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Test mit neuer Kamera-Software: Migros spioniert Kunden nach – das sorgt für Kritik

Die Detailhändlerin testet in einer geheimen Filiale eine moderne Überwachungssoftware, um Diebe ausfindig zu machen. Laut dem Eidgenössischen Datenschützer begeht sie dabei aber einen Fehler.
Benjamin Weinmann
Bezahlen die Kunden auch wirklich alles? Die Migros will es genau wissen. (Bild: Hanspeter Baertschi)

Bezahlen die Kunden auch wirklich alles? Die Migros will es genau wissen. (Bild: Hanspeter Baertschi)

Dieser Haarschnitt? Diese Jacke? Dieb! Nach diesem stark vereinfachten Prinzip funktioniert eine neue Videosoftware, mit der die Migros Langfinger ausfindig machen will. In einer Zürcher Filiale sind 74 intelligente Kameras installiert, welche den Kunden nachspionieren. Um welche Filiale es sich handelt, will ein Sprecher der zuständigen Genossenschaft Zürich nicht sagen.

Die Software analysiert die Kunden anhand von Erscheinungsmerkmalen wie Haarfarbe, Körpergrösse, Kleidung und sogar dem Geschlecht. Wer den Laden betritt, wird von der Software mit einem roten Quadrat umrandet und von den Kameras im Geschäft verfolgt. All das soll helfen, um zu eruieren, wie oft, wo und wie lange ein verdächtigter Kunde im Geschäft war, und ob es ein Einzeltäter war oder eine Gruppe. Die Hautfarbe werde nicht analysiert, heisst es auf Nachfrage.

Problematisch: Die Kunden werden nicht explizit darauf hingewiesen, dass sie von den Kameras auf Schritt und Tritt beobachtet werden. Laut dem Migros-Sprecher verzichtet man darauf, «da die Analyse nur bei einzelnen Ereignissen und auf bereits gespeicherte Daten angewendet wird». Analysen von Liveaufnahmen seien nicht möglich.

Kritik des Datenschützers: Mangelnde Transparenz

Für den Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten reicht die Erklärung nicht: «In so einem speziellen Fall, bei dem biometrische Daten abgeglichen werden und das Bewegungsprofil durch den ganzen Laden hindurch nachgezeichnet wird, muss den Kunden deutlich gemacht werden, dass sie mit mehr als einer herkömmlichen Überwachungskamera gefilmt werden», sagt ein Sprecher. Nur so könnten die Kunden ihr Auskunftsrecht geltend machen und verlangen, dass die Aufnahmen gelöscht werden.

Der Sprecher sagt, das Bildmaterial würde «regelmässig» und «automatisch» gelöscht, wobei unklar bleibt, was «regelmässig» heisst. Bei begründeten Verdachtsfällen müssten die Sequenzen manuell gespeichert werden. Die Migros ist bei den Antworten relativ zurückhaltend. Allerdings hat der zuständige Migros-Sicherheitsexperte erst kürzlich der deutschen «Lebensmittelzeitung» ausführlich geschildert, wie das System funktioniert. So sollen künftig auch auffällige Attribute wie Rucksäcke, Koffer oder Taschen in die Analyse miteinbezogen werden. Die Kameras sind an «Hotspots» angebracht: Bei der Kasse, in der Kosmetikabteilung und oberhalb der Fleischtheke, aber auch an den Eingängen, Ausgängen und auf dem Parkplatz. Die Software stammt von der Motorola-Tochter Avigilon.

«Die Idee ist, der Polizei gerichtsfestes Videomaterial aushändigen zu können, wenn man einen Dieb gefasst hat.»

So lässt sich der zuständige Migros-Sicherheitsexperte in der Fachzeitung zitieren. Bisher musste sich ein Supermarkt-Detektiv nach der Ergreifung des potenziellen Diebes stundenlang Videomaterial ansehen. Mit dem neuen System ist dies in 30 Minuten möglich.

Die Frage nach den Self-Scanning-Kassen

In jede einzelne Sequenz lässt sich hineinzoomen. «Ich kann genau erkennen, ob jemand die teure Creme nur in die Hand genommen hat, hin und her gedreht und dann doch wieder zurückgestellt, oder ob er sie in die Jacke oder die Handtasche hat fallen lassen», so der Sicherheitsexperte. Gesichter könne die schlaue Software nicht erkennen.

Ein weiteres Beispiel: Kauft ein Kunde ein Rindsfilet oder Entrecôte, wandern die Bon-Daten, die die Verkäuferin an der Waage eintippt, direkt ans Kassensystem. Bleibt die Bezahlung an der Kasse aus, ist dies ein Diebstahl-Indiz.

Laut dem Migros-Sprecher würden für das neue System primär Filialen in Betracht gezogen, die umgebaut werden. Den Verdacht, dass diese «Big Brother»-Offensive etwas mit steigenden Diebstählen aufgrund der Self-Scanning-Kassen zu tun haben könnte, verneint er.

Noch vor der Tat verhaftet?

Bei der Stiftung für Konsumentenschutz ist man skeptisch. Ein Sprecher sagt:

«Wir erachten die allgemeine Entwicklung in Richtung konstanter Überwachung der Kundschaft und der Angestellten als problematisch.»

Die Migros ist mit ihrem Vorgehen allerdings nicht allein. Die US-Kette Walmart, der grösste Detailhändler der Welt, setzt seit Juni auf künstliche Intelligenz im Kampf gegen Diebstähle. Und Coop? Eine Sprecherin sagt nur: «Neue Technologien werden laufend evaluiert.» Die Entwicklung geht im Ausland bereits weiter. So arbeiten asiatische Start-ups an Systemen, die Ladendiebstähle voraussagen können, so dass der potenzielle Dieb noch vor seiner Tat ertappt werden soll.

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