Steht die Weltwirtschaft vor einer Rezession?

Der deutliche Renditeeinbruch an den Obligationenmärkten nimmt eine weitere geldpolitische Lockerungsrunde der Notenbanken vorweg.

Daniel Zulauf
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US-Notenbankchef Jerome Powell bei einer Konferenz am letzten Dienstag in Chicago. (Bild: Kiichiro Sato/AP)

US-Notenbankchef Jerome Powell bei einer Konferenz am letzten Dienstag in Chicago. (Bild: Kiichiro Sato/AP)

Die Rendite 10-jähriger Bundesobligationen erreichte am Mittwoch bei –0,52 Prozent ein Dreijahrestief. Wer zu diesem Kurs 5000 Franken für den Kauf einer solchen Anleihe der Eidgenossenschaft auslegt, nimmt in Kauf, dass er in 10 Jahren nur 4746 Franken zurückerhält. Und es gibt tatsächlich Investoren, die dieses Geschäft trotzdem machen. Ganz einfach deshalb, weil es noch schlimmer kommen könnte.

In der Tat: Im Juni 2016 ­erreichten die Zinsen in der Schweiz den bisherigen Tiefststand. Die 10-jährige Referenzanleihe fiel auf gegen –0,7 Prozent. Bei diesem Kurs hätte ein Investor bei der bereits dargestellten Rechnung am Ende der Laufzeit einen Verlust von 339 Franken auf dem Anfangskapital erlitten. Das entspricht einer Einbusse von immerhin 6,8 Prozent, also deutlich mehr als beim aktuellen Kurs (5,1 Prozent).

Die Rechnungen sind mehr als eine Spielerei. Zurzeit sieht vieles danach aus, als würden die Notenbanken die Geldschleusen bald weiter öffnen. So versprach Jerome Powell, der oberste Dollar-Wächter in den USA, diese Woche «eine angemessene Reaktion» der Federal Reserve auf die heftigen handelspolitischen Spannungen zwischen Amerika und China. Die Gefahr eines globalen Handelsstreits nimmt zu.

Investoren an den Märkten erwarten eine Rezession

Das Wachstum der Weltwirtschaft hat sich bereits deutlich verlangsamt. Eine handelsdiplomatische Eskalation könnte den Rückfall in eine Rezession bedeuten. In den USA wird dieses Szenario längst nicht mehr nur von einigen besonders pessimistischen Ökonomen erwartet.

Der Finanzmarkt scheint es schon seit Ende März zu antizipieren. Seit jenem Zeitpunkt akzeptieren die Investoren für 10-jährige Schatzanleihen Renditen, die unter jener einer sicheren Anlage mit dreimonatiger Laufzeit liegen. Zurzeit wird eine dreimonatige Dollaranlage am Londoner Interbankenmarkt mit 2,5 Prozent verzinst. Eine 10-jährige Schatzanleihe der ­US-Regierung rentiert lediglich 2,1 Prozent. Diese sogenannte «inverse Zinsstruktur» ist seltenes Phänomen und ein Signal, dass die langfristigen Zinsversprechen von den Investoren nicht mehr geglaubt werden. Sei erwarten eine Rezession und deshalb weitere Zinssenkungen.

Die Ökonomen des Versicherungskonzerns Zurich Insurance haben eine «milde Rezession» in den USA im kommenden Jahr bereits in ihre Prognosemodelle eingebaut. Sie gehen deshalb davon aus, dass Powells nächster Schritt eine Zinssenkung sein wird. Es wäre die erste Zinssenkung des Fed seit Ende 2015.

So weit könnten auch Europa und die Schweiz noch kommen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält heute Donnerstag ihre geldpolitische Sitzung ab. Zwar dürfte Mario Draghi den geldpolitischen Seitwärtskurs vorerst beibehalten, die Anleihenkäufe zurückfahren und den Banken noch mehr Liquiditätsspritzen verabreichen. Doch sollte sich die Zinswende in den USA konkretisieren, könnte sich auch Europa zum Handeln gezwungen sehen. Allein schon deshalb, weil eine kleiner werdende transatlantische Zinsdifferenz dem Euro neuen Auftrieb geben könnte.

SNB bleibt im Anhänger der EZB

Was dies für die Schweizerische Nationalbank heisst, die in der kommenden Woche über ihre geldpolitische Lagebeurteilung informieren wird, liegt auf der Hand. Sie bleibt im Anhänger der EZB gefangen. Kaum zufällig ventilierte SNB-Chef Thomas Jordan in den letzten Monaten wiederholt die Möglichkeit, dass die SNB die Zinsen im Bedarfsfall noch weiter ins Minus drücken könnte.

Derweil haben EZB-Ökonomen bereits öffentlich über die Frage sinniert, wie in einem solchen Szenario die Flucht der Bürger ins Bargeld zu verhindern wäre. Die naheliegendste Methode ist simpel: Wer 100 Franken auf sein Konto legen will, muss zum Beispiel 101 Franken bringen. Er zahlt also einen Zins. Dasselbe beim Abheben: Will er 100 Franken beziehen, bekommt er nur 99 ausbezahlt. So kann auch die Bargeldhortung teurer werden.

Negativzinsen: SNB verzichtet auf Experimente

In der Schweiz deutet nach wie vor nichts auf ein baldiges Ende der Negativzinsen hin. Die Schweizerische Nationalbank hat mit ihren Entscheiden ihren aktuellen Kurs eher noch fester zementiert.
Daniel Zulauf