Mehr Vertrauen in die europäische Wirtschaft

Maurice Pedergnana (52), Professor für Banking und Finance an der HSLU, über wachstumsfreundliche Wirtschaftsstrukturen.

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana

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Abschottung und Protektionismus sind die falschen Antworten auf die globalen Herausforderungen. Sie gefährden Wohlstand und Wachstum. In den vergangenen Jahren hat eine Kombination aus einem offenen Europa, wachstumsfreundlicheren Wirtschaftsstrukturen und gezielter Innovationsfokussierung für ein neues Selbstverständnis gesorgt. Die Wachstumskräfte in Europa sind jedenfalls gestärkt, und davon lässt sich profitieren.

Die Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse in Europa resultieren längst nicht mehr nur von Deutschland. Sie sind volkswirtschaftlich wie auch unternehmerisch begründet. So haben in jüngster Zeit spanische und italienische Unternehmen massgeblich ihre Wettbewerbsfähigkeit gestärkt, und selbst Portugal erzielt einen Leistungsbilanzüberschuss.

Beeindruckend ist, was es an der soeben beendeten Hannover-Messe, der weltweit grössten Industriemesse, zu sehen gab. Dabei ging es um Industrieautomation, Internet of Things und die digitale Vernetzung der Produktion. Nach Deutschland und China waren Italien und Polen die grössten Aussteller­nationen – noch vor den USA.

In Europa wird vielleicht nicht immer alles so toll vermarktet, wie man es könnte, aber da liegen globale Industrieperlen vor. Dazu zähle ich die beiden nichtkotierten, in Süddeutschland beheimateten Firmen Bosch mit über 370000 Mitarbeitenden, darunter allein mehr als 20000 Programmierer, und ZF Friedrichshafen mit knapp 140000 Mitarbeitenden (und mit Giorgio Behr einem Schweizer als Aufsichtsratsvorsitzendem). Das sind globale Leader, die auch deren Umfeld, in dem sich zahlreiche Schweizer KMU befinden, positiv inspirieren. Die Agilität der sogenannten «Hidden Champions» wird genauso unterschätzt, wie man vor einiger Zeit kaum an den Turnaround von Fiat glauben wollte – was zu einem der eindrücklichsten Wendemanöver in der europäischen Wirtschaftsgeschichte wurde.

Die Engineering-Leistungen in zahlreichen europäischen Unternehmen sind überragend. Ein Beispiel dafür ist der Bau von Kreuzfahrtschiffen. Das gehört zu den schwierigsten Projekten im zivilen Schiffbau. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ein Schiff 6000 Container oder 6000 Menschen transportiert. Erstere werden vor allem in China, Korea und Japan gebaut. Im wertschöpfungsattraktiven Kreuzfahrtsschiffbau sind die Europäer führend, allen voran Fincantieri in Triest. Der Stückpreis kann da schon mal gegen 800 Millionen Franken gehen. Weil die Kreuzfahrten boomen, ist die italienische Firma mit Aufträgen zugedeckt. Der Auftragsbestand übertrifft den fünffachen Jahresumsatz. Wer eine weitere Bestellung tätigt, wird eine satte Marge dafür bezahlen müssen. Wenn es drängt, wird es noch teurer.

Es sind derartige Firmen, die gegenwärtig zur europäischen Konjunktur beitragen. Wer weltweit nach den «globalsten» Unternehmen sucht, stösst auf eine Vielzahl von europäischen Unternehmen. Diese erzielen oftmals einen viel grösseren Umsatz- und Gewinnanteil ausserhalb Europas als vergleichbare Unternehmen aus anderen Kontinenten. Demzufolge profitieren diese Unter­nehmen im europäischen Aufschwung nicht nur von der gegenwärtigen Dynamik auf den Heimmärkten, sondern ebenso von den positiven Wachstumsimpulsen der Weltwirtschaft. Mit einer spürbaren Gewichtung von europäischen Unternehmen sollte man diesem Umstand Rechnung tragen. Der Aufschwung in der europäischen Industrie hat erst begonnen.

Hinweis

Maurice Pedergnana (52) ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern – Wirtschaft und am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).

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