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MEDIEN: Tamedia setzt den Presseabbau in der Romandie fort

Das Zürcher Verlagshaus Tamedia legt die Redaktionen der Zeitungen «20 Minutes» und «Le Matin» zusammen. In der Romandie wird der Ruf nach staatlicher Intervention lauter.
Antonio Fumagalli
Archivbild der Redaktion der Zeitung «Le Matin» in Lausanne. (Bild: Keystone/Gaetan Bally (Lausanne, 13. Februar 2012))

Archivbild der Redaktion der Zeitung «Le Matin» in Lausanne. (Bild: Keystone/Gaetan Bally (Lausanne, 13. Februar 2012))

Antonio Fumagalli

Eine gewisse Ironie ist nicht von der Hand zu weisen: Diejenigen, die sonst mit dicken Lettern hantieren, stehen nun selbst im Zentrum von reisserischen Schlagzeilen. «Impressum ist schockiert», titelte gestern der Berufsverband in seinem Communiqué. Bei der Mediengewerkschaft Syndicom hiess es: «Tamedia setzt den zerstörerischen Abbau bei den Medien fort.»

Was ist passiert? Gestern um 13 Uhr bat Tamedia die Mitarbeiter von «Le Matin» und «20 Minutes» zur Informationsveranstaltung. Was sie dort vernahmen, sorgte nicht eben für Heiterkeit. Die Redaktionen der beiden Tageszeitungen werden per Januar 2018 zusammengelegt und arbeiten künftig vom gleichen Standort aus. Sechs Personen, davon vier Journalisten, wurde gekündigt. Tamedia betont, beide Titel separat weiterzuführen. «Sie haben ihre eigene DNA und werden diese auch behalten», sagt Sprecher Patrick Matthey. Was das für den Alltag bedeutet – etwa, ob Journalisten künftig die gleichen Inhalte für beide Zeitungen produzieren –, zeige sich in den nächsten Monaten. «Für die Leser ändert sich nichts, sie werden die Umstellung kaum bemerken», so Matthey.

«Le Matin» ist seit 20 Jahren defizitär

Dass der gestern angekündigte Entscheid nur ein Zwischenschritt ist und der seit 20 Jahren defizitäre «Le Matin» schon bald eingestellt wird, weist Tamedia in aller Form zurück. «Wäre das unsere publizistische Absicht, hätten wir es schon längst getan», sagt Matthey. Das Gegenteil sei der Fall. Mit der Massnahme stärke man beide Titel und entwickle sie in einem schwierigen Marktumfeld weiter. «Ein klassisches Win-win», sagt er.

Solch versöhnlichen Worten trauen längst nicht alle. Am lautesten meldeten sich gestern die Mediengewerkschaften zu Wort. Sie prangern insbesondere den Stellenabbau und die «extrem geizige» Behandlung des gekündigten Personals an, während das Tamedia-Topmanagement jedes Jahr «unanständig hohe Löhne und Bonusleistungen» kassiere, wie es Syndicom formuliert. Zudem sei man «entgegen den Gepflogenheiten der Sozialpartnerschaft» nicht vorgängig über die Entlassungen informiert worden, sagt Dominique Diserens von Impressum. Tamedia entgegnet, dass es bei dieser Anzahl Kündigungen keine Verpflichtung gegeben habe und man weiterhin «gute Beziehungen» mit den Sozialpartnern pflege. Das Wohlwollen scheint derzeit freilich einseitig verteilt – im fast gleichen Wortlaut fordern die Mediengewerkschaften von Tamedia ein Kündigungsmoratorium.

Politikerin fordert staatliche Unterstützung für Presse

Die Sorge, die dahintersteckt, ist grundsätzlicher Natur. Nach den Entwicklungen der letzten Monate – Tamedia baute im Herbst 2016 bei «24 heures» und «Tribune de Genève» zahlreiche Stellen ab, im Frühling stellte Ringier das Politmagazin «L’hebdo» ein – fürchtet man in der Romandie um nichts weniger als die Basis unseres Zusammenlebens. «Die Meinungsvielfalt und damit das Funktionieren der Demokratie sind in echter Gefahr», sagt ­Grüne-Nationalrätin Adèle Thorens (VD). Die wirtschaftlich schwierige Lage der Branche führe dazu, dass sie anfälliger werde für politische Beeinflussungen jeglicher Art. «Die Lage ist ernst», sagt sie und denkt dabei auch an die Umstrukturierungspläne von Tamedia im Raum Bern, die demnächst kommuniziert werden.

In einer noch unbeantworteten Interpellation fragt Thorens den Bundesrat an, wie man die Medien direkt oder indirekt stärker stützen könnte. Ihr Waadtländer Ratskollege Fathi Derder (FDP) hält von solchen Plänen gar nichts. «Das Gefährlichste für die Demokratie ist nicht, wenn einzelne Publikationen verschwinden, sondern wenn die Politik in die Presselandschaft eingreift», sagt er. Die Restrukturierung der Branche werde weitergehen, aber auch das gedruckte Wort habe Zukunft. Seit Mai ist er Chefredaktor einer Wirtschaftszeitung.

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