Windows 8
Microsoft bricht in die Post-PC-Ära auf

Heute erscheint Windows8. Dabei geht es um mehr als um ein neues Betriebssystem. Es geht um die vielleicht letzte Chance für Microsoft, den Rückstand auf Apple und Google aufzuholen und auf dem Smartphone- und Tablet-Markt Fuss zu fassen.

Raffael Schupppisser
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Auf dem Spiel steht nichts weniger als die Zukunft von Microsoft, des einst wertvollsten Konzerns der Welt, der in den 1990er-Jahren der Technik-Branche den Takt angab. Denn die IT-Industrie hat sich gewandelt. Spricht man heute von den dominierenden Firmen, meint man die «Gang of Four»: Apple, Google, Facebook und Amazon. Und Microsoft? Scheinbar in der Versenkung verschwunden.

Alle Trends verschlafen

Der von Bill Gates gegründete Konzern hat in den letzten Jahren so ziemlich jeden Technik-Trend verschlafen. Das einzige innovative und erfolgreiche Produkt ist die Spielkonsole Xbox 360 mit der Gestensteuerung Kinect. Doch warum hat Microsoft nicht frühzeitig eine Suchmaschine lanciert? Das sei ein Kartenhaus ohne Zukunft, meinte Microsoft-CEO Steve Ballmer einst. Und soziale Netzwerke? Bloss eine Modeerscheinung. Und Tablet-Computer? Dafür gebe es keinen Markt.

In all dem hatte sich Ballmer drastisch getäuscht, sodass er die Konkurrenz bald davonziehen sah. Versuche, sich zurück ins Business zu kaufen, sind gescheitert (Yahoo) und Imitate (Bing) fanden wenig Anklang. Doch nun soll alles anders werden mit Windows8. Microsoft setzte dabei gleich auf mehreren Ebenen an:

Kernstück ist das neue Betriebssystem Windows8, das heute weltweit lanciert wird. Es ist inspiriert von den Smartphone-Betriebssystemen und soll ein nahtloses Arbeiten auf allen Geräten – Handy, Tablet, PC – ermöglichen (vgl. Artikel unten).

Microsoft wird zum Hardware-Hersteller und lanciert sein Tablet Surface, das ähnlich wie das iPad aussieht, aber mit einer vollwertigen Tastatur ausgerüstet ist. Surface erscheint zeitgleich mit dem neuen Betriebssystem in den USA und einigen anderen Ländern – vorerst aber nicht in der Schweiz.

In US-Grossstädten entstehen zurzeit Microsoft Shops. Diese sind nach dem Vorbild der Apple Shops aufgebaut. So sollen Surface und Windows8 bekannt und Microsoft wieder «hip» werden.

Microsoft ist es gelungen, etablierte Gerätehersteller von den Vorzügen von Windows8 zu überzeugen. Neben Samsung, dem grössten Handyhersteller, setzen unter anderem auch Sony, HP und Asus auf Windows8.

Microsoft lanciert zudem einen Streaming-Dienst namens Xbox Music nach dem Vorbild von Spotify. Damit können auf der Xbox 360 und Windows-8-Geräten 30 Millionen Songs übers Internet angehört werden. Der Dienst lässt sich mit Werbeunterbrechungen gratis nutzen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch Apple und Google gerne einen solchen Service hätten, die Verhandlungen mit den Musiklabels aber gescheitert sind.

Für Microsoft bedeutet dieser Vorstoss einen riesigen Kraftakt. Doch dieser ist unvermeidlich, will man nicht irrelevant werden. Zwar laufen 90 Prozent aller PC mit dem Betriebssystem Windows. Doch die Zukunft gehört den Tablets. Steve Jobs hat dafür den Begriff der Post-PC-Ära geprägt. Schon jetzt werden mehr dieser Geräte verkauft als PC – und der Wandel hat erst begonnen. Für 2016 prognostizieren Marktforscher einen Absatz von 1,5 Milliarden Smartphones und Tablets, dreimal so viel wie PC. Bisher hat es Microsoft verpasst, in diesem Segment Fuss zu fassen. Lediglich 3,5 Prozent aller Smartphones laufen mit einem Windows-Betriebssystem. Noch geringer ist der Anteil bei den Tablets. Apple und Google dominieren das Geschäft. Zusammen haben die beiden Konzerne über 90 Prozent Marktanteil.

Keine langen Schlangen

Ob Microsofts Comeback in der «Post-PC-Ära» gelingt, ist alles andere als sicher. Fest steht: Die Strategie kann nur aufgehen, wenn alle Elemente zusammenpassen. Das Wichtigste ist das Betriebssystem selber. Es muss halten, was es verspricht, nämlich intuitiv zugänglich sein, um damit zu arbeiten und Medien zu konsumieren. Doch ein gutes Produkt allein wird nicht ausreichen. Es muss auch unter die Leute gebracht werden – und das geht nur über schicke Geräte.

Weil Dritthersteller Windows für ihre Handys und Tablets bisher vernachlässigt haben, ist Microsoft eine Partnerschaft mit Nokia eingegangen. Die Finnen setzen nun ausschliesslich auf Windows. Erstmals sind bei Windows8 nun aber auch andere etablierte Anbieter aufgesprungen. Und Microsoft will den Markt mit dem eigenen Tablet Surface zusätzlich ankurbeln.

Wenn nun Microsoft heute Surface in verschiedenen Ländern lanciert, wird das zu keinen langen Schlangen führen wie bei der Markteinführung eines Apple-Produkts. Daran werden auch die neuen Microsoft Shops und das neue Logo nichts ändern. Aber Surface und der ebenfalls neu lancierte Musik-Streaming-Dienst Xbox Music könnten dazu beitragen, das Image von Microsoft allmählich aufzupolieren. Und das ist wichtig für den Konzern, damit man mit dem Namen Microsoft nicht mehr trockene Excel-Listen assoziiert, sondern innovative Produkte, von denen man sich gerne in die digitale Zukunft führen lässt.

So funktioniert Windows 8

Windows sieht nun ganz anders aus: Dort, wo früher der Desktop mit den kleinen Icons war, befindet sich nun eine grafisch reduziert gestaltete Oberfläche mit quadratischen und langeckigen Kacheln. Jede dieser Kacheln repräsentiert eine App. Die Darstellung erinnert stark an die Betriebsoberfläche eines Smartphones. Das ist kein Zufall: Denn Windows 8 soll sich ebenso gut mit dem Finger über ein Touchscreen bedienen lassen wie mit Maus und Tastatur. Um auf dem Computer mit Windows 8 die bekannten Office-Anwendungen zu nutzen, wählt man die Kachel mit dem Desktopsymbol an. Nun sieht die Oberfläche aus, wie man sie von früheren Windows-Versionen her kennt – ausser, dass der Startknopf unten links fehlt. Bewegt man den Mauszeiger dorthin, gelangt man zurück zu den Kacheln. Dort kann man sich leicht einen Überblick über verschiedene Anwendungen verschaffen. Denn die Inhalte der Kacheln werden automatisch aktualisiert – so sieht man mit einem Blick, ob man neue Mails bekommen hat oder welche Termine anstehen. Auf dem Smartphone oder einem Tablet wird man vorwiegend diese Kacheloberfläche nutzen, um die verschiedenen Apps anzusteuern. Gemäss Microsoft gibt es beim Start von Windows 8 über 5500 Apps. Das ist wenig im Vergleich zu den rund 750000 Apps fürs iPhone und iPad. Die Apps sind aber nicht nur für Smartphone und Tablets konzipiert, sondern lassen sich alle auch auf dem PC nutzen. Interessant ist das etwa für Newsportale, die sich nicht nur über den Webbrowser ansteuern lassen, sondern auch über die App, wo die Inhalte viel leserfreundlicher aufbereitet sind. In der Schweiz sind jetzt schon Blick.ch und der Teletext als Windows-8-App verfügbar. Besonders geeignet scheint Windows 8 für sogenannte Hybrid-Geräte – Notebooks mit Touchscreen, die sich dank abnehmbarer Tastatur zu Tablets umfunktionieren lassen. (RAS)