MEDIEN: Im TV wird es immer bunter

Die Gewohnheiten der Fernsehpublikums ändern sich. Den Zuschauern bieten sich mehr Möglichkeiten in der Stube – und nicht nur dort.

Maurizio Minetti
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Aus den Anfängen der Fernsehtechnik: ein Schwarz-weiss-TV-Gerät mit Empfangsantenne. (Bild: Getty)

Aus den Anfängen der Fernsehtechnik: ein Schwarz-weiss-TV-Gerät mit Empfangsantenne. (Bild: Getty)

Maurizio Minetti

Es ist gar nicht so lange her, da schaute die halbe Welt abends in eine kleine schwarz-weisse Flimmerkiste. Zum Umschalten musste man vom Sofa aufstehen und am Fernseher herumfummeln. Erst Anfang 1968 wurde die erste Farbfernsehsendung in der Deutschschweiz ausgestrahlt. Die erste farbige «Tagesschau» folgte fünf Jahre später. Danach nahm die technologische Entwicklung ihren Lauf – bis zum heutigen Tag (siehe Box). Heute kann man Sendungen, Serien oder Filme praktisch von überall her, zu jedem beliebigen Zeitpunkt und mit einer Vielzahl von Geräten konsumieren.

Alles auf Abruf

Aus Untersuchungen weiss man, dass heutige Kinder mit Begriffen wie «Fernsehsender» oder «Fernsehkanal» nicht viel anfangen können. Die neue Generation zappt nicht, sie sucht im Internet und in Tablet-Apps gezielt Filme oder Sendungen und konsumiert sie sogleich. Laut dem jüngst veröffentlichten Media Use Index 2015 werden in der Schweiz TV-Inhalte immer öfter übers Internet gestreamt oder zeitversetzt konsumiert. Zum gleichen Ergebnis kommt eine repräsentative Studie im Auftrag des Schweizer Internet-TV-Anbieters Zattoo. Demnach schauen gut 75 Prozent der Zuschauer zumindest gelegentlich TV über das Internet, mehr als jeder Vierte nutzt sogar überwiegend Internet-TV-Angebote. Einige davon sehen nur noch über das Internet fern, insgesamt knapp 14 Prozent der Befragten. Besonders beliebt sind die Angebote von Youtube sowie Live-Fernsehen. Fast jeder Dritte nutzt Mediatheken, jeder Vierte Online-Videotheken.

Spricht man vom Fernsehen, muss man zwischen zwei Strömungen unterscheiden: dem linearen TV und dem Fernsehen auf Abruf. Linear heisst, dass Sendungen zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einem vordefinierten Programm in die Haushalte ausgestrahlt werden. Man muss also genau zum richtigen Zeitpunkt einschalten, um «Tatort» oder «Meteo» zu schauen. Die Zukunft – und für viele Nutzer schon seit einigen Jahren Realität – ist aber all das, was man unter «on demand» oder eben «auf Abruf» versteht: Der Konsument holt sich jene Sendung, die er schauen will, erst dann ins Wohnzimmer, wenn er gerade Zeit und Lust hat. Er ruft die Sendung beispielsweise am TV über seine Box von Swisscom, UPC Cablecom oder Quickline ab und kann jederzeit vor- und zurückspulen oder pausieren. Geht er ausser Haus, kann er die Sendung auf dem Tablet oder dem Smartphone ohne Unterbruch weiterschauen. Bei Bedarf findet der Nutzer Inhalte im Web auch als Podcast zum Abonnieren.

Chancen für Werbetreibende

Fernsehen auf Abruf bietet für Nutzer viele Vorteile. Dazu gehört zum Beispiel das bequeme Vorwärtsspulen von Werbung. Den Fernsehsendern selbst macht dieser Trend allerdings Bauchweh. Ronnie Hürlimann, Marketingleiter beim Zentralschweizer Fernsehen Tele 1, das wie unsere Zeitung zu den LZ-Medien gehört, sagt: «Der Trend geht klar in Richtung Individualität. Die Zuschauer möchten selber bestimmen, wann sie was schauen. Dies stellt uns vor die Herausforderung, wie wir in Zukunft mit unseren Inhalten Geld verdienen können.» Für Werbetreibende kann der Internet-TV-Trend aber attraktiv sein, denn die Nutzerdaten sind viel präziser, womit Werbung gezielter gestreut werden kann. Die Branche spricht von «programmatic advertising» und meint damit gezielte, personalisierte Werbung über alle gängigen Geräten. Bei Tele 1 hat man schon seit Jahren auf Streaming-Inhalte gesetzt, die man per Internet konsumieren kann. «Die Nutzung via Smartphone oder Tablet ist derzeit zwar noch ziemlich tief, der Anteil steigt aber laufend – und dabei nutzen bei weitem nicht nur junge Menschen diese Angebote», sagt Hürlimann. Während TV-Inhalte zunehmend mit kleinen mobilen Geräten konsumiert werden, wächst gleichzeitig die Erwartungshaltung an dieses grosse schwarze Ungetüm, das in fast jedem Haushalt an der Wand hängt. «Der Fernseher ist aus der Stube nicht wegzudenken, deshalb wird er laufend neue Aufgaben übernehmen», glaubt Hürlimann. «Es kann nicht sein, dass man heute das TV einschaltet und einem 200 Sender anspringen. In der Regel nutzt man ohnehin nur ein paar davon.» Heute kann man mit jedem modernen Fernseher auch im Internet surfen und diverse Programme nutzen, nur tut das fast niemand, weil es nicht benutzerfreundlich ist.

Kein TV-Anschluss

Christian Schmid beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Entwicklung des digitalen Fernsehens. In Amerika spreche man von «cord-cutting» oder «cut the cord» (zerschneide das Kabel), sagt der Kenner: «Anbieter wie Netflix, Hulu oder Amazon machen einen klassischen Kabelanschluss überflüssig. Was der Kunde braucht, ist lediglich eine gute Breitband-Internetverbindung», erklärt Schmid. Allerdings müsse man sich als TV-Konsument die Frage stellen, ob man wirklich Geld spare, wenn man den TV-Anschluss kündigt. Internet-Provider wie Swisscom oder UPC Cablecom haben im Kampf um die Kunden günstige Bündelangebote mit Internetanschluss, TV, Festnetztelefonie und Mobilfunktelefonie. Ein reiner Internetanschluss ohne TV ist unter Umständen teurer als ein Gesamtpaket inklusive TV-Abo. «Für eine Studenten-WG könnte sich die Lösung mit einem reinen Internet­anschluss in Verbindung mit Netflix aber bezahlt machen», so Schmid.

Er glaubt, dass trotz der Fülle an Gratisangeboten im Netz die Leute immer mehr ausgeben werden für gute Inhalte. Wer die neuste US-Serie auf dem Streaming-Dienst Netflix schauen möchte, kommt nicht darum herum, ein Abo zu lösen. Weil es mehr Eigenserien gibt, muss man als Serienjunkies mehrere Flat-Rate-Abos bei diversen Anbietern haben. Das kann rasch teurer werden als ein klassischer TV-Anschluss.

Mitten im Geschehen

Dass sich das Fernsehen noch mehr in Richtung Individualität und Wahlfreiheit entwickelt, daran hat Schmid keinen Zweifel. Die Zukunft könnte zudem Möglichkeiten bringen, wovon wir heute nur träumen. «Virtuelle Realität» ist ein Stichwort, das im Gespräch mit TV-Vordenkern immer wieder fällt. Das «Wall Street Journal» liess kürzlich Kenner der TV-Szene ihre Zukunftsvorstellungen darlegen. Ein Manager des Herstellers von Videobrillen Oculus Rift meinte, man werde künftig vielleicht ganze Filme über spezielle Kontaktlinsen konsumieren, in denen sich der Zuschauer als Hauptdarsteller fühlen kann und mit den anderen Figuren interagiert. Oder man erlebt ein Konzert so, als ob man mitten im Saal sitzen würde.

Ob solchen Zukunftsvorstellungen geht oft vergessen, dass nach wie vor ein grosser Teil der Zuschauer pünktlich um 19.30 Uhr das TV einschaltet, um die «Tagesschau» nicht zu verpassen. In der Tat sind Nachrichten sowie Sport zwei Bereiche, die sehr gut oder sogar nur live funktionieren. Insofern dürfte das klassische lineare Fernsehen nie ganz aussterben.

Technische Meilensteine des Fernsehens

1958 startet die SRG den definitiven Fernsehbetrieb mit deutsch- resp. französischsprachigen Sendungen aus Zürich und Genf. Die Tessiner Sender übertragen die Programme mit italienischen Kommentaren.

1968: Erste Farbfernseh-
sendung in der Deutschschweiz.

1972: Erster Videokassetten-
rekorder für den Heimgebrauch wird vorgestellt.

1995: Die DVD kommt auf den Markt.

1997: Gründung von Netflix.

1999 bietet das Schweizer Fernsehen erstmals Sendungen im Web als VoD (Video on Demand) an.

2003 startet die SRG SSR idée suisse mit der Digitalisierung der drahtlos terrestrischen Verbreitung des Fernsehens.

2005: Aufschaltung von Youtube.

2007 werden erste Podcasts vom SRF angeboten.

2010: Die ersten 3-D-fähigen TV-Geräte werden verkauft.