MILCHMARKT: Swissness steht auf dem Spiel

Schweizer Schokoladehersteller wollen billiges Milchpulver aus dem Ausland. Die Milchbranche gerät unter Druck und reagiert nun mit einer Retourkutsche.

Bernard Marks
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Weil die Exporte von Schweizer Schoggi rückläufig sind, wollen einige Hersteller die ­Rohstoffkosten deutlich senken. Dabei provozieren sie einen Konflikt mit der Milchbranche. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Weil die Exporte von Schweizer Schoggi rückläufig sind, wollen einige Hersteller die ­Rohstoffkosten deutlich senken. Dabei provozieren sie einen Konflikt mit der Milchbranche. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Der Schweizer Milchmarkt kommt nicht zur Ruhe. Bei der Oberzolldirektion in Bern sind zahlreiche Gesuche von Lebensmittelproduzenten, darunter auch namhafte Schokoladehersteller, eingegangen. Sie wollen rund 9300 Tonnen Milchpulver importieren und in verarbeiteten Produkten wieder exportieren. Diese Menge an Milchpulver entspricht umgerechnet etwa 150 Millionen Kilogramm Milch, die wiederum auf dem Schweizer Milchmarkt nicht mehr benötigt werden würden. Ein Schlag ins Gesicht für alle Schweizer Milchproduzenten.

Gestern liess die Branchenorganisation Milch (BOM) deshalb eine Bombe platzen. Die BO Milch verabschiedete sich von dem sogenannten Interventionsfonds. Dieser diente dazu, der Verarbeitungsindustrie die Schweizer Milch auf das Preisniveau der EU zu bringen. Schweizer Bauern verbilligten mit Hilfe von Bundesmitteln die Milch, damit die Industrie für die Herstellung von Exportprodukten ihre Milch nicht im Ausland beschafft. Dies auch, weil die vom Bund im Rahmen des Schoggigesetzes bereitstehenden Mittel nicht ausreichen. Für den Geschäftsführer der Zentralschweizer Milchproduzenten und Vorstandsmitglied der Branchenorganisation Milch, Pirmin Furrer, ist klar, aus welchem Bereich der Lebensmittelindustrie das Begehren nach günstigem Milchpulver überwiegend stammt. «Die Menge entspricht 50 Prozent der Menge an Milch, die Schweizer Schokoladehersteller für ihre Jahresproduktion benötigen», bestätigt Furrer.

Migros bestätigt das Bedürfnis

Schweizer Schokolade ist begehrt, aber vor allem im Ausland durch den starken Franken und teure Rohstoffe vergleichsweise teuer. Mit ein Grund, warum die Exporte von Schweizer Schokolade alles andere als gut laufen. Im Jahr 2012 sanken die Exporte um fast 3 Prozent auf 103 897 Tonnen. Ein weiterer Grund: Seit 2008 kassiert die EU für Schweizer Schokolade einen Zoll. Für 100 Kilogramm Vollmilchpulver in verarbeiteter Form kassiert die EU am Zoll 35 Euro, was Schweizer Schokolade zusätzlich verteuert.

Schweizer Schokoladeproduzenten befinden sich also in einem Dilemma. Sie brauchen einen günstigeren Rohstoff, um im Ausland besser wachsen zu können. Wie zum Beispiel Chocolat Frey. Die Migros-Tochter ist mit einem Marktanteil von 38 Prozent die Nummer eins der Schweiz. Weil der Heimmarkt aber gesättigt ist, will Frey im Ausland zulegen. Dafür will allein Frey 700 Tonnen Milchpulver aus dem Ausland importieren. Weitere Schweizer Schokoladehersteller haben Importe von Milchpulver beantragt. Der Chocolatier Lindt & Sprüngli dementiert dies allerdings. Auf Anfrage unserer Zeitung heisst es: «Wir können bestätigen, dass das Milchpulver für unseren Schweizer Produktionsstandort zu 100 Prozent aus der Schweiz kommt. Zu politischen Debatten möchten wir uns nicht äussern.»

Herausforderung für Hochdorf

Allein die Luzerner Hochdorf-Gruppe hat im Jahr 2012 rund 12 500 Tonnen Vollmilchpulver an die Schweizer Schokolade-Industrie verkauft. «Für die Hochdorf-Gruppe, die daher als Schweizer Marktführer in der Produktion von Milchpulver stark vom Schoggigesetz betroffen ist, wird es ohne den Interventionsfonds eine Herausforderung sein, auch weiterhin günstiges Milchpulver an Schokoladehersteller zu liefern. «Ein Preisdruck auf den Rohstoff Milch ist wohl absehbar», sagt Furrer. Das bestätigt auch der Hochdorf-Sprecher Christoph Hug. «Wir hoffen nun auf den Nachtragskredit des Bundes. Das würde den Druck auf den Milchpreis wieder senken.»

Preisdruck auf die Milch

«Die entsprechenden Gesuche für Milchpulver aus dem Ausland wurden dieser Tage abgelehnt», heisst es in einer Mitteilung vom Verband der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrie Fial. Dieser Entscheid fiel aber vor dem Entschluss der BO Milch, keine branchenspezifischen Subventionen für den Milchpreis mehr zu leisten.

Die Kuh ist daher nicht vom Eis. Die 150 Millionen Kilogramm Milch, die dem Schweizer Milchmarkt entgehen sollten, sind für den Moment noch gesichert. «Die Situation kann sich aber schnell verändern», meinen Kenner der Branche. «Ich gehe davon aus, dass die Schokolade-Industrie nach dem BOM- Beschluss das weiterziehen wird und neue Gesuche eingeben wird», sagt der Experte.

Swissness in der Schoggi

«Wenn aber so viel ausländisches Milchpulver in Schokolade verwendet wird, dann können die Schweizer Chocolatiers nicht mehr mit Schweizer Kreuz werben», ist Furrer überzeugt. Das Thema könnte demnach im Zusammenhang mit der aktuell auf politischer Ebene diskutierten Swissness-Vorlage interessant werden, in der geregelt werden soll, wie viel Schweizer Rohstoffe in «Swiss made» enthalten sein muss. Dann könnten die Bedürfnisse der Schweizer Schokoladehersteller nach günstigen Rohstoffen aus dem Ausland neuen Nährboden bekommen. «80 Prozent ist der letzte Stand, es könnten aber auch 60 Prozent sein», denkt Graber. «Ich bin aber der Auffassung, Schweizer Schokolade sollte 100 Prozent Schweizer Milch beinhalten.»