Kolumne

Mehr als ein freundschaftliches Treffen zwischen Staatschefs

Die USA werden wohl kaum den destruktiven Weg zur Isolation und zum Protektionismus bestreiten.

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana.

Maurice Pedergnana.

Anlässlich des G20-Gipfels im japanischen Osaka sind die beiden Staatschefs aus den USA und China zu einem längeren freundschaftlichen Gespräch zusammengekommen. Man kann das als Handelsdiplomatie bezeichnen. Im Kern ist es jedoch mehr.

Derzeit lastet auf der ganzen Weltwirtschaft die Drohung eines eskalierenden Handelskriegs zwischen der Hegemonialmacht USA und dem aufstrebenden China. Dabei geht es weniger um ein Handelsgleichgewicht, sondern um das Alleinstellungsmerkmal der USA als technologische und politische Supermacht. Werden auf beiden Seiten die Zollmauern, Technologietransferverbote und Visarestriktionen verschärft, kann dies vorübergehend die beiden grössten Volkswirtschaften in eine Wachstumsdelle führen – mehr jedoch nicht.

Der Beitrag von China zum US-amerikanischen Handelsdefizit ist nur noch 38 Prozent. Durch den Besucherstrom von Chinesen in den USA und durch die Lizenzgebühren, die für in China produzierte US-Ware abgeliefert werden, verringert sich das jährliche Defizit der USA gegenüber China auf knappe 150 Milliarden US-Dollar. Das entspricht nicht einmal einem Prozent der US-amerikanischen Wirtschaftsleistung oder etwa der US-Staatshaushaltsbelastung für Krankenversicherung und Soziale Sicherheit von 17 Tagen.

Nimmt man die Medienwelle zum Massstab, welche dieser Handelsstreit mit sich bringt, könnte man meinen, die Weltwirtschaft hänge davon ab. Zweifellos genoss der nicht uneitle amerikanische Präsident die mediale Aufmerksamkeit in Osaka. Am liebsten sieht sich Donald Trump ohnehin am Schalthebel der globalen Wirtschaft.

Dabei ist Letztere wesentlich stärker verbunden mit dem eurasischen Wirtschaftsraum. Zwischen Dublin und Lissabon bis Singapur und Sapporo werden rund 70 Prozent der weltwirtschaftlichen Leistung generiert. Hier entsteht mit der «neuen Seidenstrasse» ein infrastrukturelles Zusammenwachsen, was den Handel deutlich erleichtern wird. In diesem Raum wächst derzeit nicht nur ein immenser Mittelstand heran, sondern auch die grösste Zahl von Menschen überhaupt – auch solche mit einem hohen Intelligenzquotienten. Das spürt beispielsweise die vitale Start-up-Szene, die von Europa über Indien bis China reicht. Am meisten Patente werden heute von chinesischen Unternehmen eingetragen: kleinere und grössere, die sich gegenüber der US-Konkurrenz absichern und am verbesserten Patentschutz ein grosses Interesse haben.

Ich bleibe zuversichtlich, dass die USA nicht den destruktiven Weg zur Isolation und zum Protektionismus bestreiten werden. Auch weil die US-amerikanischen KMU einen Optimismus versprühen, wie er seit 50 Jahren nicht mehr gesehen wurde. Vor diesem Hintergrund wird der US-Präsident, der im nächsten Jahr wiedergewählt werden will, weder die Konjunktur noch den Ölpreis durch Handelskriege und andere Scharmützel gefährden wollen. Wenn sich die traditionell auf den Binnenmarkt ausgerichteten US-Unternehmen mehr für die wahren Wachstumsfelder in der Weltwirtschaft interessieren, kann dies allseits zu einem unerwartet starken realwirtschaftlichen Aufschwung führen.

Dann wird sich die Zinslandschaft, die sich bereits auf eine Rezession eingestellt hat, jedoch fundamental verändern. Auch die Löhne und Preise dürften angesichts der tiefen Arbeitslosenraten stärker als erwartet zulegen. Und der Schweizer Hypothekarschuldner tut gut daran, nach dem vielversprechenden Treffen in Osaka nicht allzu viel Zeit verstreichen zu lassen, bis er seine Kreditkonditionen noch zu rekordtiefen Sätzen verlängert.

Maurice Pedergnana ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).