Mehr Lohn in den essenziellen Branchen – die wichtigsten Fragen zu den Forderungen der Gewerkschaften

Während die Tourismusbranche stark unter der Coronakrise leidet, geht es anderen Wirtschaftszweigen weiterhin sehr gut. Die Gewerkschaften fordern deshalb für Angestellte von Banken oder Online-Händlern 100 Franken mehr Lohn pro Monat.

Sarah Kunz und Niklaus Vontobel
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Der Online-Handel hat während der Coronakrise zugelegt. Das sollen auch die Mitarbeitenden zu spüren bekommen – indem sie mehr Lohn erhalten.

Der Online-Handel hat während der Coronakrise zugelegt. Das sollen auch die Mitarbeitenden zu spüren bekommen – indem sie mehr Lohn erhalten.

KEYSTONE / Christian Beutler

Weltweit kriselt es in der Wirtschaft. Doch einige Branchen sind von der Coronapandemie weniger betroffen. Es gibt sogar Wirtschaftszweige, denen es sehr gut geht. Dort fordern die Gewerkschaften nun mehr Lohn für die Angestellten. Eine Übersicht.

Was sagen die Gewerkschaften?

«Lohnerhöhungen sind nötig – und möglich», heisst es heute vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Er präsentiert seine Lohnforderungen gemeinsam mit der Unia, dem Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste und dem Schweizerischen Bankenpersonalverband. Nicht in allen Wirtschaftszweigen gelte das Krisenargument, finden die Gewerkschaften. Denn in einigen Branchen laufe es trotz der Pandemie sehr gut. So etwa bei den Banken, in der Lebens- und Genussmittelindustrie sowie im Bau. Auch in Teilen der Logistik und des Detailhandels sei die Lage gut. Die Gewerkschaften bezeichnen den Online-Handel gar als Sieger der Coronakrise. Die Mitarbeiten dieser Branchen hätten vor allem während des Lockdowns einen Sondereffort geleistet – wofür sie zwar viel Anerkennung erhalten hätten, aber vom Applaus könne man eben nicht leben. Jetzt müssten Taten in Form einer Lohnerhöhung folgen.

Wie lauten die konkreten Forderungen?

Die Verbände des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes fordern jetzt Lohnerhöhungen von bis zu 100 Franken pro Monat oder bis zu 2 Prozent in denjenigen Branchen und Betrieben, wo dies wirtschaftlich möglich ist. Mitarbeitende in den «essenziellen Bereichen» wie Online-Händler, Grosshandelsbetriebe und öffentliche Institutionen sollen zudem eine Prämie von mindestens 2000 Franken erhalten. Weiter sollen die Arbeitgebenden auch in den Krisenbranchen mit Kurzarbeit den vollen 13. Monatslohn bezahlen. Und wo aktuell noch Kurzarbeit beansprucht wird, fordert der Gewerkschaftsbund die Firmen auf, die Löhne der Geringverdienenden auf 100 Prozent aufzustocken.

Eine Auswahl der Forderungen:

  • Bauhauptgewerbe: 100 Franken mehr generell, 100 Franken mehr auf die Mindestlöhne, bezahlte Pausen am Morgen und Nachmittag
  • Gewerbe: Für alle Branchen 100 Franken mehr auf effektive Löhne, 100 Franken mehr auf Mindestlöhne
  • Industrie: 100 Franken mehr für alle
  • Detailhandel: Mindestlohn von mindestens 4000 Franken, Prämie von mindestens einem halben Monatslohn für Mitarbeitende Verkauf Food und Onlinehandel
  • Logistik: 100 Franken mehr, Prämie von mindestens 2000 Franken
  • Personalverleih: 150 Franken mehr auf die Mindestlöhne, Erhöhung der Mindestlöhne im Tessin auf das Niveau des kantonalen Mindestlohnes
  • Finanzsektor: 1,8 Prozent mehr für Einkommen bis 148'000 Franken, Prämie von 900 Franken
  • Gesundheitseinrichtungen: 2 Prozent mehr 

Welche Gründe werden genannt?

Schon in den vergangenen Jahren sind die Lohnerhöhungen mager ausgefallen, argumentieren die Gewerkschaften. So stieg der Reallohn im vergangenen Jahr etwa um 0,5 Prozent an. Angesichts der guten Wirtschaftsentwicklung mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 5,9 Prozent zwischen 2017 und 2019 hätten sich in zahlreichen Unternehmen bedeutende Finanzreserven angehäuft. Zudem würden in der Schweiz nach wie vor Dividenden im zweistelligen Milliardenbereich an die Firmenbesitzer verteilt. Und solange dies möglich bleibe, sei es auch legitim, über Lohnerhöhungen zu sprechen.

Wo verzichten die Gewerkschaften auf Lohnforderungen?

In den stark gebeutelten Branchen. Dazu gehört beispielsweise die Tourismusbranche – vor allem der Flugbereich – und die Gastronomie. In diesen Bereichen verzichten die Gewerkschaften für dieses Jahr auf Forderungen.

Die Gastronomie leidet nach wie vor stark unter der Coronakrise.

Die Gastronomie leidet nach wie vor stark unter der Coronakrise.

KEYSTONE / Jean-Christophe Bott

Welche Forderungen stehen schon im Raum?

Die Gewerkschaften Travailsuisse, Syna und Transfair sowie der Hotel&Gastrounion präsentierten ihre Forderungen bereits vor einem Monat. Sie forderten deutliche Lohnerhöhungen für Verkäuferinnen, Pflegehilfen, Pöstler oder Reinigungspersonal.

Wie sind die Aussichten für die Löhne für dieses Jahr?

Es kommt unerwartet zu einem vergleichsweise grossen Lohnwachstum. Der Durchschnittsschweizer wird sich 0,9 Prozent mehr kaufen können für seinen Lohn. Mit diesem realen Lohnplus rechnet die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Zustande kommt dies so: Im typischen Lohnbeutel sind bloss 0,3 Prozent mehr Lohn drin. Doch die Coronakrise bewirkt einen Preisschock: die Preise sinken um 0,6 Prozent. Unter dem Strich bleibt ein realer Lohnzuwachs von 0,9 Prozent – was den Ausbruch markiert aus einer dreijährigen Lohntristesse. 2019 waren die Reallöhne noch immer tiefer als 2016.

...und für 2021?

Es droht der Rückfall in die Lohntristesse. Gemäss Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich KOF wird es ein kümmerliches Lohnplus von 0,3 Prozent geben. Nach Abzug der Inflation kann sich der durchschnittliche Arbeitnehmer bloss 0,2 Prozent mehr kaufen. An diesen trüben Aussichten wird eine kämpferische Haltung der Gewerkschaften nicht allzu viel ändern können. Ungleich wichtiger wird sein, wie viel Schwung die Wirtschaft diesen Lohnherbst haben wird. Nach dem derzeitigen Konsens werden Wirtschaft und Arbeitsmarkt zwar nicht einem derart katastrophalen Zustand sein, wie noch inmitten des Lockdown befürchtet wurde. Nichtsdestotrotz wird die Schweiz eine schwere Wirtschaftskrise durchmachen.