MOBILITÄT: Luzerner Anbieter sieht Chance im Süden

Fernbusse boomen. Doch obwohl der Schweizer Marktführer seinen Firmensitz in Weggis hat, sind Zentralschweizer Kunden benachteiligt.

Carina Odermatt
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Ein Reisecar in Luzern. (Symbolbild) (Bild: Archiv)

Ein Reisecar in Luzern. (Symbolbild) (Bild: Archiv)

Das Fliegen wird immer komplizierter, die Bahnen sind teuer, die Reise im eigenen PW anstrengend – nun sind die Fernbusse auf der Überholspur. Das hat seinen Grund. 2013 wurde in Deutschland das Transportwesen liberalisiert. Das Monopol der Deutschen Bahn für den landesweiten Fernverkehr fiel. In Rekordzeit entwickelte sich ein neuer Markt. Inzwischen gibt es rund 150 Verbindungen in Deutschland.

Günstigere Preise für Kunden

Freuen über diese neuen Anbieter dürfen sich auf jeden Fall die Kunden: Sie profitieren gegenüber Flug- und Bahnreisen von wesentlich günstigeren Preisen, je nach Strecke sparen sie bis zu 50 Prozent. Die cleveren deutschen Anbieter haben schnell realisiert, dass auch mit der Schweiz ein Geschäft zu machen ist. Sie kombinieren nationale deutsche Linien mit einem Abstecher in unser Land. Beispielsweise verlängern sie das Angebot von München nach Friedrichshafen und Konstanz mit einer Zusatzschlaufe über Zürich. Grösster Anbieter ist das Start-up-Unternehmen MeinFernbus in Berlin, ein Konkurrent ist Flixbus. Zurzeit verkehren zwischen den beiden Städten täglich bis zu 20 Linienbusse. Eine einfache Fahrt von Zürich nach München kostet bei Mein- Fernbus 15 Euro. Ein Dumpingangebot? «Die aktuell durch die Unternehmen angebotenen Fahrkartenpreise im Verkehr innerhalb von Deutschland sowie im Bereich Deutschland-Schweiz sind nicht kostendeckend», sagt Patrick Angehrn. Er betreibt seit 2009 vom luzernischen Weggis aus das Fernbus-Unternehmen ExpressBus. «Es geht den deutschen Fernbus-Unternehmen primär um die Erlangung von Marktanteilen», so Angehrn. Er geht davon aus, dass langfristig in Deutschland nur zwei, drei Anbieter überleben werden.

Anders als Deutschland ist der Personenverkehr in der Schweiz nicht liberalisiert. Die Schweizer Gesetze verbieten die Beförderung von Fahrgästen mit Fernbussen innerhalb der Schweiz, also von Luzern nach St. Gallen oder von Zug nach Bern. Und Schweizer Firmen ist es gemäss Landesverkehrsabkommen im Gegensatz zu EU-Ländern nicht gestattet, Fahrgäste zwischen den EU-Ländern zu befördern. Konkret: Ein Schweizer Anbieter darf auf der Strecke Zürich–Bregenz–München im Gegensatz zu einem EU-Unternehmen keine Fahrgäste zwischen Bregenz und München befördern. Er kann seine Gäste nur direkt von Zürich nach München oder nach Bregenz transportieren.

Neben dem Deutschland-Markt setzt sein Unternehmen stark auf ein zweites Standbein: auf den Markt im Süden. Er fährt regelmässig nach Kroatien, in den Kosovo, nach Serbien, Mazedonien, Bosnien, in die Slowakei sowie nach Österreich, Ungarn, Rumänien, Italien und Spanien. «Gemeinsam mit unseren Partnern bedienen wir von der Schweiz aus 350 Orte in 17 Ländern», sagt er. Eine Reise nach Spanien kostet 99 Franken, für einen Trip nach Venedig muss man 70 Franken hinblättern.

Abfahrt von der Autobahnraststätte

Dabei profitiert er bei diesen Destinationen von einer breiten Kundenschicht. Zu schaffen macht ihm einzig, dass der Betrieb ab seiner Heimbasis Luzern nicht optimal funktioniert. Zwar fahren Busse nach Genua, Savona und Venedig und auch in Richtung Balkan. «Aber die Fernbusse dürfen ihre Gäste nicht wie herkömmliche Car-Unternehmen am Inseliquai in der Stadt Luzern an Bord willkommen heissen», beschwert sich Angehrn. «Wir dürfen nur auf der Autbahnraststätte Neuenkirch Halt machen.» Die Raststätte sei aber nicht am ÖV angeschlossen. Ein Reisender brauche zwingend einen PW, der ihn dorthin fährt und wieder abholt. «Luzern ist die einzige Schweizer Stadt, in der die Fernbusse weit ausserhalb halten müssen», so Angehrn. Er wäre bereit, in Zusammenarbeit mit der Stadt einen Busterminal in Stadtnähe zu realisieren. Von einer Schikane will Roland Koch von der Verkehrsplanung der Stadt Luzern jedoch nichts wissen. Im Gegenteil: «Die Fernreisebusse können in der Innenstadt von Luzern nicht auch noch untergebracht werden», sagt er.

Nichtsdestotrotz ist Angehrn von seinem Business-Modell überzeugt: «Langfristig wird der internationale Linienbusverkehr im Kurz- bis Mittelstreckenbereich erfolgreich sein.» Das sind Strecken mit einer Fahrdauer von maximal 18 Stunden und einer Distanz von 1500 Kilometern. «Und die direkte Verbindung zu kleinen Orten hat sowohl bei den Touristen wie bei Angehörigen von Menschen mit Migrationshintergrund ein grosses Potenzial.»