Migros prescht bei Plastikabfall vor und führt neues Sammelsystem ein

Die Detailhändlerin lanciert ab dem 29. Juni schweizweit ein neues Plastik-Sammelystem. Der Alleingang kommt teilweise schlecht an.

Gabriela Jordan
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Beim Rezyklieren wird ein Kunststoffgranulat gewonnen, das zur Herstellung von neuen Produkten verwendet werden kann.

Beim Rezyklieren wird ein Kunststoffgranulat gewonnen, das zur Herstellung von neuen Produkten verwendet werden kann.

Migros

Schon wieder macht die Migros mit einem Sack auf sich aufmerksam. Diesmal geht es aber weder um Einkaufstaschen, die aufgrund sexistischer Motive zurückgezogen werden, noch hat der neuartige Sack etwas mit der Rassismusdebatte zu tun. Der Sack dreht sich jedoch um ein Thema, das den gegenwärtigen Zeitgeist ebenfalls trifft: Es geht um Nachhaltigkeit und den allseits unbeliebten Plastik. Am Mittwoch lancierte die Migros schweizweit ein neues Sammelsystem für Plastikabfälle. Kundinnen und Kunden sollen ihren ganzen Plastikabfall bald in den Migros-Filialen entsorgen können, seien es Folien, Joghurtbecher oder Fleischverpackungen. Dafür notwendig: Der Plastik-Sammelsack der Migros, der je nach Grösse 90 Rappen bis 2.50 Franken kostet.

«Plastik ist ein emotionales Thema. Weltweit landet Plastik häufig in der Natur statt im Abfall», sagte Guido Rast an der Medienkonferenz. Er ist Leiter der Genossenschaft Migros Luzern, in der am 29. Juni der Startschuss für das Projekt fällt. Stösst das Angebot auf Anklang, kommen Ende August die Genossenschaften Genf, Neuenburg-Freiburg, Waadt und Wallis dazu. Bis zum Frühling 2021 soll es die Sammelstellen in sämtlichen Filialen geben.

Zurückgenommen werden praktisch alle Verpackungen aus Kunststoff, auch solche, die von anderen Läden stammen. Gratis können dann aber nur noch Pet-Flaschen und Plastikgetränkeflaschen entsorgt werden. Das gesammelte Material wird die Migros von der Firma InnoRecycling rezyklieren lassen. Zu den gemeinsamen Plänen gehört ausserdem eine Sortieranlage – derzeit wird Schweizer Plastik im österreichischen Vorarlberg sortiert. Aus dem gewonnenen Granulat sollen in Zukunft Verpackungen für Produkte der Migros-Industriebetriebe entstehen, zum Beispiel Putzmittel und Joghurtbecher.

Greenpeace kritisiert, Bundesamt lobt

Mit ihrem Projekt bewirtschaftet die Detailhändlerin ein in Teilen der Bevölkerung grosses Anliegen. Jährlich werden in der Schweiz gut eine Million Tonnen Kunststoffe verbraucht – Tendenz steigend. Ein flächendeckendes Sammelsystem fehlt bisher aber. Manche Kantone, Gemeinden oder private Anbieter nehmen verschiedene Plastikabfälle schon heute entgegen, vielerorts werden aber nur Pet-Flaschen und andere Plastikflaschen gesammelt, beispielsweise von Hygienemitteln.

Überall kommt der Alleingang der Migros allerdings nicht gut an – so flatterten am Mittwoch gleich mehrere Stellungnahmen von Umweltorganisationen ein. Greenpeace zum Beispiel spricht von einer «riskanten Scheinlösung für das Plastikproblem» und kritisiert, dass sich die meisten Kunststoffarten ohnehin nicht mehrfach in guter Qualität rezyklieren lassen. «Ein über längere Zeit geschlossener Kreislauf wie ihn die Migros ankündigt, ist daher eine Illusion», sagt Philipp Rohrer, Experte für «Zero Waste» bei Greenpeace Schweiz. Zudem bestehe das Risiko, dass dieses Angebot zu einem höheren Verbrauch von Plastik führt. «Die Konsumenten könnten annehmen, dass Recycling ein umweltfreundlicher Ausweg aus der Plastikkrise sei.»

Auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) äusserte sich in der Vergangenheit stets skeptisch zur Sammlung von gemischten Kunststoffabfällen – der hochwertig verwertbare Anteil sei tief, der Rezyklieraufwand hoch. Das Bafu plädierte dafür, sich auf das Sammeln von Pet-Flaschen und anderen Kunststoffflaschen zu konzentrieren. Nun beurteilt das Bafu das Vorhaben der Migros dennoch positiv: «Die Massnahmen der Migros tragen dazu bei, dass mehr Kunststoffe rezykliert werden», schreibt das Bafu auf Anfrage. In Zukunft werde sich das Recycling von Kunststoffen weiterentwickeln, das geplante Sortierwerk wäre deshalb ein grosser Schritt, damit die Kunststoffabfälle ganz in der Schweiz behandelt werden könnten.

Migros könnte so mehr Kunden in Läden locken

Wie konsumentenfreundlich das Sammelsystem sein wird, muss sich erst einmal zeigen. Bei Umweltorganisationen ist zu vernehmen, dass sie ein schweizweit koordiniertes System bevorzugt hätten. Mit dem Alleingang der Migros bestehe die Gefahr von Nachahmern und einem Angebotswirrwarr. Aus jetziger Sicht bringt das Angebot aber durchaus Vorteile für Konsumenten: Entsorgt man seinen Plastikabfall im neuen Sammelsack der Migros, spart man dadurch Platz im vergleichsweise oft viel teureren Kehrichtsack.

Profitieren wird mit Sicherheit auch die Migros. Zusätzlich zur Imagepflege könnten die Sammelstellen wohl mehr Kundinnen und Kunden in die Filialen locken. Andere Schweizer Detailhändler dürften am Projekt daher weniger erfreut sein. Danach gefragt, heisst es bei Konkurrent Coop, dass sie sich für eine «gemeinsame, schweizweite Branchenlösung einsetzen».

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