Sportverbände
Milliarden-Einnahmen: Wie Olympia und Fifa das Wirtschaftswachstum verfälschen

Internationale Sportverbände verzerren mit Milliarden-Einnahmen die Konjunktur-Indikatoren.

Niklaus Vontobel
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Das Bruttoinlandprodukt (BIP) – der meistbeachtete statistische Indikator zur Wirtschaftslage – ist nicht mehr das , was es mal war. Nur wissen das viele noch nicht. Daher war die Freude gross, als nach mageren Jahren endlich für 2018 ein kräftiges BIP-Wachstum vorhergesagt wurde. 2,3 Prozent prognostizierte etwa die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). Von «Boomjahr» war dann die Rede, von einem «massiven Aufschwung».

Doch in diesen 2,3 Prozent steckt vieles drin, was die Menschen in der Schweiz nicht spüren werden in ihren Portemonnaies. Die Olympischen Winterspiele, die im Februar in Südkorea zu sehen sind, fliessen zum Beispiel in die Schätzung ein. Auch die Weltmeisterschaften im Fussball, die diesen Sommer in Russland stattfinden werden. Ohne diese beiden Sportanlässe wäre nur ein BIP-Wachstum von 2 Prozent zu erwarten, wie die KOF berechnet hat.

Volle Kassen am Genfersee

Was haben Skifahrer, die sich im fernen Südkorea den Berg runterstürzen, zu tun mit dem BIP in der Schweiz? Die Klammer über rund 8800 Kilometer Fluglinie hinweg bildet das Internationale Olympische Komitee. Das IOC hat seinen Sitz in Lausanne an der noblen Route de Vidy 11, direkt am Genfersee gelegen. Alle zwei Jahre, wenn irgendwo auf der Welt entweder Winter- oder Sommerspiele abgehalten werden, strömen jeweils einige Milliarden in die Truhen an der Route de Vidy 11, etwa für die Übertragungsrechte. Ein Grossteil dieser Milliarden wird neuerdings dem Schweizer BIP zugerechnet.

Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat beschlossen, dass internationale Sportanlässe im BIP erfasst werden müssen. Die Regel gilt rückwirkend bis 2014. Zum Beispiel kassierte das IOC für die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro rund 3 Milliarden Franken allein für die Übertragungsrechte. Davon gab es rund eine Milliarde wieder für Rio aus. Zwei Milliarden holte es nach Lausanne in die Schweiz, wo die Rechte verortet sind. Diesen Betrag schrieb das BFS dem Schweizer BIP von 2016 zu.

Die Truhen an der Route de Vidy, die sich im 2-Jahres-Rhythmus füllen, beschäftigen nun einige kluge Köpfe im Zürcher Universitätsviertel an der Leonhardstrasse 21. Yngve Abrahamsen, der dort an der Konjunkturforschungsstelle KOF die Wirtschaftsprognosen verantwortet, musste den gewundenen Geldpfaden der internationalen Sportwelt nachforschen. Gut eine Woche musste er aufwenden, um die Grössenordnungen abschätzen zu können.

Wie wird das die Fifa zum Beispiel machen nach der Weltmeisterschaft in Russland: Holt sie nach Abzug ihrer Kosten alle Einnahmen für die Übertragungsrechte zurück an ihren Sitz in Zürich und verteilt das Geld von dort auf ihre Tochterverbände in der ganzen Welt? Dann müsste Abrahamsen die BIP-Prognose um 0,2 oder 0,3 Prozentpunkte heraufsetzen. Oder parkiert die Fifa das Geld in einer Tochtergesellschaft in Russland und verteilt es von dort direkt in alle Welt? Das Schweizer BIP wäre nicht tangiert.

Ähnliche Streifzüge durch die internationale Sportwelt dürften Ökonomen am Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) machen. Das Seco gibt jeweils erste Schätzungen für das quartalsweise BIP-Wachstum ab. In der Eidgenössischen Finanzverwaltung sind sie auf die BIP-Prognose angewiesen, um das Budget für das kommende Jahr aufzustellen.

Und da ist da noch der Rohstoffhandel. Rechnet man diesen aus der Wachstumsprognose heraus, fallen nochmals 0,2 Prozentpunkte weg von den 2,3 Prozent BIP-Zunahme für 2018, sagt die KOF. Notwendig ist die Ausklammerung des Rohstoffhandels, weil er für die allermeisten Menschen in der Schweiz kaum eine wirtschaftliche Bedeutung hat. Denn die Superstar-Händler in Genf oder in Zug schieben zwar täglich Milliarden auf der ganzen Welt herum. Doch für die grossen Deals braucht es ansonsten nicht allzu viele Mitarbeiter. Ob der Rohstoffhandel nun boomt oder crasht – den Schweizer Arbeitsmarkt berührt das wenig.

Arbeitslosigkeit sinkt kaum

Von 2,3 Prozent bleiben 1,8 Prozent übrig, die für die Lage am Schweizer Arbeitsmarkt aussagekräftig sind. Schlecht ist das nicht. Aber kein Boomjahr und auch kein massiver Aufschwung. In den letzten zwanzig Jahren war jeweils ein Wachstum von über 2 Prozent nötig, damit die Arbeitslosigkeit deutlich abnahm, wie KOF-Analysen zeigen. Das erklärt, warum die KOF für 2018 keinen starken Aufschwung am Arbeitsmarkt erwartet. Gemäss ihrer Prognose wird die international vergleichbare Erwerbslosenquote von 4,7 nur auf 4,5 Prozent absinken.

An der Zürcher Leonhardstrasse 21 ist es den Konjunkturforschern wohl zu bunt geworden. Ein verzerrtes Wirtschaftswachstum, das alle zwei Jahre überschiesst, weil irgendwo auf der Welt ein Sportanlass abgehalten wird, der mit dem Schweizer Arbeitsmarkt so gut wie nichts zu tun hat – damit wollen sich die Ökonomen nicht abfinden. Ein Projekt wurde lanciert, mit dem die Verzerrungen korrigiert werden sollen. «Ziel ist die Berechnung eines BIP, das bereinigt wäre um Sondereinflüsse wie den Transithandel und die internationalen Sportanlässe», sagt KOF-Ökonom Abrahamsen.