt. Grösster und wichtigster Handelsplatz auch für schweizerische Stromproduzenten und Grossverbraucher ist die Börse European Energy Exchange (EEX) in Leipzig.

Die skandinavischen Länder haben mit Nord Pool eine eigene Börse. In weiteren Ländern wie Italien und Spanien findet der Handel bisher lediglich innerhalb der Landesgrenzen statt. Bis 2015 soll ein EU-weiter Binnenmarkt stehen.

Die Schweiz ist unter Zugzwang. Das Stromversorgungsgesetz, das die bisherige gesetzliche Grundlage des Strommarktes bildet, sieht die volle Liberalisierung für dieses Jahr parallel mit einem bilateralen Stromabkommen mit der EU vor.

Für das EU-Abkommen braucht es allerdings so etwas wie eine «Schweizer Strombörse», bei der, und das ist der Grund für die Installation des einzelnen Computers in der Schweiz, auch von der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom) vor Ort reguliert und zur Not kontrolliert werden kann.

«Wir streben hierfür eine separate Regelung an, damit wir rasch eingreifen können», sagte Walter Steinmann, Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE), gestern am gleichen Anlass.

Geld spielt kaum eine Rolle

Laut Epex-Stprecher Wolfram Vogel hat der Börsenhandel von Strom eine ganze Reihe weiterer Vorteile. So werden Preisspitzen geglättet und extreme Wetterbedingungen lassen sich besser europaweit ausgleichen.

«Wir erhalten eine höhere Versorgungssicherheit durch die Marktintegration und man ist nicht mehr abhängig von einzelnen Ländern», sagte Vogel weiter. Gemäss einer zusammen mit dem Netzbetreiber Swissgrid initiierten Studie ergebe sich durch den Handel eine «Zunahme der Wohlfahrt von mehreren Millionen Euro pro Jahr».

In wessen Taschen das Geld fliesst, konnte auch ElCom-Präsident Carlo Schmid nicht angeben. «Wohlfahrtsaspekte stehen hier nicht im Zentrum», sagte er gestern, «uns geht es vielmehr um Versorgungssicherheit und Importmöglichkeiten.»

Derzeit stelle der ganze Kontinent von festen Abnahmeverträgen auf flexiblen Stromhandel um. «Wenn die Schweiz dabei nicht mitmacht, haben wir ein Problem», sagte Schmid weiter. «Wir schaffen jetzt die Voraussetzungen, damit wir nicht vom europäischen Markt ausgeschlossen sind.»

Beim Energiekonzern Axpo, einem der 25 Schweizer Mitglieder der Epex-Strombörse und auch an anderen Stromhandelsplätzen aktiv, begrüsst man die Initiative. «Axpo unterstützt einen offenen Markt», sagt Axpo-Sprecher Alexander Dalli.

«Die Schaffung von Börsen zur Erhöhung der Transparenz und Liquidität ist nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Aus diesen Gründen ist es denkbar, dass sich Axpo auch an einer Strombörse für Schweizer Produkte beteiligen würde.»

«Alpiq befürwortet die Weiterentwicklung der Epex in der Schweiz im Sinne der Marktöffnung in Europa», heisst es auch vom Lausanner Energiekonzern.

Die tiefen Strompreise hätten mehrere Ursachen und seien das Resultat eines tiefgreifenden Wandels im Strommarkt. «Absicherungen gegen diesen Preiszerfall an Strombörsen sind eine Möglichkeit, sie lösen das Problem aber nicht», sagt Alpiq-Sprecher Andreas Meier.

Wichtig für die Verhandlungen

«Eine Schweizer Strombörse wäre zwar grundsätzlich wichtig für den Energiehandel», sagt Vontobel-Analyst und Head of Credit Research Dominik Meyer, «die Diskussionen um die Schaffung einer eigenen Strombörse stärken indes sicher auch die Position der Schweiz in den Energieverhandlungen mit der EU, welche sehr komplex sind und ins Stocken geraten zu sein scheinen.»

Prinzipiell hat die Einrichtung einer Strombörse positive Auswirkungen auf die Effizienz der Preisbildung. Die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufspreisen sinkt durch den Handel, die Liquidität steigt und die Preisfindung wird auch transparenter.

«Die Anfälligkeit für Marktanomalien wie negative Strompreise beispielsweise während extremer Wetterlagen, wie es sie bei Stürmen über Norddeutschland gab, könnte möglicherweise durch eine effizientere Zusammenführung von Angebot und Nachfrage nach Strom auf der Basis einer Strombörse verringert werden», sagt Meyer weiter.

Zudem könnte ein effizienterer Strommarkt den Druck auf die zum Teil sehr opaken Preise, welche den langfristigen Lieferverträgen zwischen den Stromversorgern und ihren Abnehmern unterlegt sind, erhöhen.

«Allerdings haben Strombörsen auch einige Besonderheiten, weil jeweils immer genau gleich viel Strom in die Netze eingespeist werden kann, wie auch tatsächlich verbraucht wird», sagt Meyer weiter.

Extreme Wetterlagen wie Stürme über Norddeutschland würden zu einem Überangebot von Windstrom führen, was an Börsen zu negativen Preisen führt: Stromproduzenten bezahlen Grossverbraucher dafür, dass sie Strom abnehmen.

Offen sind laut Meyer die Auswirkungen auf die Marktstrukturen in der Schweiz. «Viele Elektrizitätswerke verkaufen ihren Strom im Rahmen längerfristiger Verträge zu festen Preisen, und diese sind opak. «Elektrizitätswerke möchten teilweise nicht, dass Preisangaben publik werden und sich Grossverbraucher günstiger an den Börsen eindecken.»