SBB
Mehr bezahlen für weniger Platz: Im 1.-Klass-Abteil wird es eng

Zu Stosszeiten werden Passagiere der 1. Klasse auf einigen Bahnlinien zusammengepfercht, während es in der 2. Klasse noch freie Plätze gibt – die Interessenvertretung der öV-Kunden spricht von Abzockerei.

Thomas Schlittler
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Wer einen Blick in die 1.-Klasse-Abteile der SBB wirft, stellt fest, dass dort nicht mehr nur Geschäftsmänner mit schicken Anzügen sitzen, sondern vermehrt auch junge Leute mit Kapuzenpulli, Nasenring oder Tattoo. Die Tatsache, dass in gewissen Zügen zu Stosszeiten in der 2. Klasse kein Sitzplatz zu finden ist, hat dazu geführt, dass sich der eine oder andere Pendler ein 1.-Klasse-GA leistet, der das früher nicht getan hätte. Das Kalkül: 5800 anstatt 3550 Franken bezahlen und dafür einen komfortablen Sitzplatz haben – so fängt der Arbeitstag stressfrei an.

Doch diese Rechnung geht nicht für alle auf. Wichtige Verkehrsachsen sind zu Stosszeiten auch in der 1. Klasse vollständig ausgelastet. So weit, so gut. Ein Blick auf die SBB-Fahrplan-App zeigt aber, dass es diverse Züge gibt, in denen die 2.-Klasse-Abteile zu weniger als 80 Prozent besetzt, die 1.-Klasse-Wagen indes voll ausgelastet sind. Zu dieser Konstellation kommt es etwa auf der Strecke Winterthur–Zürich sowie auf den Linien Zürich–Zug und Zürich–Luzern. Zwischen Bern und Zürich haben die 1.-Klasse-Passagiere auf dem 7.02-Uhr-Zug in beiden Richtungen das Nachsehen.

SBB arbeiten an Verbesserung

Pro Bahn, die Interessenvertretung der Schweizer öV-Kunden, kritisiert diesen Umstand scharf: «Das grenzt an Abzockerei!», sagt Präsident Kurt Schreiber. Schliesslich würden 1.-Klasse-Passagiere im Schnitt rund 70 Prozent mehr bezahlen für ihr Billett als Passagiere der 2. Klasse.

Auch die SBB sind nicht glücklich darüber, dass die 1. Klasse teilweise voller ist als die 2. Klasse. Das sei nicht beabsichtigt, liege aber daran, dass in der Hauptverkehrszeit prozentual mehr Reisende in der 1. Klasse fahren würden. Ein Dauerzustand soll das aber nicht sein, versichert SBB-Sprecher Christian Ginsig: «Die Belegung der Züge wird laufend analysiert, insbesondere auch die Belegung von Wagen der 1. Klasse.»

Wo es sinnvoll sei, würden die Züge mit zusätzlichen 1.-Klasse-Wagen verstärkt. Das sei zum Beispiel während der Session in Bern der Fall. Der Sitzplatzanteil der 1. Klasse und 2. Klasse könne je nach Zug und Strecke deshalb stark variieren.

Die SBB messen die Auslastung der Züge durch regelmässige Frequenzerhebungen. Die qualitative Erhebungsmethode sind Befragungen der Reisenden nach ihren Destinationen. Die quantitative Methode die täglichen Passagierzählungen durch das Zugpersonal.

Weiter ergibt sich die Belegungsprognose der SBB durch den Vergleich mit Daten der Vergangenheit und dem Ergänzen von bekannten Kennzahlen aus den Platzreservierungssystemen. Die Belegungsprognosen werden dreimal täglich aktualisiert. Ginsig betont aber trotz dieses Aufwands: «Es handelt sich immer noch um eine Prognose, Abweichungen sind daher möglich.»

Zugfahren planbar machen

Die SBB sehen die Belegungsprognose als ein Planungsinstrument für Kunden. Diese sollen dadurch entscheiden können, ob sie lieber in der Nebenverkehrszeit fahren wollen, oder ob sie sich im Fernverkehr rechtzeitig einen Sitzplatz reservieren sollen. Die Transparenz, die durch die Belegungsprognose entstehe, sei besonders in der Schweiz wichtig, sagt Ginsig. Der Grund: unser offenes Zugsystem, in dem es keinen Reservierungszwang gibt.