Stadler fährt mit Rückenwind an die Börse

Die Nachfrage nach Aktien des Schienenfahrzeugbauers Stadler ist enorm, und das Unternehmen punktet mit weiteren Bestellungen. Nach wie vor gross ist die Abhängigkeit vom europäischen Markt.

Thomas Griesser Kym
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Der Stadler-Hochgeschwindigkeitszug für die SBB auf Fahrt am Zugersee. Soeben hat der Zug die Betriebsbewilligung erhalten. (Bild: PD)

Der Stadler-Hochgeschwindigkeitszug für die SBB auf Fahrt am Zugersee. Soeben hat der Zug die Betriebsbewilligung erhalten. (Bild: PD)

Der Börsengang Stadlers erfreut sich wie erwartet eines regen Interesses. «Die Nachfrage nach Stadler-Aktien ist sehr gross», sagt Florian Keller, Leiter Private Banking Support bei der Acrevis Bank, aufgrund seiner Beobachtungen und Kundenkontakte. Laut Keller war das Orderbuch bereits rund zwei Stunden nach Beginn des Preisbildungsverfahrens voll. Die Angebotsfrist läuft noch voraussichtlich bis Donnerstag, 12 Uhr, für private Anleger und bis 15 Uhr für institutionelle Investoren. Bis dahin nehmen die Banken also weiterhin Kaufaufträge entgegen.

«Es gibt eine x-fache Überzeichnung», sagt Keller. Will heissen: Die Kaufwünsche der Anleger übersteigen das Angebot von bis zu 40,25 Millionen Aktien bei weitem. «Das wird viele Enttäuschungen geben», sagt Keller. Privatkunden müssen sich darauf einstellen, dass sie lediglich einen Bruchteil der von ihnen gewünschten Aktien oder gar keine Papiere zugeteilt erhalten.

Europa dominiert Stadlers Geschäft

Ein Blick in den Kotierungsprospekt bestätigt, dass Stadlers Geschäft sehr europalastig ist: So entfallen gut 90 Prozent des Auftragsbestands per Ende Jahr auf Europa (siehe Grafik). Das gleiche gilt für den letztjährigen Umsatz, und der Auftragseingang 2018 kam gar zu 97 Prozent aus Europa herein.

Allerdings können einzelne Grossaufträge das Bild rasch ändern. So entfielen etwa 2016 fast 12 Prozent des Auftragseingangs auf Amerika, dank der Caltrain-Bestellung von Doppelstöckern für das Silicon Valley. Auch 2019 wird Amerika dank der jüngsten Order von Metrofahrzeugen für den Flughafen von Atlanta mehr zum Auftragseingang beisteuern als in den beiden vergangenen Jahren. Es ist denn auch das erklärte Ziel des Stadler-Patrons Peter Spuhler, nicht nur im Kernmarkt Europa zu wachsen, sondern auch in Amerika und den früheren Sowjetrepubliken. Und nach Möglichkeit will er in Asien Fuss fassen.

Zwischenwagen zur Verlängerung von Zügen

Dieser Tage hat Stadler in Polen zwei Aufträge erhalten. Zum einen hat die Bahngesellschaft Koleje Mazowieckie mit Stadlers polnischer Tochter einen Vertrag zur Lieferung von weiteren zwölf fünfteiligen elektrischen Triebzügen des Typs Flirt unterzeichnet. Der Auftrag ist laut den Angaben 405 Millionen Zloty (105 Millionen Franken) wert. Der Vertrag umfasst auch Wartung und Ersatzteile. Stadler wird die 160 km/h schnellen Züge in seiner polnischen Fabrik in Siedlce montieren. Die Lieferung ist Teil eines Rahmenvertrags, den Stadler und Koleje Mazowieckie Anfang 2018 unterzeichnet hatten und der die Lieferung von bis zu 71 Flirt-Zügen vorsieht. Im vergangenen Mai hatten die Polen eine erste Tranche von sechs Zügen bestellt, die noch dieses Jahr auf die Schiene sollen.

Zum anderen kann Stadler Polska für die Bahngesellschaft LKA zehn zweiteilige elektrische Flirts aus den Jahren 2014/15 verlängern. Dazu liefert die Fabrik in Siedlce zehn jeweils 16 Meter lange Zwischenwagen, mit denen die Züge auf 64 Meter verlängert werden. LKA betreibt den Vorortverkehr der Grossstadt Lodz und zählt mehr und mehr Passagiere. Laut LKA ist es zwecks Kapazitätsausbau günstiger, die Stadler-Züge zu verlängern als zusätzliche Fahrzeuge zu kaufen. Der Auftragswert beträgt 68,5 Millionen Zloty (17,8 Millionen Franken). Der Vertrag enthält auch eine Verlängerung der Wartung der Züge durch Stadler bis 2029.

Strassenbahnen für das Ruhrgebiet

Einen weiteren Auftrag hat Stadler in Deutschland an Land gezogen. Dort liefert die Berliner Tochter Stadler Pankow GmbH weitere sechs Strassenbahnen des Typs Tango an die Nahverkehrsgesellschaft Bogestra, die ein Netz im Ruhrgebiet betreibt. Ausserdem wird Stadler für die Bogestra 25 in die Jahre gekommene Stadtbahnwagen rundum modernisieren.

Stadler klettert auf Berge in der Zentralschweiz

Geht es um Zahnradbahnen, ist Stadler als weltweit einziger Hersteller nie weit. Zu den wichtigsten Märkten zählt die alpine Schweiz. So kommt Stadler gerade in der Zentralschweiz wieder ins Geschäft. Noch diesen Monat wollen die Rigi-Bahnen mit Stadler einen Kaufvertrag für sechs Gelenktriebwagen inklusive Reservematerial unterzeichnen. Das kündigten die Rigi-Bahnen am Freitag an. 38 Millionen Franken sind dafür budgetiert. Ziel ist es, ab 2022 die Gäste zur Hochsaison im Halbstundentakt statt wie bisher im Stundentakt zwischen Vitznau und Rigi-Kulm zu befördern.

Stadler ersetzt 80-jährige Gefährte am Pilatus

Ausserdem haben die Pilatus-Bahnen als Betreiber der steilsten Zahnradbahn der Welt bereits im vergangenen Juli einen Vertrag mit Stadler unterzeichnet, wie sie nun publik machten. Demnach bestellen sie für 30 Millionen Franken acht Personentriebwagen und einen Gütertriebwagen. Die neuen Fahrzeuge sollen die 80-jährigen Gefährte ersetzen, die derzeit zwischen Alpnachstad und Pilatus-Kulm verkehren.

Laut den Pilatus-Bahnen haben die Engineering-Arbeiten begonnen. Bei den neuen Zahnradtriebwagen von Stadler handle es sich «um einen Prototypen. Die Planer und Bahnbauer können für die über 120 Jahre alte Bahnstrecke nicht auf das Wissen über andere Projekt zurückgreifen», sagt Bruno Thürig, Verwaltungsratspräsident der Pilatus-Bahnen. Für 20 Millionen Franken werden die Stationen und die Strecke angepasst. (rab/rr)

Fahrt frei für den Giruno durch den Gotthard

Im Oktober 2014 haben die SBB bei Stadler 29 elfteilige Hochgeschwindigkeitszüge bestellt. Auftragswert: 980 Millionen Franken. Anschliessend hat Stadler den Zug des Typs Smile, der bei den SBB Giruno heisst, in lediglich 23 Monaten entwickelt und gebaut.
Nun hat das Bundesamt für Verkehr (BAV) dem neuen Stadler-Zug eine Betriebsbewilligung für 200 km/h in Einzeltraktion erteilt.

Das macht den Weg frei, damit die SBB den Giruno laut Plan ab Frühsommer schrittweise in Betrieb nehmen. Bestellt wurde der neue Zug für den Nord-Süd-Verkehr durch den Gotthard-Basistunnel, der seit Ende 2016 in Betrieb ist, und den Ceneri-Basistunnel, der Ende Jahr fertig sein soll. Die beiden Tunnels vollenden die Flachbahn durch die Alpen, und die SBB gehen von einer deutlichen Zunahme der Nachfrage aus.

Noch nicht im Ausland angekommen

Der Giruno kann auch in Doppeltraktion mit einer Länge von bis zu 400 Metern geführt werden. Er kann Tempo 250 fahren, hat in Tests aber auch schon 275 km/h erreicht. Seit April letzten Jahres sind mehrere hundert Testfahrten in der Schweiz, in Italien, Deutschland und Österreich absolviert worden.

Die SBB verfügen über mehrere Optionen zur Bestellung von bis zu 92 weiteren Giruno-Zügen. Noch nicht geklappt hat Stadlers Ansinnen, nach dem Referenzauftrag der SBB den Smile auch anderen Bahnen zu verkaufen. Bewährt sich der Giruno, könnte das Neukunden anlocken. (T.G.)