MODE: Traditionsunternehmen im Sinkflug

Charles Vögele kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus: Das Modehaus verliert nicht nur seine zahlenden Kunden, sondern auch Investoren. Der Wert der einst so stolzen Firma schwindet dahin.

Bernard Marks Bernard Marks
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Charles Vögele zieht zu wenige Kunden in seine Läden. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Charles Vögele zieht zu wenige Kunden in seine Läden. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

«Es ist schon sehr negativ, dass ein Modeunternehmen ständig wegen seiner finanziellen Lage in den Schlagzeilen ist», sagt der Luzerner Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler. Seit vielen Jahren liegt der Patient Charles Vögele bereits auf der Intensivstation. «Man muss sich langsam fragen, ob er nicht bereits klinisch tot ist», sagt Wangler. Im Jahr 2000 war Charles Vögele noch über 3 Milliarden Franken wert. Gestern wäre das Modehaus an der Börse für nicht einmal mehr 80 Millionen Franken zu kaufen gewesen (siehe Grafik). Die Aktie notierte zu Börsenschluss bei einem historischen Tiefstkurs von 9.04 Franken.

Marke verliert an Bedeutung

Der massive Kursverlust über die vergangenen 13 Jahre spiegelt den Wertzerfall eines Weltkonzerns mit über 6700 Mitarbeitern und 812 Filialen in ganz Europa wieder. Nach Ansicht von Experten wie Wangler ist die Marke Charles Vögele bereits seit geraumer Zeit gestorben. «Das Modehaus hatte in den 60er- und 70er-Jahren in ländlichen Gegenden der Schweiz eine grosse Bedeutung, weil die Menschen noch nicht mobil waren. Heute gehen die gleichen Käufer lieber zu H & M, C & A oder Schild einkaufen», sagt Wangler. Ein Abendkleid für 29 Franken, produziert in Bangladesch, sei in der heutigen Zeit nicht mehr zeitgemäss.

Erschwerend komme hinzu, dass Mode von Charles Vögele einfach nicht mehr in sei. Laut Wangler muss gehandelt werden: «Jetzt gilt es zu retten, was noch zu retten ist, wenn noch etwas zu retten ist», sagt er. Denn immer mehr Investoren verlassen das sinkende Schiff.

Investoren reduzieren Engagement

«Es haben schon mehrere Grossaktionäre ihr Engagement reduziert», bestätigt der Analyst Patrick Hasenböhler von der Bank J. Safra Sarasin. Kürzlich habe beispielsweise der Classic Global Equity Fund seine Position von 5,1 Prozent per Ende 2012 auf unter 3 Prozent reduziert. Für den Vögele-Sanierer Hans Ziegler dürfte dies kurz vor Präsentation der Halbjahreszahlen am 20. August ein schlechtes Zeichen sein.

Hasenböhler hat wenig Hoffnung auf eine Besserung der Lage. «Aufgrund des generell schwierigen Branchenumfelds würde es erstaunen, wenn Vögele mit den Zahlen positiv überraschen würde», sagt Hasenböhler. Solange keine Trendumkehr erkennbar sei, dürfte auch der Aktienkurs unter Druck bleiben.

Zu viele Filialen und Mitarbeiter

Das Grundproblem ist laut Hasenböhler, dass Charles Vögele zu wenig Umsatz macht, um die eigenen Kosten zu decken. Auch der Umsatz pro Mitarbeiter sei zu tief. Das Modehaus habe deshalb die Anzahl Mitarbeiter bereits stark reduziert. Ende 2007 beschäftigte Vögele 7811 Mitarbeiter, Ende 2012 noch 6743. Erst kürzlich gab es am Hauptsitz in Pfäffikon Entlassungen. «Der Spielraum für Personalabbau ist aber sehr beschränkt, solange die Anzahl Filialen nicht reduziert wird», sagt Hasenböhler.

Schlecht sieht auch die Entwicklung des Umsatzes, gemessen an der Verkaufsfläche, aus. Während die Anzahl der Mitarbeiter zwischen 2007 und 2012 um 14 Prozent abgenommen hat, betrug der Rückgang bei der Verkaufsfläche (Stand jeweils Ende Jahr) im gleichen Zeitraum lediglich 2 Prozent. «Bei so vielen Mitarbeitern müsste ein Unternehmen viel mehr Umsatz machen», sagt Experte Wangler dazu. Wanglers Ansicht nach sind die Arbeitsplätze bei Charles Vögele alles andere als sicher.

Möglicher Retter sagt ab

Schlechtes Wetter, Tausende Tote bei Einstürzen von Nähereien in Bangladesch, sinkender Umsatz und Schulden: Für die Führungsetage von Charles Vögele rund um den CEO ad interim Markus Voegeli sind dies keine guten Voraussetzungen. Für Wangler ist klar, dass Vögele abspecken muss, bevor der Konzern verkauft werden kann. Einen Einfluss könnte seiner Meinung nach bereits hinter den Kulissen die Migros nehmen.

Was die Grossaktionärin Migros mit ihrer Beteiligung an Charles Vögele von 25 Prozent machen will, ist offiziell aber offen. Migros-CEO Herbert Bolliger hatte im April ein strategisches Engagement bei Charles Vögele völlig ausgeschlossen. Urs Peter Naef, Mediensprecher der Migros, dazu: «Vögele ist ein reines Finanzinvestment für uns.» Mit der jüngsten Talfahrt der Vögele-Aktie verkommt das Migros-Engagement aber weiter zum finanziellen Fiasko.