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MEDIZIN: Der teure Kampf gegen Tumore

Beim aggressivsten Hirntumor stehen die Heilungschancen sehr schlecht. Neue Therapien könnten eine Verbesserung bringen. Doch die Kosten dafür sind hoch.
Bernard Marks
In der Schweiz wird jedes Jahr bei rund 500 Personen ein Gehirntumor diagnostiziert. (Bild: Getty)

In der Schweiz wird jedes Jahr bei rund 500 Personen ein Gehirntumor diagnostiziert. (Bild: Getty)

Bernard Marks

Im Mai 2012 stellte ein Arzt bei Hannelore K.* eine folgenschwere Diagnose: Hirntumor. Nicht einmal ein Jahr später trug die Familie die Mutter von zwei Kindern zu Grabe. Die Zeit bis zu ihrem Tod war geprägt vom geistigen und körperlichen Verfall der Frau, den Schwierigkeiten ihres Partners, mit dieser Realität fertig zu werden, und seinen verzweifelten Versuchen, doch noch irgendwo Hilfe zu finden. Der Tumor, der sich wie ein Krake durch das Hirn gefressen hatte, schaltete unwillkürlich die Gehirnfunktionen aus. Für Betroffene und Angehörige ein traumatisierendes Erlebnis.

Immer mehr bösartige Hirntumore

Zwei Drittel aller Hirntumore sind gutartig. Doch jeden Tag wird bei über 700 Menschen weltweit ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert. Im Jahr 2012 waren dies nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit 256 213 Betroffene. Die Tendenz der Neuerkrankungen ist steigend: Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2002, waren es weltweit lediglich 189 582 Betroffene.

Bösartige Geschwülste im Gehirn kommen in der Schweiz selten vor. Doch auch hierzulande erkranken jedes Jahr gegen 500 Personen an einem sogenannten Glioblastom. Der Tumor gilt als äusserst bösartig. Glioblastome treten im Alter zwischen 40 und 60 Jahren auf. Bereits nach wenigen Wochen treten Persönlichkeitsveränderungen, extreme Schmerzen, Lähmungen und Sprachstörungen auf. Von der Diagnose bis zum Tod vergehen meist nicht mehr als zwölf Monate.

Die medizinische Behandlung von Krebsarten wie dem Glioblastom ist heute eine Herausforderung. Herkömmliche Methoden wie Operation, Chemotherapie und Bestrahlung sind oft nur wenig wirksam. Eine Operation kann das Fortschreiten der Erkrankung zwar verlangsamen, aber nicht dauerhaft verhindern, da einzelne Tumorzellen das gesunde Gehirngewebe bereits durchwandert haben. Neue Medikamente geben Anlass zur Hoffnung.

Milliardenumsätze für Roche

In keinem Feld der Medizin wird so viel geforscht. Über 700 neue Wirkstoffe gegen Krebs befanden sich 2011 in Entwicklung – doppelt so viele wie gegen Herzkrankheiten, Schlaganfall oder Alzheimer. Der Kampf gegen Krebs ist weltweit zu einem Geschäft mit einem Umsatzvolumen von jährlich 300 Milliarden Euro angewachsen. Krebsmedikamente sind der grosse Wachstumstreiber der Pharmaindustrie. Der Schweizer Konzern Roche ist die Nummer eins unter den Krebsmittelherstellern. Zusammen mit Novartis beherrscht Roche fast den halben Weltmarkt.

Das Krebsmedikament Avastin ist einer der Umsatzrenner von Roche. 6,3 Milliarden Franken spülte das Mittel letztes Jahr in die Kassen des Pharmariesen. Eine Monatsbehandlung mit Avastin kann über 35 000 Franken kosten. Immer mehr dieser Krebsmedikamente kommen auch in der Schweiz zum Einsatz, was zu steigenden Kosten für die Krankenkassen führt. Allein zwischen 2007 und 2012 stiegen in der Schweiz die Ausgaben für Krebsmedikamente um 125 Prozent.

Kritik an Pharmafirmen

«Krebsmedikamente sind heute wegen der hohen Preise in der Schweiz ein Problem», sagt Patientenschützerin Margrit Kessler. Eine Behandlung kann schnell 200 000 Franken kosten. «Dabei verlängert sich das Leben des Patienten aber nur um ein halbes Jahr», sagt sie. Das Bundesamt für Gesundheit hat aus diesem Grund das Roche-Medikament Perjeta von seiner Liste genommen. Perjeta kostet offiziell 3782 Franken pro Packung. Preisverhandlungen mit der Pharmaindustrie gestalten sich auf beiden Seiten schwer. Während Roche die Preise für gerechtfertigt hält, haben Politiker ein Interesse daran, dass Roche seine Medikamente im Ausland teuer verkaufen kann. «Das sichert Arbeitsplätze und sorgt für Steuereinnahmen», kritisiert Margrit Kessler. Denn viele Gesundheitsbehörden im Ausland stützen sich bei ihrer Preisfestsetzung auf den Fabrikabgabepreis in der Schweiz. Zudem werden laut Kessler Patienten von Ärzten zu wenig darüber aufgeklärt, welche Alternativen es gibt.

Suche nach Alternativen

Einige Unternehmen suchen nach Alternativen zu Medikamenten in der Krebstherapie. Wie zum Beispiel die Firma Novocure. «Bisher waren die Behandlungsmöglichkeiten für das Glioblastom eingeschränkt», sagt David Stocker. Der 44-Jährige ist CEO von Novocure-Europa mit Sitz im D4 Business Village in Root. Novocure hat rund 240 Millionen Franken in die Entwicklung der Hirntumorbehandlung mit Schwachstrom investiert. Sogenannte TT-Fields werden zusätzlich zu einem chirurgischen Eingriff zur Strahlentherapie und Chemotherapie angewendet (siehe Box). Studien bestätigen die Wirkung. Eine neue Standardtherapie für Glioblastom-Patienten könnte damit geboren sein.

Durchbruch in den USA

Kürzlich erteilte die US-Zulassungsbehörde FDA den TT-Fields von Novocure die Bewilligung für den amerikanischen Markt. «Seitdem hat sich für uns alles verändert», erzählt Stocker weiter. Das Team im Verteilzentrum in Root muss mehr Anfragen bearbeiten und das Serviceteam weitere Strecken zu den Patienten zurücklegen.

Doch auch die TT-Fields sind in der Anwendung nicht günstig. Rund 25 000 Franken kostet die Behandlung pro Monat. «Aber wie viel darf die Hoffnung auf mehr Leben kosten?», fragt sich Stocker. Für die Betroffenen zählt jede Minute, dessen ist sich Stocker sicher. Und die Wirksamkeit der Anwendung ist viel versprechend. «Wir haben Patienten, die mit Unterstützung unserer Behandlung den Krebs besiegt haben», sagt Stocker. Das Schweizer Fernsehen berichtete kürzlich über einen entsprechenden Fall (siehe Online-Link unten). Krankenkassen tragen daher die Kosten für die Anwendung. Informationen gibt es in den Zentren für Onkologie der Universitätsspitäler Lausanne und Zürich sowie im Kantonsspital Luzern.

Nebenbei: Einer, der den richtigen Riecher für das Potenzial der Behandlungsmethode von Novocure hatte, ist der Berner Milliardär Hansjörg Wyss. Er investierte laut Wirtschaftsmagazin «Bilanz» rund 33 Millionen Franken in die Firma Novocure – lange vor den guten Nachrichten.

* Name von der Redaktion geändert

Schwachstrom gegen Krebs

bm. Die Behandlungsmethode von Novocure setzt auf sogenannte «TT-Fields». Das sind schwache elektrische Wechselfelder mit einer mittleren Frequenz. «Es hat sich gezeigt, dass TT-Fields, die während der Vermehrung der Krebszellen auf die elektrisch geladenen Zellkomponenten einwirken, das Wachstum der Krebszellen verlangsamen und umkehren», sagt David Stocker, CEO von Novocure-Europa. Das überzeugte auch die Behörden. TT-Fields sind für die Behandlung von Patienten mit Glioblastom in den USA, in Europa, der Schweiz, Australien und Israel zugelassen. Das System von Novocure besteht aus einem TT-Field-Generator, einer Steuersoftware und fünf Grundplatten mit je acht Keramik-Petrischalen mit sehr hoher Dielektrizitätskonstante.

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