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Wirtschaftsverband warnt: Unternehmen investieren weniger in
den Forschungsstandort Schweiz

Das Bundesamt für Statistik stellt erstmals einen Rückgang der internen Industrieforschung fest. Economiesuisse spricht von einem «Warnsignal».
Daniel Zulauf
Ein Drittel der privaten Forschungsgelder wird in der Schweiz in der Pharmaindustrie investiert. (Bild: Christian Beutler/Keystone, Allenschwil, 18. Juni 2018)

Ein Drittel der privaten Forschungsgelder wird in der Schweiz in der Pharmaindustrie investiert. (Bild: Christian Beutler/Keystone, Allenschwil, 18. Juni 2018)

In der Forschungslandschaft Schweiz spielt die Privatwirtschaft traditionell die erste Geige. Doch in den vergangenen Jahren hat sie im Vergleich zu den Hochschulen sichtlich an Bedeutung verloren. Zuletzt war sie sogar in absoluten Zahlen rückläufig. Dies zeigt die dreijährliche Erhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS), die gestern in Bern vorgestellt wurde. Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse bezeichnet die Entwicklung zwar nicht als alarmierend, dennoch spricht er von einem «Warnsignal». Eine leistungsfähige Forschung schaffe langfristig industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze und bilde daher die Basis für den künftigen Wohlstand im Land, sagt er.

Noch steht die Schweiz als Forschungsstandort aber gut da. 22,6 Milliarden Franken betrug 2017 das Gesamtetat, das zu 69 Prozent von der Privatwirtschaft und 31 Prozent von den Hochschulen und vom Bund getragen wurde. Das entspricht einem Anteil von 3,4 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung in der Schweiz – ein internationaler Spitzenwert.

Zurückhaltung wegen unklarem EU-Verhältnis

Hinzu kommen Forschungsleistungen im Wert von 8,8 Milliarden Franken, wie sie allen voran die Pharmaindustrie bei externen Partnern im Ausland und im Inland zukaufen. Allerdings ist die Handelsbilanz der Schweiz puncto Forschung deutlich negativ. Während die hiesigen Akteure für Forschung im Ausland 7,3 Milliarden Franken aufwenden, fliessen den inländischen Anbietern lediglich 1,5 Milliarden Franken zu. Die Statistik hat sich in den vergangenen Jahren deutlich zu Ungunsten der Schweiz entwickelt. Eine Verlagerung der Forschungsschwerpunkte von Schweizer Unternehmen lasse sich deshalb aber noch nicht abschliessend feststellen, schreibt das BFS unter Verweis auf statische Sondereffekte.

«Unverkennbar ist indessen die Tendenz der Firmen, mehr Forschung auszulagern beziehungsweise ausserhalb der eigenen Mauern durchführen zu lassen», sagt Minsch. Als gutes Zeichen lässt sich die kräftige Zunahme der in der Schweiz vereinnahmten externen Forschungsaufwendungen um mehr als 100 Prozent werten, wie sie zwischen 2015 und 2017 zu beobachten war. Dennoch wertet Minsch den Statusbericht des BFS zum Forschungsstandort Schweiz nur «verhalten positiv». Er führt die Zurückhaltung der Privatwirtschaft auf ungeklärte Rahmenbedingungen wie die Personenfreizügigkeit und das generelle Verhältnis der Schweiz zur EU zurück.

Ein Element der Verlagerung könnte aber auch der Strukturwandel in der Wirtschaft sein. Während der Forschungsaufwand in der Pharmaindustrie seit dem Jahr 2000 von 1,8 Milliarden auf 5,6 Milliarden Franken hochgeschnellt ist und inzwischen mehr als ein Drittel des Forschungsetats der Privatwirtschaft repräsentiert, ist er in der klassischen Maschinen- und Elektroindustrie von 2 Milliarden Franken (Anteil 25 Prozent) auf 1,6 Milliarden Franken (10 Prozent) zusammengeschmolzen. Dahinter verbirgt sich die Schliessung oder Redimensionierung der Konzernforschungsabteilungen ehemaliger Grosskonzerne wie Sulzer oder Alusuisse.

200 Stellen in Dättwil gefährdet

Auch die ABB hat mit Verkauf des Kraftwerkgeschäftes an Alstom vor 20 Jahren einen Aderlass in der Forschung erlebt. Mit dem im Dezember angekündigten Verkauf des Stromübertragungsgeschäftes an Hitachi könnte sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzen. Claes Rytoft, der bis 2015 die ABB Forschung geleitet hatte, glaubt, dass die Japaner ihre Forschungsaktivitäten in der Stromübertragung aus dem ABB-Labor im aargauischen Dättwil abziehen könnten, wenn sie andere Kapazitäten besitzen. Die Stromübertragung repräsentiert einen bedeutenden Teil der Forschungsaktivitäten in Dättwil, wo rund 200 Forscher tätig sind.

Auch die angekündigte Dezentralisierung des Konzerns könnte die ABB-Konzernforschung grundlegend verändern. Allerdings war diese von der letzten Dezentralisierungswelle in den 1990er-Jahren unter Percy Barnevik weitgehend verschont geblieben. Rytoft hält es dennoch für möglich, dass auch die ABB-Forscher dereinst gezwungen sein könnten, ihre Leistungen teilweise auf dem freien Markt anzubieten. Das IBM-Forschungslabor in Rüschlikon betreibt diese Politik seit Jahren mit beachtlichem Erfolg. Rytoft weiss, dass der Nutzen einer Konzernforschung in Zeiten des Spardruckes immer wieder in Frage gestellt wird, zu Unrecht, wie er meint. Schliesslich seien die ersten ABB-Roboter genauso wie das auch kommerziell überaus erfolgreiche Selbstblas-Prinzip für Hochspannungsschalter bahnbrechende Erfindungen der Konzernforschung.

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