MOBILITÄT: China setzt Autofirmen unter Strom

Ab 2018 soll jedes vierte verkaufte Auto in China einen Elektromotor haben. Die deutschen Autobauer fühlen sich unter Druck. Sie fürchten, der Boom auf dem grössten Automarkt der Welt könnte für sie vorbei sein.

Felix Lee/Peking
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Elektrotaxis des chinesischen Autobauers BYD im Stadtverkehr von Taiyuan. (Bild: Qilai Shen/Getty (13. September 2016))

Elektrotaxis des chinesischen Autobauers BYD im Stadtverkehr von Taiyuan. (Bild: Qilai Shen/Getty (13. September 2016))

Felix Lee/Peking

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Die meisten europäischen Autobauer – allen voran die Deutschen – blicken in China auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Mit einem Anstieg der Verkaufszahlen von vielleicht gerade einmal 6 oder 7 Prozent hatten sie gerechnet. Stattdessen verzeichnete Volkswagen in diesem Jahr ein Plus von über 12 Prozent. Auch BMW konnte seinen Absatz deutlich steigern. Am meisten legte Daimler zu; die Stuttgarter konnten den Verkauf um fast 28 Prozent steigern. Der gesamte chine­sische Markt war bis Ende November um rund 15 Prozent gewachsen.

Doch schon 2017 dürften die Verkaufszahlen für die deutschen Autobauer sehr viel schlechter aussehen. Denn die chinesische Regierung plant eine Reihe von Massnahmen, die allen voran den deutschen Autobauern auf dem grössten Automarkt der Welt das Geschäft vermiesen könnten. Steuererleichterungen für besonders kleine Motoren, die im zurückliegenden Jahr ganz er­heblich für den Verkaufsschub gesorgt haben, fallen zum Jahresende weg. Stattdessen will Peking für Luxusfahrzeuge, die teurer als umgerechnet 180000 Euro sind, eine zusätzliche Sondersteuer von 10 Prozent erheben. Diese Steuer gilt bereits seit dem 6. Dezember.

Vor allem aber die Pläne der chinesischen Regierung für eine feste Elektroautoquote setzen die deutsche Autoindustrie in Alarmstimmung. Jeder Autohersteller muss künftig «herstellerbezo­gene Durchschnittsverbrauchspunkte» sammeln. Innerhalb des Systems gibt es ab 2018 eine ei­gene Kategorie von Punkten für «Fahrzeuge mit neuen Antriebsformen» (New Energy Vehicle, NEV). Dazu gehören reine Elektroautos, Steckdosen-Hybride und konventionelle Hybridautos, die ihre Batterien über den Benzinmotor laden. Die zwei Typen von Punkten lassen sich nach einem Schlüssel gegeneinander austauschen und zwischen verschiedenen Herstellern handeln.

China will bis 2020 5 Millionen Elektroautos

Alle Hersteller, die mindestens 50000 Autos im Jahr verkaufen, müssen bis 2018 rund 8 Prozent, bis 2019 sogar 10 Prozent und bis 2020 ganze 12 Prozent NEV-Punkte vorweisen können. Aus dieser komplizierten Berechnung könnte sich für einige Autohersteller ergeben, dass bereits ab 2018 jedes vierte verkaufte Auto eins mit Elektroantrieb sein muss. Erfüllt ein Autobauer diese Quote nicht, soll er dazu verpflichtet werden, anderen Herstellern sogenannte Punkte abzukaufen. Ziel der chinesischen Führung: Bis 2020 sollen mindestens 5 Millionen Elektrofahrzeuge auf Chinas Strassen rollen.

Die Bestimmungen betreffen zwar alle Hersteller. Doch bei der Elektromobilität sind die deutschen Autobauer ausgerechnet auf ihrem derzeit wichtigsten Absatzmarkt vergleichsweise schlecht aufgestellt. Die japanische Konkurrenz – allen voran Toyota – setzt bereits seit Jahren auf Antriebsformen mit Elektromotoren. Toyota konnte dabei schon sehr viel Erfahrung sammeln. Selbst die chinesischen Autobauer sind sehr viel besser aufgestellt: Der Autobauer BYD (Build Your Dreams) ist sogar über die Batterietechnik gross geworden. VW, Audi, BMW und Daimler hingegen waren bislang eher zögerlich. Autos mit Verbrennungsmotoren verkaufen sich in China derzeit ja prächtig.

Nach aussen hin versuchen die Vorstandschefs der deutschen Hersteller, ihren Ärger über die neue Regelung zu kaschieren. Daimler wolle sein Wachstum in China künftig mit seiner vor Ort produzierten neuen Marke EQ ankurbeln, kündigte China-Vorstand Hubertus Troska an. «Wir wollen den Mercedes unter den Elektrofahrzeugen entwickeln.» Zugleich muss auch er zugeben, dass es noch keinen festen Zeitpunkt gibt, ab wann und mit welchem chinesischen Partner EQ-Modelle einschliesslich der Batterien für den Elektromotor gebaut werden. Nicht besser sieht es bei Volks­wagen aus. Von 30 Elektromodellen innerhalb der «nächsten fünf bis zehn Jahre» ist die Rede, neuerdings auch von 400000 Fahrzeugen mit Elektro- oder Hybridmotoren ab 2020. Derzeit sind es aber nach eigenen Angaben gerade einmal «mehrere hundert» – und allesamt importiert.

Hinter den Kulissen ist der Ärger über die angekündigte Regelung gross. In den China-Zentralen in Peking beklagen die Manager, die chinesische Verwaltung habe sie nicht ausreichend eingebunden. Immerhin habe die deutsche Autowirtschaft in China Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen. Ihr stehe daher ein Mitspracherecht zu. Doch die Kritik prallt in China ab. Die Fakten lägen längst auf dem Tisch, sagt der chinesische Autoexperte Zhang Zhiyong. Er verweist auf die hohe Luftverschmutzung, unter der Millionen von Chinesen in den grossen Städten leiden und der die chinesische Führung bereits vor fünf Jahren den Kampf angesagt hat. Die Massnahmen seien nur noch nicht ausreichend umgesetzt. Zugleich produziert China inzwischen einen Überschuss an alternativer Energie aus Sonne und Wind. Es mangelt jedoch an Abnehmern. Batteriebetriebene Autos wären die idealen Kandidaten, diesen Strom zu verwenden.

In Peking zum Beispiel, dessen Strassen von mehr als 6 Millionen Autos verstopft sind, werden Kennzeichen für Neuzu­lassungen nur noch verlost. Die Chancen, eine der Lizenzen zu ergattern, liegen bei unter 5 Prozent. Wer ein Elektroauto kauft, braucht nicht am Losverfahren teilzunehmen. Andere Grossstädte wollen diese Regelung ebenfalls einführen. «Auf diese Entwicklung haben die deutschen Autohersteller aber nicht ausreichend reagiert», kritisiert Automarktexperte Zhiyong. «Sie ruhen sich stattdes­sen auf den guten Verkaufszahlen in der chinesischen Provinz aus.»