Industrie
Maschine statt Mensch: So killt der starke Franken Schweizer Jobs

Der starke Franken bremst die Wettbewerbsfähigkeit und erhöht den Spardruck. Einerseits werden ältere Fachkräfte ausgelagert. Andererseits verdrängen Roboter die einfachen Jobs. Fehlt es schon bald an Stellen für Ungelernte oder Behinderte?

Daniel Fuchs
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Viele Maschinen, wenige Menschen: Bei der Meyer Burger AG bei Thun im Berner Oberland sorgen komplette maschinelle Fertigungslinien für die Herstellung von Teilen für die Solarindustrie.

Viele Maschinen, wenige Menschen: Bei der Meyer Burger AG bei Thun im Berner Oberland sorgen komplette maschinelle Fertigungslinien für die Herstellung von Teilen für die Solarindustrie.

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Roboter sind aus Fabriken längst nicht mehr wegzudenken. Dank ihnen haben die Unternehmer die Personalkosten massiv senken können. Machten diese vor Jahren bei Industriebetrieben noch rund 80 Prozent der Kosten aus, liegen sie heute zum Teil unter 50 Prozent. Der Trend: Vor allem unqualifizierte Arbeitskräfte wurden eingespart. Ihre meist repetitiven Arbeitsabläufe wurden mit Maschinen und Robotern ersetzt – und Ausgebildeten, welche diese zu bedienen wissen. Damit haben die Unternehmer die Produktivität stetig erhöht. Allein in der verarbeitenden Industrie gelang eine Steigerung von 39 Prozent seit Mitte der Neunzigerjahre, wie dem vergangene Woche veröffentlichten Wachstumsbericht des Bundesrats zu entnehmen ist (siehe Grafik).

Entwicklung der Arbeitsproduktivität nach Branchen.

Entwicklung der Arbeitsproduktivität nach Branchen.

nch/bar

Ungelernte nicht verschwunden

Trotz Robotikindustrie, die immer bessere Maschinen auf den Markt bringt: Ganz verschwunden aus den Industriebetrieben sind die ungelernten, günstigen Arbeitskräfte noch immer nicht. Die Unqualifizierten oder die Niedrigqualifizierten, die einer repetitiven Arbeit nachgehen. Acht Stunden, Tag für Tag. Immer dieselben Handgriffe.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Roboter brauchen zwar weder Kaffee noch nörgeln sie herum. Dafür fehlen ihnen Augenmass und Fingerfertigkeit, die sich Angestellte über die Jahre angeeignet haben. Ihre Routine kann Ungelernte zu hochgradig spezialisierten Unqualifizierten machen. Auf sie können manche Unternehmen nicht einfach so verzichten.

Gerade die Patrons kleinerer und mittlerer Unternehmen (KMU) setzen ungern einen langjährigen Mitarbeiter aus der Region auf die Strasse, nur weil eine Maschine dasselbe kann. Mit der Aufgabe der Franken-Euro-Kopplung steht vielen Export-Unternehmen das Wasser jedoch wieder bis zum Hals: Entweder ist ihre Marge dahin oder ihr Umsatz bricht ein.

Die Branche ist in Aufruhr. Ältere Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung sorgen sich (siehe Interview rechts). Drohen auch die einfacheren Arbeiten nun aus Schweizer Industriebetrieben zu verschwinden? Der Ökonom und ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm fürchtet ja: Neben den Über-55-Jährigen werde vor allem die Gruppe der Ungelernten ohne nachobligatorische Bildung betroffen sein. «Beim Aufschwung will man sie, beim Abschwung entlässt man sie», so bringt es Strahm auf die einfache Formel. «Der Rationalisierungsdruck wird wieder ansteigen, als Erstes kann so bei den repetitiven Arbeiten eingespart werden.»

In der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie gelten im Gesamtarbeitsvertrag vereinbarte Mindestlöhne. Sie bewegen sich um die 4000 Franken monatlich à 13 Tranchen. Rechnet man Sozialabgaben und Arbeitsplatzkosten ein, so lassen sich die jährlichen Kosten für einen günstigen Mitarbeiter in der Industrie auf rund 100 000 Franken schätzen.

Rationalisiert und ausgelagert

Beim Branchendachverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem ist die Streichung von Stellen für schlecht Qualifizierte eine Selbstverständlichkeit: «Hier und dort wird man noch weiter automatisieren können. Mit dem massiv überbewerteten Schweizer Franken besteht allerdings die Gefahr, dass vor allem jene Arbeitsplätze ins Ausland ausgelagert werden, welche die Unternehmen nicht einfach so mit Maschinen ersetzen können», so der Sprecher Ivo Zimmermann. Wer über keine Ausbildung verfüge, habe es in der Industrie ohnehin schwer. «Gerade in der Industrie hat die Zahl an weniger qualifizierten Arbeitskräften in den letzten
20 Jahren deutlich abgenommen.»

Die Gewerkschaft Unia macht einen auf Zweckoptimismus: Die Export-Branche soll nicht auf die Idee kommen, Stellen abzubauen. «Man braucht alle Leute, die nun eingestellt sind. Es gibt keine Gruppe, die nun besonders gefährdet ist, ihren Job zu verlieren», sagt Pascal Pfister, regionaler Bereichsleiter Industrie bei der Unia zuversichtlich.

Behindertenplätze in Gefahr?

Nicht nur Ungelernte sind auf niedrigschwellige Jobs angewiesen. Die Invalidenversicherung (IV) bemüht sich darum, Behinderte in den Arbeitsprozess zu reintegrieren. KMU sind die wichtigsten Anbieter solcher Stellen, auch in der Industrie. Der IV-Leiter beim Bundesamt für Sozialversicherungen, Stefan Ritler, pocht auf die Zusicherungen aus der Wirtschaft: «Ich verlasse mich aber darauf, dass die Arbeitgeber bei ihren Verpflichtungen bleiben und ihren Beitrag zur Re-Integration leisten», sagt er. Er spüre keine Anzeichen, dass Firmen sich wegen des starken Franken von leistungsschwächeren Arbeitern trennen oder solche nicht mehr einstellen wollten. Im Gegenteil: «Die IV bietet Massnahmen an, die es Unternehmen erleichtern, leistungsschwächere Arbeitnehmer zu integrieren. Etwa mittels Zuschüssen oder Teilrenten», so Ritler.