MEDIKAMENTE: Das Geschäft mit billigen Pillen

Das Geschäft der Generika-Hersteller wird härter. Die Produzenten von Nachahmer-Pillen müssen wachsen, um zu überleben. Ein Vorteil für Konsumenten, denn die Preise fallen.

Bernard Marks / Neue Lz
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Die Preise für Generika fallen. (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)

Die Preise für Generika fallen. (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)

Ob bei Schnupfen, Schlafstörung, gegen HIV oder sogar in der Chemotherapie gegen Krebs – Generika, die Kopien von Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist, werden immer öfter eingesetzt. Der Grund für die Attraktivität liegt im tieferen Preis: Je nach Medikament, Dosierung und Packungsgrösse kann der Preisunterschied von Generika zu den Originalpräparaten 20 bis 70 Prozent ausmachen.

In Schwellenländern wie China, Russland, Brasilien, Indonesien oder Indien liegt der Verbrauch an Generika heute schon bei bis zu 80 Prozent. Auch in der Schweiz legt der Markt zu. «Die Offenheit gegenüber Generika verbessert sich hierzulande. Sie werden heute gleichgesetzt mit gleichwertig und preisgünstig», sagt Thomas Binder, Geschäftsführer der Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (Vips). Noch machen Generika in der Schweiz mit 534 Millionen Franken aber erst einen Achtel des Gesamtverbrauches an Medikamenten aus. Nach einem starken Anstieg bis 2006 hat der Marktanteil bei knapp 13 Prozent stagniert (siehe Grafik).

Weltweit stieg der Generika-Markt stark an auf insgesamt 141,2 Milliarden Franken. Dabei ist das Potenzial gross: Allein 2012 verloren laut Untersuchungen des Marktforschungsinstitutes IMS Health Medikamente mit einem weltweiten Umsatz von 50 Milliarden Franken ihren Patentschutz. Nach einer Studie der Beratungsfirma Frost & Sullivan sollen bis 2018 die Umsätze bei Generika auf 223 Milliarden Franken ansteigen.

Zuger Firma mischt ganz vorne mit

Die Wachstumsprognosen für die Hersteller von Generika sind deshalb rosig. Sigurdur Olafsson, Mitglied der Konzernleitung der US-Firma Actavis, teilt diese Einschätzung: «Der Markt für Arzneikopien dürfte in den nächsten drei Jahren weltweit zweistellige Zuwachsraten verzeichnen», sagte er in einem Artikel in der «Finanz und Wirtschaft». Actavis mit Sitz in Zug ist der drittgrösste Hersteller von Nachahmer-Medikamenten weltweit. Vor ihm liegen nur das israelische Unternehmen Teva und die Schweizer Novartis-Tochter Sandoz. Dabei hat Actavis am Montag den Rückstand nach vorne verkleinert: Actavis schluckt für 8,5 Milliarden Dollar die irische Pharmafirma Warner Chilcott. «Das ist ein Entscheid, um weiterhin im Markt zu überleben», sagt ein Analyst.

Übernahmepoker in der Branche

Denn die Pharmabranche ist stark in Bewegung – Pharmaunternehmen stehen zunehmend unter Druck, ihre Medikamentenpreise zu senken. Ein Grund sind die Kostenreduktionen im Gesundheitswesen vieler Industriestaaten. Zudem macht der harte Preiswettbewerb das Geschäft mit den Medikamentenkopien selbst für Branchengrössen schwierig.

In den vergangenen Jahren kam es daher immer wieder zu milliardenschweren Übernahmen in der Pharmaindustrie. So hatte zum Beispiel im Jahr 2010 Teva für rund 3,8 Milliarden Euro den Ulmer Generika-Hersteller Ratiopharm geschluckt. Der deutsche Chemie- und Pharmakonzern Bayer hatte Ende April die Übernahme des amerikanischen Unternehmens Conceptus für etwa 1,1 Milliarden Dollar angekündigt.

Auch um das irische Biotech-Unternehmen Elan läuft zurzeit ein Übernahmepoker. Der amerikanische Konzern Royalty Pharma will für die Iren bis zu 7,3 Milliarden Dollar zahlen.

Auch um Actavis, bekannt für Nachahmerversionen von Antibabypillen wie Yasmin, drehte sich das Übernahmekarussell. Bis zur Finanzkrise war Actavis das isländische Vorzeigeunternehmen. Nach der Finanzkrise und der Verlegung des Sitzes von Island nach Zug vor zwei Jahren folgte 2012 die Fusion mit Watson Pharmaceuticals. Der fusionierte Konzern tritt weltweit unter der Marke Actavis auf.

Im Januar 2013 hatte Actavis für 150 Millionen US-Dollar den belgischen Hersteller Uteron Pharma gekauft. Actavis ist derzeit an der Börse in New York mit rund 16 Milliarden Dollar bewertet. Der Trend des Aktienkurses zeigt steil nach oben. Trotz 17 000 Angestellten und einer Präsenz in mehr als 60 Ländern galt Actavis bis zuletzt bei Analysten als Übernahmekandidat.

Viele stehen Schlange

Eine 15 Milliarden Dollar schwere Offerte des amerikanischen Generika-Rivalen Mylan hatte Actavis kürzlich abgelehnt. Dem «Wall Street Journal» zufolge wollte das kanadische Unternehmen Valeant Actavis noch im April 2013 für mehr als 13 Milliarden US-Dollar kaufen. Und auch der Schweizer Chemieriese Novartis sah sich wegen der Gerüchte um ein Interesse am Generika-Unternehmen gezwungen, ein Dementi abzugeben. Eine Übernahme von Actavis durch Novartis würde für die Analystin der Bank Julius Bär, Lilian Montero, auch wenig Sinn machen. «Es ist ein schwerer Markt, denn die Preise für Generika schwanken stark», sagt Montero. «Novartis sollte besser mit Innovationen im Pharmabereich wachsen», so die Analystin.

Zusammen mit Warner Chilcott will Actavis laut Paul Bisaro, Präsident und CEO des Unternehmens, künftig rund einen Viertel seiner Umsätze mit Spezialpharmazeutika erwirtschaften. 2012 machte Actavis einen Umsatz von 5,9 Milliarden Dollar – zusammen mit den Iren entsteht ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 11 Milliarden Dollar.