Mehr Kurzarbeit? Industrie sagt nein, danke

Eine noch längere Bezugsdauer bringe nichts, meint Swissmem-Präsident Hans Hess. Genau diesen Weg aber Deutschland gerade jetzt.

Daniel Zulauf
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Mitarbeiterinnen der Arbeitslosenversicherung des Kantons Waadt sortieren Anträge für Kurzarbeit, die wegen Corona eingegangen sind.

Mitarbeiterinnen der Arbeitslosenversicherung des Kantons Waadt sortieren Anträge für Kurzarbeit, die wegen Corona eingegangen sind.

Jean-Christophe Bott/Keystone (16. April 2020)

Die Geschäftslage in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sei «historisch schlecht», kommentierte Stefan Brupbacher, Direktor des Branchenverbandes Swissmem, gestern in einer elektronischen Pressekonferenz den Zustand der Schweizer Industrie im Sommerquartal.

Ein Fünftel weniger Aufträge und ein ebenso hoher Umsatzverlust sowie ein Viertel weniger Exporte. Was vor wenigen Tagen schon Swissmechanic, der Verband der Industrie-KMU, vermeldet hatte (Ausgabe vom 20. August) gilt auch für dessen grosser Bruder Swissmem: Im Verlauf der kommenden zwölf Monaten sei ein «deutlicher Stellenabbau» zu befürchten.

Bislang kamen die Angestellten der Mem-Firmen noch einigermassen glimpflich durch die Krise. Zwar haben 3200 ihren Arbeitsplatz zwischen April und Juni verloren. Aber immerhin waren Ende Juni noch fast 320'000 Vollzeitstellen vorhanden.

Das Kurzarbeitsregime hat eine noch viel grössere Kündigungswelle verhindert. 80 Prozent der 1100 Mitgliedsfirmen hätten der Arbeitslosenversicherung einen möglichen Leistungsbezug bereits angemeldet, wusste Swissmem-Präsident Hans Hess. Allerdings liegen zum Umfang der tatsächlich bezogenen Leistungen noch keine zuverlässigen Zahlen vor.

Doch Swissmem geht anscheinend davon aus, dass viele Firmen die Ende Juli vom Bundesrat von zwölf auf 18 Monate erhöhte maximale Bezugsdauer gar nicht ausnützen werden. Dieser Schluss ergibt sich aus dem Umstand, dass der Beginn der Corona-Krise für die hiesige Wirtschaft exakt sechs Monate zurückliegt und Swissmem den «deutlichen Stellenabbau» schon jetzt kommen sieht.

Verwunderlich ist dies eigentlich nicht. Denn mehr als die Hälfte der Swissmem-Firmen rechnen gemäss einer aktuellen Befragung des Verbandes in den kommenden zwölf Monaten mit weiteren Auftragsverlusten und nur 22 Prozent erwarten für die gleiche Zeit mehr Aufträge.

Eine weitere Verlängerung der Kurzarbeitsbezugsdauer auf 24 Monate, wie sie die Spitzen der deutschen Regierungskoalition gerade eben beschlossen haben, hält Verbandspräsident Hess für unnötig. «Das bringt nichts», das Instrument der Kurzarbeit habe den Firmen Zeit verschafft, aber jetzt zeichne sich eine konjunkturelle «Bodenbildung» ab. Firmen, welche die Kurzarbeit bereits im grösseren Umfang in Anspruch nehmen dürften ihre Kapazitäten bald anpassen, wenn der Glaube an die inzwischen ziemlich unwahrscheinlich gewordene schnelle Erholung der Wirtschaft geschwunden ist, gab Hess zu verstehen. "In Firmen mit Kurzarbeit leidet die betriebliche Effizienz enorm", sagte er.

Diese Ansicht vertritt auch Kof-Wirtschaftsforscher Yngve Abrahamsen von der ETH Zürich. Der Hauptnutzen von Kurzarbeit bestehe darin, die betrieblichen Kosten vorübergehender Produktionseinbrüche abzudämpfen in der Annahme, dass das alte Niveau schnell wieder erreicht wird. Von einem vorübergehenden Zustand könne bei einem zweijährigen Bezugszeitraum nicht mehr gesprochen werden.

Frühere Krisen haben zudem gezeigt, dass die Nutzung der Kurzarbeit abgenommen hat. Abrahamsen vermutet die im Vergleich zu den 1990er Jahren deutlich dynamischeren Prozesse in der Wirtschaft als Grund dafür. Damit ist auch die Gefahr kleiner geworden, dass das Modell der Kurzarbeit übermässige Produktionskapazitäten und andere Strukturen zementiert, die der Markt ohne solche Hilfen schnell zum Verschwinden bringen würde. Im Unterschied zu Swissmem haben deutsche Industrieverbände die Ausweitung der Kurzarbeit begrüsst und sogar teilweise noch grosszügigere Leistungen gefordert.