Kolumne
Mein Abschied von der Hochschule Luzern

Trotz Skandalen, Regulierungen und Ausbildungen, trotz Berufsverboten und Gewinneinziehungen durch die Aufsichtsbehörde hat sich bei einigen Banken nichts geändert.

Monika Roth
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Monika Roth.

Monika Roth.

Ende August scheide ich aus und lehre nicht mehr an der Hochschule. Ich bin – vom biologischen Alter her – schon länger eine Risikoperson (Covid-19). Selbstverständlich bleibe ich dem Thema Compliance (und weiteren, damit direkt oder indirekt zusammenhängenden) treu. Auch die Debatte über die Konzernverantwortungsinitiative, für die ich als Co-Präsidentin des Initiativkomitees einstehe, wird mich in den nächsten Wochen beanspruchen.

Ich habe 20 Jahre lang den von mir entwickelten Compliance-Lehrgang an der Hochschule geleitet und unzählige Tagungen moderiert und Referate gehalten. Insgesamt haben 601 Studierende vor allem aus Banken, Versicherungen, aber auch aus der Industrie die Ausbildung mit Erfolg absolviert. Die Qualität des Lehrgangs war geprägt von vielen sehr engagierten und langjährigen Dozierenden.

Als ich mir überlegte, diese Kolumne zum Abschied zu verfassen, erhielt ich überraschend einen Anruf eines Compliance-Officer, der vor Jahren «meinen» Kurs absolviert hat und den ich nie mehr gesehen habe. Es war leider – dies vorweg – überhaupt nicht der erste dieser Art, aber doch ein sehr drastischer Hilferuf. Dies macht mich im Jahr 2020 besonders betroffen, weil ich mir wünschte, dass solches heute nicht mehr möglich ist.

Die Situation, mit der sich die erfahrene Fachkraft konfrontiert sieht, ist im Wesentlichen die Folgende: Ein CEO eines kleineren Instituts, der gegenüber den Private Bankern, die es mit Regeln – wie er selbst auch – gar nicht so haben und der von den Mitarbeitenden des Compliance-Office in seiner sehr risikofreudigen Bank von den «Compliance-Fuzzis» redet, von den «Affen des Compliance-Office». Sein ausgesprochen offenes Ohr für Kundenbetreuer, die Nachfragen des Compliance-Office nicht bearbeiten wollen, ist in der ganzen Bank bekannt. Ebenso natürlich seine absolute und laute Geringschätzung für die Bemühungen der Verantwortlichen im Compliance-Office. Die Compliance-aversen Berater profitieren davon und desavouieren die Compliance-Officer unter dem Schutz der Organe der Bank.

Ein erstes Fazit: Es hat sich trotz Skandalen, Regulierungen und Ausbildungen, trotz Berufsverboten und Gewinneinziehungen durch die Aufsichtsbehörde bei einigen Banken nichts geändert. Man fragt sich, was in solchen Fällen die obersten Kontrolleure der Bank, die Verwaltungsräte, tun. Schnarchen? Mir hat ein VR-Präsident gesagt, er erachte Kritik grundsätzlich als kontraproduktiv. Solange solche inkompetenten Figuren in Gremien sitzen, darf man sich nicht wundern.

Ein zweites Fazit drängt sich auf: Wer heute in Compliance arbeitet, muss furchtlos und sehr belastbar sein und darf Konflikten nicht ausweichen. Sonst nämlich, wenn man sich unter Druck setzen lässt, nicht entschlossen ausreichenden Widerstand leistet und nicht kompromisslos tut, was zu tun ist, gerät man in Gefahr, aufsichtsrechtlich und strafrechtlich in teure Mühlen zu geraten. Diese Mühlen nehmen es zum einen ab und zu mit Verfahrensgrundsätzen nicht so genau, zum andern funktionieren sie sehr aufwendig. Für dieses Risiko gibt es keine Entschädigung.

Und drittens: Ein CEO hat als Geschäftsführer eine Garantenstellung gemäss Strafgesetzbuch. Wenn man sieht, wie gleichgültig, um nicht zu sagen liederlich solche Personen wie der geschilderte CEO mit den Rechtsrisiken und den damit verbundenen Kosten für die Bank umgehen, fragt man sich, ob Finanzmarktaufsicht und Staatsanwaltschaften in solchen Fällen nicht der Frage einer allfälligen ungetreuen Geschäftsbesorgung nachgehen sollten. Es kann nicht sein, dass Compliance-Officer mehr und mehr in Verfahren verstrickt werden und dass «die da oben» schulterzuckend weiter ihre unverdient erhaltenen Boni ausgeben.

Monika Roth ist Professorin für Compliance und Finanzmarktrecht an der Hochschule Luzern.