Talk Täglich
«Meine Mutter sagte immer: Aus dir wird eh nichts» – Gipfelikönig Fredy Hiestand über sein bewegtes Leben

Vor 50 Jahren gründete der heute 74-jährige Fredy Hiestand sein Unternehmen, welches das Bäckerei-Geschäft in der Schweiz revolutionierte. Im "Talk Täglich" erzählt er von seinem Erfolgsrezept, seinen grössten Fehler und sein Abenteuer mit Ballerina Svetlana.

Nora Güdemann
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Er hat ganz unten als Bauernbub aus ärmlichen Verhältnissen angefangen und sich als Bäcker hinaufgeschafft bis zum millionenschweren Gipfeli-König, wie Fredy Hiestand landesweit genannt wird. Diese einzigartige Karriere wird nun in einer Biografie nachgezeichnet. Bei der Lektüre wird einem bewusst, was schon fast in Vergessenheit geraten ist: Fredy Hiestand war nicht nur geschäftstüchtig, er hatte immer den Riecher, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Innovation auf den Markt zu bringen.

Vor ziemlich genau 50 Jahren machte Hiestand seine ersten Erfahrungen mit einer eigenen Bäckerei. Im "Talk Täglich" auf Tele M1 sagte er, was sein Antrieb war. Seine Mutter habe ihm immer wieder gesagt: „Aus dir wird eh nichts!“ Er wollte ihr das Gegenteil beweisen - mit Erfolg. 30 Jahre später war Hiestand Geschäftsführer eines weltweit aktiven Konzerns mit über 1500 Mitarbeitern und mehreren Millionen Umsatz.

Ein Unternehmen ist wie Lachs

Den ersten Höhepunkt seiner Bilderbuchkarriere hatte Hiestand im Jahr 1975. Damals belieferte er als erster in der Schweiz Bäckereien mit tiefgefrorenen Gipfeli. Die Kritiker schimpften ihn anfangs «Totengräber der Bäcker», verstummten angesichts der grossen Nachfrage und des Erfolgs aber bald. Die negativen Reaktionen hielten Hiestand nicht von seinen Vorhaben ab: „Das hat mich nur gestärkt. Neid muss man sich auch erst erarbeiten“, sagt er schmunzelnd gegenüber "Talk Täglich"-Moderator Rolf Cavalli.

Gipfeli-König Fredy Hiestand: Er schuf aus einer kleinen Bäckerei ein Imperium. (Archiv)
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Fredy Hiestand eröffnete 1967 als 23-Jähriger seine erste Bäckerei in einer ehemaligen Wäscherei in Zürich Wipkingen. (Archiv)
Fredy Hiestand ist der Erfinder des Frischback-Gipfelis. 1988 gelang ihm mit vorgegarten, tiefgekühlten Teiglingen der internationale Durchbruch. (Bild von 2015)
Seine Hiestand AG wuchs enorm, eröffnete Produktionsstätten in Deutschland, Polen, Japan und Malaysia. 1997 ging das Unternehmen mit 100 Millionen Franken an die Börse. (Bild von 2015)
Fredy Hiestands bodenständiger Führungsstil passte jedoch nicht zum damaligen Börsenumfeld, die Konzernleitung stand unter Druck. (Archiv)
2002 beschloss Hiestand, aus dem Verwaltungsrat auszutreten und mit rund 10 Millionen Franken Eigenmitteln neu zu starten, und zwar in Baden mit der Bäckerei Fredys. Das Bild zeigt ihn mit seinem Sohn Oliver. (Bild von 2015)
Sohn Oliver ist der Leiter Produktion und Logistik. (Bild von 2015)
Die Nachfolge ist bereits geregelt: Mit Oliver Hiestand, der genau wie der Vater das Bäckerhandwerk gelernt hat, bleibt der Betrieb in Familienhand. (Bild von 2015)
Blick in die Produktion bei der Bäckerei Fredys: Teiglinge werden zu runden Gipfel geformt. (Bild von 2015)

Gipfeli-König Fredy Hiestand: Er schuf aus einer kleinen Bäckerei ein Imperium. (Archiv)

Chris Iseli

1988 erfand Hiestand das Frischback-Gipfeli und verhalf den Tankstellen so zum Durchbruch mit Convenience-Backwaren. Es folgte der Laugengipfel: „Am Anfang sah es fürchterlich aus und jetzt ist er ein Klassiker.“ Dann machte er in 90er-Jahren mit dem Schoggigipfeli Furore. Eine neue Maschine erlaubte es erstmals, die Gipfeli mit einer dressierfähigen Schokocreme zu füllen und automatisch abzuwickeln.

Hiestand ist Hobby-Fischer und vergleicht ein gut funktionierendes Unternehmen mit wildem Lachs: „Der Lachs schwimmt gegen den Strom. Nur zwei Prozent kommen am Laichplatz an. Sie werden gefangen oder gefressen. Dafür braucht man Durchhaltewillen und Risikobereitschaft.“ Davon besass (und besitzt) Hiestand genügend: Am Anfang seiner Karriere musste seine zweite Frau ihr Jugendsparheft auflösen – um den Lohn der drei Angestellten bezahlen zu können.

Modernste Anlage im Aargau

Hiestand ist gebürtiger Zürcher, einen Namen machte er sich aber mit seinen Produktionsstätten im Kanton Aargau. So nahm er 1993 in Lupfig die damals modernste vollautomatisierte Gipfelistrasse Europas in Betrieb. Seine Nachfolge-Firma «Fredy’s» wiederum stationierte Hiestand später in Baden.

Aus der Firma, die noch heute seinen Nachnamen trägt, ist Hiestand 2003 ausgeschieden. Vorausgegangen war die Übernahme durch die irische Gesellschaft IAWS. Deren Strategie vertrug sich nicht mehr mit dem Patron der alten Schule. Der Anfang vom Ende war wohl schon der Börsengang 1997. Hiestand nennt diesen rückblickend den grössten Fehler seines Lebens. „Wenns schlecht läuft, kann ein Manager den Hut nehmen und gehen. Ein Eigentümer oder Patron kann das nicht, er trägt selber das Risiko.“

„Ich will 102 Jahre alt werden“

Heute ist Hiestand 74 Jahre alt, über seine Pension will er nicht nachdenken: „Ich könnte zwar nicht mehr in der Backstube mithelfen, aber neue Ideen haben und neue Sachen entwickeln, das kann ich immer noch.“ Ein neues Projekt ist ein Agrar-Park in Afrika: „Auf rund 100 Hektaren will ich zeigen, dass man mit biologischen Mischkulturen Geld verdienen kann. Das Ziel ist es, dass ich in drei Jahren eigenen Kakao habe.“

Ausserdem pflanzt Hiestand Moringa an. Er schwört auf diese Pflanze: „Deswegen geht es mir so gut. Auch meine Mitarbeiter bekommen jeden Morgen eine Tasse Moringa-Tee.“ Hiestand will 102 Jahre alt werden. Warum? „Weil ich eine junge Frau habe und noch viele Projekte verwirklichen möchte.“

Ballerina Svetlana und der Schweizer Geheimdienst

Nicht nur als Unternehmer war Hiestand aussergewöhnlich. Auch privat führte der Bäcker ein bewegtes Leben. Stellvertretend für viele Geschichten und Anekdoten, wird im Hiestand-Buch das amouröse Abenteuer mit der russischen Ballerina Svetlana beschrieben, die der junge Fredy Hiestand im kommunistischen Moskau der 70er-Jahre kennen lernte. Weil Hiestand schon verheiratet war, beauftragte er einen Bäckerei-Angestellten, die Tänzerin zu heiraten und ihr so ein Leben in der Schweiz zu ermöglichen. „Ich habe mich in sie verliebt“, sagt er. „Meine Frau hat mich damals sogar dabei unterstützt, sie zu holen.“

«Filmreif», wie es in der Biografie heisst, war an der Geschichte, dass sogar der Schweizer Nachrichtendienst auf die geheimnisvolle Ballerina aufmerksam wurde. Grund: Der Bäcker, der sie später heiratete, hatte im Militär ein Früchtebrot entwickelt, das jahrelang haltbar war. Der Nachrichtendienst glaubte offenbar, die Sowjet-Tänzerin sei nur auf das Rezept des Brotes aus.

Die Geschichte ging glimpflich aus: „Svetlana hat noch einige Jahre bei mir im Betrieb gearbeitet. Sie hat Pralinen gemacht.“

Die Biografie: «Gipfelikönig Fredy Hiestand, vom Bauernbub zum Grossbäcker und Gesundheitspionier», von Philipp Gut, Stämpfli-Verlag.

Der ganze Talk mit Fredy Hiestand: