Start-ups
Mit der Pensionskasse zum eigenen Geschäft? In vielen Fällen ist das fatal

Zur Gründung des eigenen Unternehmens wird oft die Pensionskasse geplündert. Das ist fatal. Denn: 49 Prozent aller Start-Ups überleben die ersten fünf Jahre nicht. Experten raten denn auch strikt davon ab, die Altersvorsorge voreilig zu investieren.

Matthias Niklowitz und Marc Fischer
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«Mehr Soll oder mehr Haben?» Für Jungunternehmer ist die Finanzierung genauso wichtig wie die Geschäftsidee.

«Mehr Soll oder mehr Haben?» Für Jungunternehmer ist die Finanzierung genauso wichtig wie die Geschäftsidee.

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Noch höher als die Scheidungsrate ist die Pleiterate bei neuen Unternehmen. Gemäss der letzten Betriebszählung des Bundesamtes für Statistik (BfS) überleben 49 Prozent der Neugründungen die ersten fünf Jahre nicht.

Besonders gefährdet sind Kleinstfirmen sowie Firmen aus dem Bau- und Gastgewerbe, wie eine Auswertung von Bisnode, einem Kreditinformationsunternehmen, zeigt.

Firmenpleiten sind für die Betroffenen besonders dramatisch, wenn damit auch das vorbezogene Pensionskassengeld futsch ist. «Wir raten Firmengründern deshalb dringend, auf gar keinen Fall ihre vorbezogenen Pensionskassengelder für eine Gründung zu verwenden», sagt Thomas Buchmann, Leiter des Amtes für Wirtschaft des Kantons Aargau.

Wenn der Bundesrat hier den Vorbezug der Pensionskassengelder unterbindet, sei das meistens nicht das vorzeitige Aus für die Gründung eines hoffnungsvollen Hightech-Start-ups.

Höhere Überlebensquote

«Man darf nicht vergessen, dass genauso eine beträchtliche Anzahl an jungen Unternehmen überlebt», sagt Isabelle Wyss, Leiterin des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) Baden. Häufig sind das kleine Firmen – Imbissstände, Coiffeurbetriebe, Treuhandfirmen, Umzugsfirmen, Spitex-Firmen, Fitnesszentren, Personalvermittlungen oder Smartphone-Reparaturservices.

«Bei unserer Beratung steht nebst der Überprüfung der Idee auch die solide finanzielle Planung im Zentrum. Dabei wird entschieden davor gewarnt, Pensionskassengelder zu verwenden», so Wyss. Und gerade kleine Firmen wie die oben genannten haben Erfolg und können überleben.

Die schweizerische Überlebensquote ist mit 51 Prozent höher als in den USA. Dort existieren gemäss einer Umfrage des Magazins «Entrepreneur Weekly» nach fünf Jahren noch 45 Prozent der Neugründungen.

Wenn Jungunternehmer in den USA Geld benötigen, dann kommt das vom eigenen Sparkonto, Familienmitgliedern, Freunden und Risikokapitalgebern der allerersten Stunde.

Das PK-Geld ist in der Schweiz nicht die wichtigste Quelle für die Anschubfinanzierung, wie aus einer Antwort des Bundesrats auf eine ältere Interpellation hervorgeht: Der Start in die Selbstständigkeit erfolgt zwar bei 28 Prozent der Fälle mit Mitteln aus der zweiten Säule. Aber viel wichtiger ist das gesparte Geld, auf das 49 Prozent des Startkapitals entfällt.

Gemäss Bundesrat würden somit nicht übermässig Finanzmittel aus der beruflichen Vorsorge verwendet werden, um in die Selbstständigkeit zu starten. Immerhin sind 48 Prozent in der Lage, ihr Vermögen zu vermehren oder zumindest zu erhalten. Nur 10 Prozent haben einen Totalverlust.

Facebook startete anders

Facebook, Google und Amazon, Marktführer im Internet, waren ohne PK-Gelder gestartet. Thomas Brenzikofer, stellvertretender Geschäftsführer von i-net innovation networks, der Innovationsförderung der Nordwestschweizer Kantone Aargau, Basel Stadt, Basel Land und Jura, sagt: «Im Hochtechnologiebereich, in dem i-net mehrheitlich tätig ist, dürfte die Beschränkung zu keiner Verhinderung von Startups führen, da der Kapitalbedarf ein Vielfaches des PK-Vermögens beträgt.» Im «Low-end»-Bereich, etwa IT-Services oder Technologie Consulting, wo der Kapitalbedarf geringer ist, werde diese Regelung vermutlich zu einer Abkühlung der Gründungsdynamik führen.